Urbane Realität für die Zimmerwand. Was im vorrevolutionären Frankreich erfunden wurde, wird heute in England wieder zum Leben erweckt. Nur, wer will Junkies auf seiner Tapete?
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 107

Design

Tapeten für den zweiten Blick
Timorous Beasties

Was für ein schöner Wandstoff, hergestellt nach französischer Tradition. Und erst das pittoreske Muster: Der so genannte “Glasgow Toile” der schottischen Timorous Beasties zeigt das urbane Leben in seiner ganzen Vielfalt. Die nicht so noble Tristesse an mürrischen Pennern, abdriftenden Crack-Junkies und Goth-Nutten flaniert im Stadtgarten, während im Hintergrund die Möwen wie die Aasgeier um die Hochhäuser kreisen. Das nicht weniger beschauliche “London Toile” zeigt städtische Wahrzeichen wie die Tower Bridge, darunter gesellen sich Dealer und Polizeiautos als Alltagscharaktere. Paul Simmons lacht: “Für das Design fahre ich einfach mit dem Rad ins Zentrum von Glasgow und hänge da rum.” Wer nicht aufpasst, endet im städtischen Graveyard, dem Junkie-Park.

Im 18. Jahrhundert, gerade noch vor der Französischen Revolution, fertigten ganze Fabriken diese berühmten Wandstoffe samt ihren Motivszenerien mit dem erhobenen Zeigefinger an. Das war in Jouy, fabriziert wurden die “Toiles de Jouy” nach eigener Rezeptur in mühsamer Handarbeit. Heute haben sich Alistair McAuley und Paul Simmons als Timorous Beasties auf die Kunst des traditionellen Stoffdrucks spezialisiert. Zuerst druckten sie kunstvolle Vögelchen und Insekten auf Blümlein, dann reaktivierten sie die alte Technik mit der Stofftapete. “In Großbritannien hat man noch einen Kater von den Toiles aus dem viktorianischen Zeitalter, wo eine heile Welt mit Zuckerhäuschen, Schäferinnen und lieben kleinen Hunden auf ihnen abgebildet wurde“, erklärt Paul. “Die originären Toiles zeigten das alltägliche Landleben ziemlich drastisch. Sie schilderten die Weinherstellung inklusive der Betrunkenen. Da grapschen Typen an die ausladenden Dekolletés der Frauen, manche Szenen grenzen an Vergewaltigung. Im vorrevolutionären Frankreich war das die Zeit der Unruhen, der Beginn der industriellen Revolution.“
Man nahm sich Zeit, damals dauerte die Fabrikation eines Toiles ein Jahr. Heute muss es schneller gehen. Wichtig ist wie bei jedem Entstehungsprozess, so Paul, den Prozess als solchen überhaupt zu verstehen. Die Technik verlangt ein Verständnis für das besondere Material. Der aus dem Alltag gegriffene Subtext wird in mehreren Druckverfahren aufgetragen: Für mehr Tiefenwirkung, also einen handgemachten 3D-Look, werden zwei Farben leicht versetzt übereinander gedruckt. “Über den ersten Druckvorgang kommen die dunkleren Farben, um mehr Reichhaltigkeit zu erzielen. Über Auslassungen und Überlappungen kommt das größere Farbspektrum und Texturen“, sagt Paul. Mit dieser Technik kann man natürlich alle möglichen Motive zeitgemäß weiterspinnen. Als nächstes plant Paul ein Toile über die Fuchsjagd – mit all den Demonstranten in einer Landschaft voller Strommasten. Bis dahin hat er sich an seine neue Kollektion “Damask Devil“ gewagt. Ein Alptraum in liebevoller Spitze, hergestellt wie “Omas Unterwäsche vor hundert Jahren“ von der letzten englischen Manufaktur.

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Elektronische Lebensaspekte.