Der Techhouse-Mod Håkan Lidbo verlässt sich bei der Suche nach einem neuen Musikstil auf Disziplin und Kontrolle. Ein Wettlauf mit dem Fließband, um sich nicht festlegen zu lassen und Faulheit zu vermeiden.
Text: jan joswig aus De:Bug 47

Der Mod im Elektronikpelz
Håkan Lidbo ist Mod, der letzte der Malmö Mods. Nicht im historisch eingefrorenen Sinne: Wir tragen Anzüge mit knöpfbarem Ärmelabschluss und hören Northern Soul. Nein, im progressiven Sinne: Wir tragen Anzüge mit knöpfbarem Ärmelabschluss und hören Techhouse. Mod als überzeitliche Attitüde, nicht als Sixtieskostümball. Der Kern der Modphilosophie setzt sich zusammen aus Stil, Schnelligkeit, Zukunft, Geschmeidigkeit, alert, alert, modernes Leben für moderne Menschen. Modern immer ganz undialektisch gelesen als der entscheidende Vorsprung ins Bessere, Schönere, den Quadratköppen Entronnene. Lange hat niemand mehr diese Begriffe so euphorisch besetzt wie Håkan Lidbo. Hier gilt der Vektor ‘weiter’ noch etwas. Allerdings mit einer grundsätzlichen Hierarchisierung. Auf seinem Button am Tweedrevers steht nicht, “gute Kleidung tragen, besser leben”, sondern “gute Musik hören, besser leben”. Oder auch “Tech Couture”, der Claim, mit dem Håkan Lidbo diese Haltung im Titel seines aktuellen Albums für Poker Flat plakatiert. Gute Musik ist immer im Wandel, immer auf der Flucht vor dem Ist-Zustand, benutzt die Technik von heute und entwirft damit das Leben von morgen. Keine Frage, dass das Techhouse sein muss – die reduziert kontinentale Variante, nicht die englische mit ihrem Trance- und Progressivatavismus. Denn seit Jungle war der Knoten, der den Wundersack zum Neuen verschließt, nicht mehr so zum Zerreißen gespannt wie in diesem Genre.
Den Knoten zu durchtrennen, bedeutet konzentrierte Arbeit. Zwei weitere zentrale Begriffe für Lidbo sind deshalb Disziplin und Kontrolle. The best organized Man in Showbusiness verwaltet mit seinem “Container”-Verlag nicht nur seine eigenen Veröffentlichungen, die 200 Titel in den letzten zwei Jahren auf Labeln wie Paper, Loaded, April, Force Inc, Transmat und Poker Flat umfasst, sondern auch die befreundeter Schweden wie etwa Gungeligungs Martin Venetjoki. Sein Fließbandausstoß an Tracks addiert sich zu einem Experimentieren in Praxis. Neben dem Techhousestandbein produziert er breit leuchtenden Discohouse (Loaded, Horehaus) bis elektroakustische Clickstrukturen (April, Force Inc) mit dem erklärten Ziel, alle Bereiche so perfekt im Schlaf zu beherrschen, dass man nach ihrer Fusion in ungeahnter Architektur aufwachen kann. Denn schon die Fugs prophezeiten in den Sechzigern: Wenn die Musik sich ändert, zittern die Mauern der Stadt.
Lektion 1: Be part of the Future
De:Bug: Sie veröffentlichen auf einer Unzahl von Labeln. Ist das durch ihre hohe Produktionsdichte bedingt? Ich hatte immer den Eindruck, es macht Ihnen Spass, sich an dem speziellen Stil der jeweiligen Label zu orientieren. Nicht im Sinne einer Kopie, aber einer Mimikry?
Lidbo: Die Quantität ist enorm, keine Frage, kein Label könnte alle meine Produktionen veröffentlichen. Ich muss streuen. Aber die Label fragen auch direkt bei mir an. Und ich habe eine Art Politik: Wenn immer mich ein Label nach einem Track fragt, sage ich ja! Ich arbeite sehr schnell. Stellen die Label spezifische Aufgaben, erfülle ich sie. Ich adaptiere Labelstile. Auf “Paper Recordings” klinge ich nach Paper, auf “Clicks and Cuts 2” von Force Inc klinge ich nach Clicks and Cuts. Allerdings veröffentliche ich den Großteil unter meinem Namen, Håkan Lidbo, egal wie unterschiedlich die Musik ausfällt. Håkan Lidbo ist funky, jazzy Zeugs auf Paper, twisted Disco auf Loaded oder Techhouse auf Poker Flat. Ich mag die Idee, dass sich niemand auf meinen Namen als Trademark für einen bestimmten Stil verlassen kann. So werden die Leute nicht faul. Kaufe nie eine Håkan Lidbo-Platte, ohne sie vorher angehört zu haben.
De:Bug: Auf dem “Tech Couture”-Album und den drei EPs für Poker Flat orientieren sie sich an dem bassschweren Klang, der Poker Flat im Minimalhouserahmen so charakteristisch macht. Daneben steht die perkussive Beatprogrammierung sehr im Mittelpunkt.
Lidbo: Yeah, einige der Tracks sind mit einem ziemlich subby Bass aufgenommen. Die Beats meiden die 4/4, variieren mehr Synkopen, aber nicht im Sinne von Electro. Bossa Nova oder Samba sind der Bezugspunkt, allerdings mit sehr technoiden Klängen. Kraftwerk spielt Merengue oder Samba. Wenn man nur auf die Rhythmen hört, ist “Tech Couture” eine südamerikanische Platte.
De:Bug: Wer hat das Image für “Tech Couture” festgelegt? Håkan Lidbo als 70er Halbweltdandy, der gnädigerweise einer nackten Frau erlaubt, sein Anzughosenbein zu zerknittern?
Lidbo: Das war in der Hauptsache ich, mit Unterstützung von Poker Flats Steve Bug. Die Poker Flat-Linie trifft sich mit meinen Designvorstellungen. Ich kaufe Unmengen an Herrenmagazinen aus den 60ern und 70ern. Ich mag die Fotos, die Anzeigen, die natürlichen Ladies ohne Silikon. Ich denke, es ist sehr korrekt, ein technolastiges Label mit einem Höchstmaß an Stil zu präsentieren. Keine Sneaker und Neonhemden. In den 60ern waren die Leute in England, die sich für moderne Musik interessierten, genauso auf Mode fixiert. Arbeiterkinder, die wie italienische Geschäftsleute aussehen wollten. Und sie wollten nichts anderes als die Musik der Zukunft hören. Die Zeiten ändern sich, die Musik zieht mit. Techhouse ist heute der perfekte Soundtrack für den modernen Menschen. Deshalb habe ich das Album “Tech Couture” betitelt. Haute Couture ist die Mode der nächsten Saison, mein Album ist die Techhouse-Kollektion der nächsten Saison, hoffe ich…
Lektion 2: be organised
De:Bug: Sie produzieren wie eine Ein-Mann-Fabrik. Arbeiten Sie mit Stechuhr?
Lidbo: Von 9 bis 19 Uhr ist meine Zeit. Ich beginne am Morgen und habe um 14 Uhr den ersten Track fertig, manchmal auch zwei. Dann kann ich am Nachmittag Geschäftstelefonate führen und Mails beantworten. Ich habe eine gigantische Klangbibliothek. Soll die Hihat mehr sirren, weiß ich genau, da habe ich diese Flobby von 1989 archiviert. Es ist eine Frage der Fokussierung. Mit einem Joint im Studio einen ganzen Tag an einer Hihat rumzufitzeln, ist nicht mein Stil.
De:Bug: Sie produzieren also Musik auf sehr kontrollierte Weise, die auf nichts Anderes zielt, als das Clubpublikum die Kontrolle verlieren zu lassen?
Lidbo: Auf eine Weise, aber wenn man in einer Rockband ist, kann man einfach eine Menge Lärm machen. Und dieser Lärm transportiert Energie. Dancemusic erfordert mehr Akkuratesse. Der Computer ist eine andere Art Instrument. Natürlich kann man auch mit ihm rumlärmen, aber es muss funky sein. Man muss ins Detail gehen, es ist wissenschaftlicher. Nur zu sauber darf es nicht werden. Auch deshalb arbeite ich so schnell. Im Studio habe ich ein kleines Spiel entwickelt: Ich arbeite mit dem Cubase-Programm. Ein Cursor wandert automatisch von links nach rechts. Wenn das Grundarrangement steht, starte ich den Cursor bei Null und versuche, bei der Feineditierung dem Cursor voraus zu sein. Ich editiere in Echtzeit. Es ist ein Wettstreit mit dem Rechner. In sieben Minuten ist ein Track editiert.
De:Bug: Das klingt wie die beste Vorübung zum Livespielen?
Lidbo: Ich habe ein Liveset. Aber ich benutze keinen Computer auf der Bühne, kein Midi. Ich baue ein 8-Spur-Gerät und einen Vocoder auf und kombiniere sie mit analogen Synthezisern und Drummachines. Live bin ich schwer beschäftigt, ich schwitze ein T-Shirt nach dem anderen durch und singe permanent durch den Vocoder, ziemlich cheesy, ein bisschen Disco, 80er, Acid, Latin.
De:Bug: Aber bei den Plattenproduktionen halten sie die einzelnen Stile getrennt, mixen nicht die verschiedenen Interessen?
Lidbo: Noch nicht, aber sobald ich die unterschiedlichen Stile beherrsche, werde ich Dinge kombinieren, die an den gegensätzlichen Enden der Welt liegen. Mein ultimatives Ziel ist es, einen eigenen Musikstil zu erfinden. So wie einige Typen Drum and Bass erfunden haben. Ein Großteil der Leute ist natürlich zum Nachahmen verdammt. Aber ich bin bestens trainiert, um per Zufall im Studio den richtigen Knopf im richtigen Moment zu drücken. Und hups, zittern die Mauern der Stadt und die Erde dreht doppelt schnell.

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Elektronische Lebensaspekte.