Mit neuen Services rund um Landkarten und Satellitenbilder wollen Google und Co. das Internet neu ordnen. Versprochen wird der ganz große Durchblick und das noch größere Geschäft mit neuen Werbedimensionen.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 95

Alles auf eine Karte
Die Verortung des Internets

Schon lange war die Aufregung unter den Internet-Auguren nicht mehr so groß wie dieser Tage: Die neuen geografischen Such- und Spielfunktionen von Google, Microsoft und Yahoo sollen nichts weniger als eine neue Ära des Internet einläuten, in der Informationen nicht mehr nach abstrakten Datenbankkriterien sortiert oder in den chaotischen Zufälligkeiten des Webs versteckt sein werden. Stattdessen soll sich alles hübsch übersichtlich und nachvollziehbar nach konkreten Orten ausrichten, also einer Ordnung, an die wir von der eigenen Wohnung über den täglichen Gang zum Supermarkt bis hin zum Urlaubshöhepunkt unter dem Eiffelturm im Wortsinn seit Menschengedenken gewöhnt sind. Und als ob diese inhaltlichen Verheißungen nicht schon genug nach New-Economy-Buhei klingen würden, soll die Reorganisation des Internets auch noch mit gigantischen neuen Geschäftsmöglichkeiten einhergehen, wobei noch viel mehr Werbung in bislang ungeahnten Nischen und Zusammenhängen die größten Profite verspricht. Dabei kommt der Anlass der Aufregung zunächst recht unspektakulär daher: Services wie Google-Maps erlauben die Suche nach Adressen sowie das beliebige Rumzoomen in Landkarten von der groben Landesansicht bis hinein zur eigenen Straße – das ist praktisch, wenn man mal wieder Auto fahren wollte, aber erstens nicht besonders funky und zweitens auch nicht neu, denn Routenplaner, Stadt- und Landkarten gibt es im Netz schon geraumer Zeit. Spannender wird es dagegen, wenn die Landkarten auch mit Satellitenbildern kombiniert werden können, denn im Gegensatz zu den trockenen Karten weckt die Vogelperspektive automatisch das Interesse und den Spieltrieb: Mal schaun, wie der Sandkasten, in dem man sich zum erstenmal Dreck in die Nase gesteckt hat, von oben aussieht. Und genau diesen Effekt macht sich jetzt “Google Earth” zunutze, um möglichst viele Surfer für die kommenden Services anzufixen: Nach dem Download einer speziellen Software (derzeit nur für Windows) kann man aus der Astronautenperspektive zum eingegebenen Zielort einen rasanten Sturzflug erleben, der außer der Auflösung voll hollywoodreif inszeniert ist und dank eingerechneter Höhendaten und nett gemachter Kamerabewegungen einer richtigen Flugsimulation schon recht nahe kommt.

Jamba greift an

Dass Google mit der Software und der Idee von der Satellitenbild-Allmacht den Massengeschmack trifft, zeigen nicht nur die beeindruckenden Download-Zahlen, die ohne jede Werbung erreicht wurden, sondern auch die Tatsache, dass sich die professionellsten aller Taschengeldräuber schon nach wenigen Wochen an den Trend angehängt hatten: Der “Handy-Satellit” der Klingeltonbude Jamba wird heftig auf MTV und Viva beworben und verspricht den jugendlichen Opfern schlicht “den Überblick” durch beliebiges Zoomen. Interessant ist das Beispiel nicht nur wegen der Dreistigkeit, sondern auch, weil hier der Kern der Faszination der Satellitenbilder skrupellos angetriggert wird: Wer würde nicht gerne in Echtzeit auf Satellitenvideobilder von beliebigen Orten zugreifen können? Selbstredend werden bei Google oder Jamba keine Videos vom Satelliten geboten und die verwendeten Aufnahmen sind in der Regel schon einige Jahre alt, was sich anhand von Baustellen in vertrauten Städten recht schnell feststellen lässt. Aber die Satellitenbilder sind auch für Google nur das Appetithäppchen, das die Nutzer auf den Geschmack bringen soll, und sie stellen letztendlich nur eine – wenn auch recht reizvolle – Anreicherung von Kartenmaterial mit Zusatzinformationen dar.

Geld drucken mit Karten

Die Idee von Google, Microsoft und Yahoo ist es dagegen, möglichst alle verfügbaren Informationen, die sich an einem Ort festmachen lassen, auch mit der entsprechenden Stelle auf der Karte zu verknüpfen: Je nach Kartendimension ist dann ein Land, eine Stadt, ein Stadtteil, eine Straße, eine bestimmte Adresse oder zuletzt das Büro im dritten Stock des Gebäudes mit allen denkbaren Daten angereichert. Das Prinzip entspricht den “Aral”- oder “McDonalds”-Icons auf den klassischen Stadtplänen, nur dass sich auf den virtuellen Stadtplänen auch die Öffnungszeiten, das Menu, das Angebot der Woche und beliebiger sonstiger Schnickschnack verlinken lassen. Für ein Unternehmen wie Google, dessen Haupteinnahmequelle in Cent-Beträgen besteht, die mit Werbelinks generiert werden, liegen die ökonomischen Möglichkeiten der kommenden Karten auf der Hand: Zukünftig sollte auch die letzte Eckkneipe ihre Homepage via Google-Karte zugänglich machen und so Besucher zur Happy-Hour locken. Dabei ist Google allerdings smart genug, vor dem großen Abkassieren von Microbeträgen via kommerzielle Einträge den gewöhnlichen Surfer die Drecksarbeit mit den anderen, nicht-kommerziellen Daten übernehmen zu lassen: “Google Earth” erlaubt es nämlich jedem Nutzer selbstständig Verknüpfungsdaten zu erstellen, so gibt es beispielsweise schon den passenden Datensatz, der fast jedes deutsche Dorf mit dem entsprechenden Wikipedia-Eintrag verknüpft. Ob und wie diese Verknüpfungen einmal in der offiziellen Weltansicht von Google zu finden sein werden, ist derzeit allerdings noch nicht abzusehen, da sich der ganze Ansatz noch im experimentellen Stadium befindet und wenn jede Verknüpfung gleichwertig dargestellt wird, geht die Übersicht schneller flöten, als der Nutzer zoomen kann – schließlich finden sich schon jetzt auch Verknüpfungsdateien, die die persönlichen Lebenswege einzelner Nutzer penibel auf den Karten nachzeichnen, vom Geburts-Krankenhaus über den Kindergarten zur Lieblings-Disco bis zum Wohnort. Genauso unklar ist derzeit, wie sich die angereicherten Karten unter Datenschutzkriterien verhalten werden: Denn wenn das Geschäftsmodell einmal in Schwung kommt, werden auch jede Menge Informationen auftauchen, die vom Grundstücksbesitzer oder den Bewohnern und Nutzern eines Hauses gar nicht goutiert werden. Schon jetzt gibt es Verknüpfungsdateien, die die Wohnorte von Sexualstraftätern in US-Städten ausweisen und virtuelle Demonstrationen können zukünftig richtig Wirkung entfalten, wenn rund um einen Firmensitz Schmähungen angebracht werden. Zuletzt sollten die Satellitenbilder ziemlich schnell aktueller werden, wenn das Geschäftsmodell mit den Karten einmal in Gang gekommen ist. Und auch wenn nie Echtzeitbilder zur Verfügung stehen werden, sollte es genug Menschen geben, die nicht wollen, dass ihre Gartengestaltung frei im Netz einzusehen ist – womit sich vielleicht schon die nächste Einnahmequelle abzeichnet, die darin besteht, dass bestimmte Grundstücke oder Adressen gegen Gebühr in den Karten nur verzerrt abgebildet werden.

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Elektronische Lebensaspekte.