Die Zeiten sind vorbei als mobile Videostreams noch wie 8-mm-Filme wirkten. Neue Standards versprechen einen wahren Pixelsturm. Und zwar auf dem Mobiltelefon.
Text: Anett Jaensch aus De:Bug 87

Bilderkick für unterwegs
TV und Film fürs Handy

Ein Feature fehlt den vor Funktionen strotzenden Handys bislang: das kontextsensitive Warnsystem! Es könnte zum Beispiel dezent Alarm schlagen, bevor ein Bus uns streift. Denn wenn es nach den Mobilfunk-Mogulen geht, sollen wir uns schließlich mit Augen und Ohren ganz auf ihre neuen Entertainment-Angebote konzentrieren – und für Busse bleibt bei Handy-TV kein Auge mehr.

Der erste Einsatz
Handy-TV gilt derzeit als nächstes, großes Ding auf dem Markt der mobilen Kommunikation. Der Clue daran ist, dass es ohne kostspieliges UMTS bewegte Bilder auf das Mobile sendet. Berlin ist seit ein paar Monaten Testgebiet für TV auf dem Handy. Kein Wunder, denn Fernsehen wird hier schon seit geraumer Zeit digital gesendet. Und da es bekanntermaßen um Konvergenz geht, mischen diverse übliche Verdächtige bei dem Projekt mit: Vodafone, Philips, Universal, die Medienanstalt Berlin-Brandenburg und Nokia. “Digital Video Broadcasting for Handhelds“ (kurz DVB-H) steht zum Test. Dieser Standard hätte tatsächlich das Zeug dazu, eine neue Stufe bei der Übertragung von audiovisuellen Inhalten zu markieren. Er rechnet die digitalen TV-Signale auf die Größe der Handy-Displays herunter und schont den Akku trotz heftigen Datentransfers. Und bei der Empfangsqualität spielt es wie bei den guten, alten Fernsehfrequenzen keine Rolle, wie viele sich gerade mit einem TV-fähigen Handy einklinken. Aber halt! Da war doch noch was. Richtig, UMTS! Was passiert mit der schwächelnden dritten Mobilfunkgeneration, wenn nun sogar schon Fernsehen ganz ohne sie auf dem Handy funktionieren könnte? Die Netzbetreiber bleiben natürlich mit im Boot. Alle Beteiligten wollen schließlich eines: Synergieeffekte absurfen. Die Sendeanstalten tun dabei das, was sie am besten können: Sie liefern bunt-bewegten Content. Mit UMTS steht ein kostenpflichtiger Rückkanal zur Verfügung. Nicht umsonst wird vor allem auf die junge, verspielte Zielgruppe mit MTV-Sozialisation geschielt. Ihr traut man am ehesten zu, nach dem TV-Input auch dazugehörige Clips und Klingeltöne über den UMTS-Kanal herunterzuladen.

Videobooking per Handy
Eine andere Idee dockt am Handy als Tool für Bestellungen an. Filmtrailer werden auf das mobile Display geschickt und wer will, kann sich die Streifen für den Fernseher zu Hause freischalten lassen. Die Bezahlung für all das soll über die normale Handyrechnung laufen. In Japan gibt es das Unterwegsfernsehen sogar für umsonst. Als Alternative zur Glotze wird sich das mobile Fernsehen kaum entwickeln. Niemand hat darauf gewartet, endlich “Titanic“ auch mal auf dem Handy gucken zu können. Wie immer bei Trendthemen lohnt sich der Blick zurück auf vergangene Hypes. Vor ein paar Jahren fuhr das Internetfernsehen furios gegen die Wand, weil damals keiner Lust hatte, Vollprogramme in Modemqualität auf einem Realplayer zu sehen. Inzwischen stimmen die Bandbreiten und dank dieser besseren Qualität können Streams auch in der Größe von Hanuta-Schnitten daherkommen. Viele fühlen sich zwar mittlerweile schon durch unzählige Funktionen beim Mobilen genervt, aber bei guter Optik – und das scheint gegeben – hat es Chancen, zumindest nicht komplett ignoriert zu werden.
Übrigens schickt sich auch die Filmkunst an, die neue Oberfläche zu bespielen. Trendaffine Festivals haben dafür bereits eine entsprechende Kategorie eingeführt: “Telefonfilme“. So vergibt die “Interfilm“ Anfang November in Berlin erstmals einen “MicroMovie“-Award. Filmhochschüler waren aufgerufen, mit einem Video-Handy einen 90-Sekunden-Clip zu drehen. Bei der Kürze bleibt noch viel Zeit zum Telefonieren!

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Elektronische Lebensaspekte.