Mit seinem letzten Album als Static hat Hanno Leichtmann so sonnig melodisch gearbeitet wie noch nie. Jetzt nimmt er sich im Ambient-Kontrast der "Nacht aus Blei" an.
Text: Markus von Schwerin? aus De:Bug 106

Ambient

Schwereloses Blei
Hanno Leichtmann

Der Schlagzeuger und Oldschool-Elektroniker Hanno Leichtmann hat mit “Nuit du plomb“ sein zweites Album unter eigenem Namen veröffentlicht. Wie auch Teile der letzten Static-Platte “re: talking about memories“ (Leichtmanns gitarrenpoppigste Platte bis dato) entstand es während seines zweimonatigen Stipendiums in Wien. Nach handgemachtem Techno (Paloma), elektrifizierten Shanties (Ich schwitze nie) und jüngsten House-Ausflügen (Vulva String Quartet) ist “Nuit du plomb“ seine erste Ambient-Arbeit geworden. Basierend auf einer späten Novelle des Hamburger Romanciers Hans Henny Jahnn (1894 – 1959) ist ihm dabei ein Reigen von acht melodischen Stimmungsbildern geglückt, die sich mit Genre-Klassikern wie “Possible Music“ (John Hassel/Brian Eno) oder “Sowieso“ (Cluster) messen lassen können. Haben sie doch die somnambule Atmosphäre der nächtlichen Begegnung des Protagonisten Mathieu mit seinem früheren Selbst (“Anders“) perfekt eingefangen.

Debug: Wie bist du auf die Novelle “Die Nacht aus Blei“ gestoßen? Anders als der von ihm geförderte Hubert Fichte ist der Spätexpressionist Jahnn ja wieder sehr in Vergessenheit geraten.

Eine befreundete Regisseurin, Christine Hitzemann, hatte vor zweieinhalb Jahren eine szenische Lesung mit drei Schauspielern initiiert und mich gefragt, ob ich dazu nicht die Musik machen könne. Die Stücke waren also ursprünglich so geplant, dass ein Text darüber gelesen werden kann. Sie bauten sich sehr langsam auf und dauerten bis zu zwanzig Minuten. Für die CD habe ich sie auf Songformat geschnitten. Bis auf drei Stücke handelt es sich um Live-Aufnahmen aus der Aufführung, die ich nachträglich editiert habe.

Wie hast du diese Stücke live umgesetzt?

Ganz oldschool-mäßig mit ein paar Spuren im Pro Tools und mit Minidiscs und Hallgeräten. Die Samples habe ich kurz zuvor während meines Stipendiums im Wiener Museumsquartier vorbereitet. Dort gibt es ein Atelier, das speziell für Musiker und Produzenten vorgesehen ist. Und da Christof Kurzmann (auf den letzten zwei Static-Platten mehrfach als Sänger vertreten; A.d.V.) dort ein Institut für improvisierte Musik leitet, hatte er mich vorgeschlagen. Ich habe dann bewusst ganz wenig Equipment mitgenommen: einen Computer, einen Synthesizer und ein Mischpult. Normalerweise nehme ich ja sehr viele Instrumente auf und schichte sie übereinander. Aber während meiner Wiener Zeit hatte ich geschaut, was ich da eigentlich alles an ungenutzter Software auf dem Computer habe, und merkte, dass da einiges gut zu meiner geplanten Ambient-Musik passte. Statt sonst fünfzehn Geräten standen mir also nur drei zur Verfügung. Das fand ich aber gerade spannend. Deshalb unterscheidet sich “Nuit du plomb“ auch so sehr von den Sachen, die ich sonst mache.

Und weshalb der französische Titel?

Ich wollte das Ganze nicht “Nacht aus Blei” nennen, denn es gibt dazu schon ein paar Kompositionen aus der Neuen Musik. Für mich stand aber fest, dass ich die Vorlage nicht so düster bearbeiten wollte. Ich finde das Buch nämlich auf eine Art auch sehr romantisch. Es sind vor allem bestimmte Sätze, die mir an dem Buch gefallen – eine sehr karge Sprache, die aber immer genau auf dem Punkt ist. Deshalb wollte ich zu den Schlüsselszenen, die ich mir herausgesucht habe, eher schöne Sachen entwerfen. Ich bin dabei aber nicht wirklich kompositorisch herangegangen, sondern so, wie ich auch sonst meine Platten mache: Ich nehme ein Sample oder einen Loop und darum baue ich improvisatorisch einen Song. Mit dem Unterschied, dass ich hier die Vorgabe hatte, dass es Ambient-Stücke sein sollten. Deshalb habe ich vorwiegend Stücke ausgewählt, die ohne Beats auskommen.

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Elektronische Lebensaspekte.