Cex will wissen, dass er normal ist, und macht merkwürdige Sachen, um das herauszufinden. Er meidet manchmal Seife, des Austrickseffekts wegen, und probiert sich in einem breiten Spektrum möglicher Musikstile. Gestern noch Labtop in Baltimore, heute Folkrap in Oakland.
Text: Renko Heuer aus De:Bug 76

Das kleine Chamäleon

Baltimore ist eine Stadt ohne Kunst. Das behauptet zumindest Rjyan Kidwell, besser bekannt als Cex. Mit seinen 21 Jahren ist der selbsterklärte “No.1 Entertainer Of The World” Anfang des Jahres nach Oakland gezogen. Dort produziert er im neuen Schafzimmer weiter, mit Laptop und Gitarre. Auf dem Weg hat er Bleistift-Schnurrbart und falsche Goldzähne hinter sich gelassen, verlor viele Freunde. Und ist nach drei Alben auf Tigerbeat6 mit “Being Ridden” zu Temporaryresidence gewechselt: “Baltimore war insofern super, weil es da so gut wie gar keine Kunst gibt. Man wird dadurch zur Kreativität gezwungen. Niemand geht da hin, um groß rauszukommen, man wird da mehr oder weniger reingeboren. Da muss man sich schon selbst unterhalten. Und wenn man an so einem Ort etwas erreichen will, dann ist das eher praktischer Natur, es ist mehr für den Moment bestimmt. Wir waren eine Gruppe von Leuten, haben kleine Gigs in den Kellern unserer Eltern gespielt, weil es einfach keine anderen Orte für uns gab, besonders als wir noch keine achtzehn waren. In Kalifornien ist das ganz anders, da hat jeder fünf Bands, und jeder kommt zu den Konzerten von befreundeten Musikern, so dass alles eigentlich ein eigener, gut funktionierender Kosmos ist.” In diesem Kreativkosmos lebt er neben Anticons Sole, trifft den Produzenten Jel beim Bagels kaufen. Sein Freund und Labelgründer von Temporaryresidence, Jeremy deVine, spielt in Fourtets Zweitband “Fridge”. Doch der eigentliche Grund für den Umzug lag anderswo: “Ich wollte sehen, ob ich es auch in einer anderen Stadt schaffen konnte, weil ich vorher einfach nur dieser Typ war, der ganz gut in Baltimore zurechtkam, ich aber eigentlich die ganze Welt als meine Szene wollte. Daher versuche ich auch soviel wie möglich zu touren. Ich will kein lokales Ereignis bleiben.”
Die musikalischen Entwürfe, mit denen er sein Ziel erreichen will, klingen erschreckend ehrlich, direkt, und springen durch Genres wie seine Gedankenketten: “Meine erste Platte war komplett Laptop-Elektronik, meine zweite war instrumentaler HipHop, dann kam eine Partyplatte und ‘Being Ridden’ ist für mich so was wie ein komischer Folk-Mix. Mit Rap. Die nächste Platte wird dann eher in Richtung Industrial gehen, denn ich möchte weiterhin die Erwartungen der Leute austricksen.” Dabei sind ihm die Leute, die zuhören, ganz und gar nicht egal. Sie sind sein eigentlicher Spiegel. Rjyan braucht sie, um sicherzugehen, dass die von ihm artikulierten Gefühle normal sind: “Mir ist es am wichtigsten, dass ich die Chance habe, etwas so zu sagen, wie es mir in den Sinn kommt – und jeder in der Welt soll es verstehen können. Ich meine damit nicht, dass sie bloß das Gefühl nachvollziehen können, sondern dass sie auch die Relevanz dieses Gefühls erkennen. Ich bin auf der Suche nach Wertschätzung. Ich will, dass die ganze Welt (und nicht bloß ein paar durchgeknallte Typen, weil die ja auch bekloppt sein könnten) sagt: ‘Du hast’s. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Du bist gar nicht bekloppt, das stimmt so, das ist richtig.’ Dann ist es nämlich auch wahr. Ich glaube, dass das Ganze eine Suche nach einer Sprache ist, in der ich mit anderen kommunizieren kann. Das erst wird mir zeigen, dass ich normal bin.”

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Elektronische Lebensaspekte.