Neue Labels aus Hamburg
Text: Michael Siegle aus De:Bug 117


House in Deutschland durchläuft Zyklen und Hochburgen. Hamburg setzte mit dem Club “Front” und dem Plattenladen “Container” frühe Maßstäbe. Dann wanderte der Stab nach Frankfurt zu C-Rock und der “Playhouse”-Blase, letzte Station Jena und Umfeld mit “Freude am Tanzen” und “Moon Harbour”. Jetzt schließt sich der Zirkel, Hamburg übernimmt wieder. Fresh Fish, Mirau und Smallville arbeiten an einem Waterkant-House, der frische Wellen schlägt.

Hamburg ist in Aufruhr. Tocotronic geben sich so jung wie lange nicht mehr, Digitalism sind die Hoffnung aller französischen Distortion-Hipster und die Dial-Blase gibt mit dem Smallville-Label der Geradlinigkeit in Techno neuen Kick.
Aber auch Hamburgs Traditionssound, House, bekommt frischen Wind. Die Label Fresh Fish und Mirau stecken die alte Dame behutsam in neue Kostüme. Während bei Fresh Fish Soul- und Disco-Verständnis und südamerikanisches Rhythmusgefühl auf die Liebe zu technoid-moderner Reduktion treffen, nimmt Mirau gar mit Disco- und Electro-Releases auch die House-Vorläufer mit offenen Armen auf und lässt sie auf zeitgenössischen Minimal treffen.

Frischer Fisch schlägt hohe Wellen

House aus Hamburg ist nie Gralshüter der reinen Lehre. Stattdessen kultivieren die Hamburger ein offenes Ohr für das, was links und rechts von ihnen passiert. Paulo Olarte von Fresh Fish kann von musikalischer Vielseitigkeit und dem Wechseln zwischen verschiedenen Musik-Welten berichten: Der Wahl-Hamburger ist in der kolumbianischen Stadt Cali aufgewachsen, die als Geburtsstätte des Salsa bekannt ist. Sein Faible für rhythmische Musik führt Paulo darauf zurück: “Bevor ich überhaupt laufen gelernt habe, habe ich tanzen gelernt. Ich glaube, dass ich dadurch einen ganz anderen Bezug zu Rhythmus habe.”

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Mitte der neunziger Jahre, zu einer Zeit, als House und Techno “noch etwas total Undergroundiges in Südamerika waren”, wie er selber sagt, begann Olarte House-Parties in Kolumbien zu veranstalten. “Ich hatte damals Freunde, die aus Genf und Paris zurück nach Kolumbien gekommen waren und die jede Menge House- und Techno-Platten mitgebracht haben. Zusammen haben wir dort dann Parties veranstaltet und die Jungs haben ihre Platten aufgelegt.” Doch es dauerte bis 2004, bis Paulo sich selbst Equipment kaufte und seine ersten Tracks zu produzieren begann. Es hatte ihn mittlerweile nach Hamburg verschlagen, und wenige Monate nachdem er mit dem Produzieren begonnen hatte, veröffentlichte er seine erste LP auf Anorak sowie eine Split-Maxi auf Liebe*Detail.

Seinen Labelpartner Christian Hausmann, mit dem er seit 2004 Fresh Fish zusammen betreibt, lernte Olarte 2002 beim gemeinsamen Musizieren in einer Popband kennen. Hausmann, der auf der Insel Norderney aufgewachsen ist und uns beim Interview mit feinstem ostfriesischem Schwarztee versorgt, erzählt, dass er über eine Vorliebe für Soul und Disco zu House gekommen ist. “Wir sehen uns ganz klar als House-Label”, bestätigen die beiden übereinstimmend. “Ob das mit dem einen Release mal mehr in Richtung Minimal House oder mit dem nächsten in eine etwas deepere Richtung geht, ist nicht so entscheidend”, ergänzt Paulo. “Die Basis ist auf jeden Fall House.”

Font-Tier

Dieses Feeling für House hat in Hamburg eine lange Tradition. Während in Städten wie Frankfurt und Berlin mit der elektronischen Musikrevolution Techno schnell zum dominierenden Sound in den Clubs wurde, bildete sich in Hamburg mit dem “Front“ als deutschlandweit erstem House-Club Ende der achtziger Jahre eine Szene, die den wärmeren Sound aus Chicago bevorzugte. Christian Hausmann sieht Hamburg da in einer langen Tradition stehen: “Hamburg ist ja schon eher eine groovigere Stadt, die nicht so zu dem straighten Techno-Ding neigt mit 48 Stunden durchfeiern und so. Es hat hier halt immer schon ‘ne starke Soul- und Disco-Szene gegeben und das hat sich, denke ich, fortgesetzt in der House-Sache.”

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Das Groovige an Hamburg sehen Stefan Lorenz und Marco Niemerski von Mirau Musik ähnlich. “Wir sind gar nicht so abgegrenzt und steif, wie viele das immer über uns denken”, bestätigt Marco in feinem Hamburger Akzent. Zusammen machen Lorenz und Niemerski als Arp Aubert Musik, Tensnake ist das Soloprojekt von Niemerski. Mirau gefällt dabei als eine musikalisch sehr offen gehaltene Plattform: Von Electro über Discoides bis zu melodiösem Minimal reicht das bisherige Spektrum der Veröffentlichungen. “Wir wollten absichtlich keine Zäune bauen”, erläutert Stefan Lorenz die Labelphilosophie. “Dazu kommt, dass das Label nicht nur für den musikalischen Output stehen, sondern durch die Covergestaltung auch Raum für Kunst bieten soll.” Das Artwork, in dessen Zentrum liebevoll gestaltete Tierfiguren von Niemerskis Freundin Tomma Brook stehen, wurde auch auf der Labelnacht im Übel&Gefährlich, dem wichtigsten Club neben dem Pudel, integriert: “Tomma hatte auf unserer Party einen Siebdruckstand aufgebaut. Es kamen sogar einige junge Mütter, die sich Mirau-Motive auf ihren Strampelanzug drucken ließen”, erinnert sich Niemerski lachend.

Bei aller musikalischen Vielseitigkeit bleibt House für Mirau doch ein wichtiger Anker im elektronischen Meer: Niemerski hat in den Neunzigern beim Ausgehen House lieben gelernt, und beim Musikmachen ist es für die beiden ein zentraler Bezugspunkt: “Von der Geschwindigkeit und der Wärme her ist House auf jeden Fall unser gemeinsamer Nenner.” Mit Wohlwollen registrieren Niemerski und Lorenz, dass es zurzeit in den Clubs eine Rückbesinnung auf House zu geben scheint: “Man merkt das beim Weggehen, es wird auch wieder viel Neunzigerjahre-House gespielt”, findet Niemerski.

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Hamburg Story pt.2:


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Elektronische Lebensaspekte.