Subtil und Slick
Text: Jan Joswig aus De:Bug 117


Michael Siegle hat nicht nur für De:Bug die neue Hamburger House-Szene sondiert, er hat auch selbst als “Drei Farben House” ein elegant klassizistisches Deephouse-Album veröffentlicht. Ohne seinen musikalischen Beitrag wäre das Stadtbild nicht vollständig – auch wenn er gerade nach Berlin übergesiedelt ist.

Zurückhaltung ist eine Tugend. Ein stilles Glimmen ist besser, als die Fackel an beiden Enden abzubrennen. Schließlich kommt man aus Hamburg, der Stadt, in der die Menschen in Dunkelblau träumen. Micha ist einer dieser ewigen Romantiker, die vorrangig für ihren eigenen Gemütshaushalt ein musikalisches Dach zimmern. Er schnippelt sich in semi-dubbiger Nonchalance durch elegante Deephouse-Architekturen, die mehr von Frankfurts “Force Inc“ als von Chicagos “Prescription“ gelernt haben und immer von Orten schwärmen, an denen man gerade nicht ist. Aber nicht zu laut schwärmen.

Antizyklisch und ohne Dreck


De:Bug: Würdest du Pelz tragen?

Micha: Das würde zu meiner Person, meinem Charakter gar nicht passen. Echter Pelz ist eh indiskutabel. Fake-Pelz passt nicht zu mir, so will ich mich nicht inszenieren.

De:Bug: Also Pelz weder ästhetisch noch moralisch. Du spürst nicht den Serge Gainsbourg in dir … Bei deiner Platte war ich überrascht, wie traditionell du mit Rhythmen und Sounds umgehst. Es hat was versteckt Dubbiges, eine Deephouse-Tradition, die in Deutschland mit Force Inc. großgeworden ist, was nicht USA-Mäßiges, aber im deutschen Rahmen sehr Klassisches.

Micha: Force Inc. war auf jeden Fall ein wichtiges Label für mich. Da kamen seit Mitte der 90er-Jahre-Highlights für mich raus. Kennst du “Celtic Cross“ und ”My Anthem“ von Ian Pooley aus der Zeit? Das waren so tolle elegante, schon auch harte, aber von so einfachen harmonischen Elementen bestimmte Tracks, die habe ich geliebt.

De:Bug: Ich habe auch an Richard Davis gedacht …

Micha: Das ist sehr schmeichelhaft für mich. Ich singe aber nicht so gut wie er.

De:Bug: Hast du die “Dominique“-Alben gehört, bei denen er mitspielt, der sehr Rhodes-lastige Songwriter-Pop, der auch auf Dial wieder veröffentlicht wurde?

Micha: Da mag ich noch poppigere Sachen lieber. Pet Shop Boys, Prefab Sprout. Das ist der Melodien-Himmel für mich, unerreichbar.

De:Bug: Ist es für dich wichtiger, dass du was Neues machst oder dass du was Schönes machst?

Micha: Was Schönes. Eleganz, Subtilität, Understatement – das sind Dinge, die mir wichtig sind. Ich will mich nicht wiederholen, aber es muss nicht immer was Neues sein. Es muss was Eigenes haben. Das erreiche ich zum Beispiel durch den Einsatz meiner Stimme. Ich grenze mich mit meiner eher dünnen Stimme gegen die typischen kräftigen Soulful-Stimmen ab.

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De:Bug: Gehört zu dem Understatement, dass du Melodien nur antäuschst, statt sie auszuspielen? Wie es “Closer Music“ damals auf Kompakt angedacht haben?

Micha: Ich mag nicht den großen Effekt. Zusteuern auf den Höhepunkt, aber vorher abbrechen. Closer Music war weniger slick als ich.

De:Bug: Slick ist kein Negativ-Begriff für dich?

Micha: Ne. Ich will nicht in die After-Work-House-Ecke gehen, das wäre für mich wie viel zu dick aufgetragenes Make-up. Wenn Leute das als slick bezeichnen, das will ich nicht sein. Aber auf eine subtilere Weise …

De:Bug: Es gibt ein Slick jenseits von Mousse T … Wer wäre auf deiner Seite?

Micha: Ich fühle mich sehr mit Unai verbunden. Das Suchen nach Popmomenten ist sehr ähnlich, obwohl seine Sachen viel kleinteiliger sind, viel mehr schnickschnack Veränderungen haben.

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De:Bug: Du musizierst rein Rechner-basiert?

Micha: Das hören auch manche Leute, wie Jackmate, die mit richtigen Maschinen arbeiten. Mein Album wäre so Notebook-Musik. Ich mag das, ich suche nicht nach dem Dreck in den Maschinen. Ich habe mit Drumsamples angefangen, die mir ein Freund zur Verfügung stellte, mit dem ich Anfang 2000 Drum and Bass produziert habe.

De:Bug: Du bist ein ganz schön störrischer Musiker – im Jahr 2000 Drum and Bass, dann House …

Micha: Vielleicht entwickle ich mich etwas antizyklisch … Ich wollte damals minimalen Drum and Bass machen. Das schien aber niemand zu fordern. Also dachte ich, kann ich auch gleich zu meiner Liebe House zurückkehren.

Weiterlesen:

Hamburg Story pt.1:


http://www.dreifarbenhouse.net

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Elektronische Lebensaspekte.