Schwedische Labels, Teil 1. Ein Leben ohne Häpna ist eigentlich nicht vorstellbar. Wegen der Musik von Künstlern wie Hans Appelqvist. Und die Cover des Labels aus Jönköping hängt man sich gerne an die Wand. So einfach ist das manchmal.
Text: Mats Almegard aus De:Bug 109


Eine seltsame Kombination aus DIY, Science Fiction, Folk, Tao und Experimental. Das Label Häpna ist nicht direkt dein ganz normaler Kumpel, aber wird dir dafür desto lieber.

Ursprünglich, in den fünfziger und sechziger Jahren, war Häpna eine Science-Fiction-Zeitschrift. Herausgeber war ein Verlag in der für schwedische Verhältnisse bestenfalls mittelgroßen Stadt Jönköping. Aus derselben Stadt stammen Johan Berthling und Klas Augustsson. Seit 1999 ist Häpna der Name ihres Recordlabels.

“Der Name ist natürlich auch eine Hommage an unsere Heimatstadt! Außerdem passt die Aufforderung Häpna sehr gut zu unseren Veröffentlichungen und zur Zielsetzung des Labels”, erklärt Johan Berthling.
Häpna ist nämlich Imperativ und bedeutet auf Deutsch so viel wie “Staune”. Der Name beinhaltet auch eine Aufforderung an die Labelmanager selber: Das Überraschungsmoment soll bei jedem Release groß sein. Die Hörer sollen schlicht und einfach staunen, am besten gleich aus mehreren Gründen.
“Uns war vom Anfang an klar, dass wir auch einen schwedischen Namen wollten. Da Klas SF-Fan ist, kannte er die Zeitschrift und der Name war passend. Die CDs sollen Reaktionen wie “Aha, davon hatte ich keine Ahnung” oder “Wer und was ist das?” auslösen. Ich denke, wir haben das zwar nicht jedesmal geschafft, aber immerhin ein paar Mal”, lächelt Johan.

Vorbild Amerika
Klas und Johan kennen sich, seit sie 15 Jahre alt sind und noch in Jönköping wohnten. Seitdem sind sie beide umgezogen. Klas hat an der technischen Hochschule, Johan an der Musikhochschule in Stockholm studiert. Die beiden sind Freunde geblieben und trafen sich in der ganzen Zeit öfters zum Musikhören. So um 1996-98 kam die Idee, ein eigenes Label zu gründen. Die Inspiration kam aus den USA. Klas hat das Land auf der anderen Seite des Atlantiks als Student besucht und viele Leute getroffen, die alle kleine Verlage, Labels und sonstiges betrieben.
“Wir haben halt gedacht, nun, warum wir nicht? Was wir damals machen wollten, war sehr underground. Field Recordings und Elektronika im engsten Sinne waren hauptsächlich die Stilrichtungen, die wir mochten und die wir releasen wollten.”
So geschieht immer noch die Auswahl der Releases: Klas und Johan muss beiden die Musik gut gefallen – sonst gibt’s keine anderen Kriterien dafür, welche Art von Musik oder Genre sie herausgeben. Alle Künstler (mit der Ausnahme von einem, Patrik Torsson, dessen Demo derart gut war, dass Häpna zwei CDs von ihm herausgeben wollten), sind von Johan und Klas angesprochen worden, mit der Frage, ob sie bei Häpna Musik releasen wollen. Das erste Album war Toshiya Tsunodas Extract From Field Recording Archive #2: The Air Vibration Inside A Hollow, wovon 500 Exemplare gepresst wurden.
“Nach einem Jahr hatten wir alle Exemplare verkauft und waren froh! Wir waren so glücklich, was eigenes geleistet zu haben. Auch Stolz, besonders wegen unseres atypischen Formats”, sagt Johan.
Dass alle CDs von Häpna den Zuhörer zum Staunen bringen sollen, ist eine Sache. Das Gleiche könnte man aber auch von den Covern sagen. Immer sehr schick und künstlerisch, wenn auch stilmäßig sehr DIY. Klas ist für die Covergestaltung verantwortlich, auch wenn Johan natürlich Input leistet.
“Der Text wird immer von Klas handgeschrieben. Es soll so aussehen, als gäbe es nur ein Exemplar von jeder CD. Darüber haben sich sehr viele am Anfang geärgert”, lacht Johan.

Wieso geärgert?

“Ich weiss nicht warum, sie wollten wohl eine ‘richtige’ CD.”
“Wir haben lange überlegt. Und kamen dann zu dem Entschluss, dass unser Design immer mehrere gleichbleibende Elemente aufweisen sollte. So sollten die CDs zusammengereiht werden, damit die Fans immer eine Häpna-CD erkennen konnten. Denn die Musik würde so unterschiedlich klingen und wir wollten etwas Verbindendes. Mein Handstil ist eins dieser Elemente, die Verpackung an sich ein zweites”, fügt Klas hinzu.

Die Natur kommt öfters in der Umschlaggestaltung vor.

“Wir benutzen Bilderwelten, die wir mögen. Für mich persönlich bedeutet das oft Natur, oder Naturwissenschaft. Es sind einfach große Interessen von mir”, erklärt Klas.
Heute hat Häpna 31 CDs releast. Die neueste ist gerade erschienen. Sie stammt von dem in Schweden so gelobten Experimental- und Electronicakünstler Hans Appelqvist: “Naima” ist ein wundervoll eigenartiges Album, das von einem magischen Wesen mit Pelikankopf berichtet. Naima ist auch die erste CD, die als Digipak erscheint, weil es zu anstrengend geworden ist, mit der alten Verpackung weiterzumachen.
“Das alte Format war uns ein bisschen zu aufwendig, wenn auch persönlicher. Aber wir konnten nicht so weitermachen. Die CD-Scheibe wurde in Frankreich hergestellt, das Booklet und die Plastiktüte an zwei verschiedenen Orten in Schweden. Dann saßen wir und sortierten alles mit der Hand. Manchmal war es so: Morgen müssen 3000 CDs in die USA – ruf ein paar Freunde, damit wir nicht die ganze Nacht durcharbeiten müssen! Aber meistens haben wir es zu zweit gemacht. Fast alle unsere CDs haben wir somit physisch angefasst”, sagt Johan.

Es gibt also eine klare Linie in den Covers, ich finde aber, dass es auch musikalische Linien gibt, würdet Ihr das bejahen?

“Unbedingt! Wir arbeiten immer genreunabhängig, aber es gibt immer Sachen, die wiederkehren. Die Natur vor allem. Sie ist Inspiration und ‘Soundbank’ zugleich – für viele von uns Künstlern”, sagt Johan, der ja nicht nur Labelboss ist, sondern auch eins von drei Mitgliedern von Tape, einer Band, die natürlich auf Häpna releast.

Natur – das klingt für mich, als wäre die Verbindung zur Volksmusik da?

“Nun ja, für Tape spielt das eine Rolle. Aber als Folktronica hot geworden ist, wollten wir nicht diese Verbindung bestätigen. Nur weil alle anderen plötzlich Volksmusik mit Elektronik kreiierten. Immer wenn ein Stil gehyped wird, ist er für mich uninteressant”, säufzt Johan.
Zu den anderen Künstlern auf Häpna, die am explizitesten von der Volksmusik beeinflusst sind, erwähnt Johan Hans Appelqvist und Eric Malmberg.
“Nein, ich kann nicht sagen, dass ich von der Volksmusik beeinflusst bin. Ich verstehe aber, warum Leute das denken. Es ist auch möglich, dass es stimmt, nur dass ich das selber nicht hören kann. Rein harmonisch gibt’s wohl Ähnlichkeiten. Die Molltonart ist in sowohl meiner Musik als auch in der Volksmusik präsent.”
Auch Eric Malmberg wehrt sich ein bisschen gegen die Verbindung mit der Volksmusik. Er hat nicht nur unter eigenem Namen auf Häpna produziert, sondern auch unter dem Namen Sagor & Swing.
“Volksmusik als Begriff ist meines Erachtens ein bisschen abstrakt. Niemand kann da richtig sagen, was es bedeutet. Aber so viel kann ich sagen, dass ich an dem sozialen Umfeld und der Ästhetik der schwedischen Volksmusikkultur weder interessiert bin noch davon beeinflusst bin. Ich fühle mich stattdessen mehr verbunden mit dem Taoismus.”
Nee, Häpna und ihre Künstler lassen sich nicht allzu einfach definieren.

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Elektronische Lebensaspekte.