15 Jahre hat der Berliner Plattenladen "Hardwax" mittlerweile auf dem Buckel. 15 Jahre Pionierarbeit in Sachen Techno & House. Mittlerweile traditioneller Stop auf Berlin-Rundfahrten junger Raver aus aller Welt, wird hinter den Kulissen zwischen Klassikern und Neuerscheinungen tagtäglich der Spagat eines Plattenladens in Zeiten von iTunes geprobt. Debug wagt mit Ladengründer Mark Ernestus und Haupeinkäufer Torsten Pröfrock einen Blick in die Zukunft.
Text: felix denk aus De:Bug 88

Happy Birthday, Hardwax!

Debug: Hardwax hat ja einen ganz speziellen Blickwinkel auf das Musikgeschehen. Wie entscheidet ihr, welche Platten ihr einkauft und welche nicht?
Torsten: Bei neuen Sachen hängt es davon ab, was es gerade gibt. Man macht ja keinen Laden gegen die Leute. Man braucht also DJ-Futter, Platten, die jetzt wichtig sind, über die in einem Jahr aber keiner mehr spricht. Unser Ruf kommt allerdings eher über das Back-Programm, das sich natürlich viel langsamer aufbaut. Ich nehme an, da landet weniger als 1% der Neuerscheinungen.

Debug: Das ist ja traurig!
Torsten: So ist das im Dance-Bereich. Wir haben 400 Neuheiten pro Monat im Angebot. Welche Labels im Back-Katalog dann mit einem eigenen Fach präsentiert werden, hängt davon ab, wonach die Kunden oft fragen.
Mark: … aber da gibt es natürlich eine Wechselwirkung. Du orientierst dich zwar an der Nachfrage, aber die Nachfrage ist ja davon bestimmt, welches Publikum du hast und wofür dich die Leute auf dem Zettel haben, was sie bei dir suchen. Das macht einen guten Laden aus, wenn das zusammengeht.
Torsten: Wir sind sehr glücklich über unser Publikum. Von recht abseitigen Platten können wir relativ viel absetzen. Wir sind kaum von Trends getrieben.

Debug: Ich dachte eigentlich, dass ihr das Sortiment sehr stark vorgebt.
Torsten: Das ist mehr Interpretation. Vielleicht reagieren wir besser oder nachhaltiger, dass man das, was nachgefragt wird, über einen längeren Zeitraum auch da hat.

Debug: Spielt Modeverweigerung bei eurer Einkaufspolitik eine Rolle?
Mark: Das klingt mir so zwar zu ideologisch, und so einen ideologischen Ansatz muss man sich auch erstmal leisten können, aber im Ergebnis läuft es oft darauf hinaus. Das hat aber bei uns einen anderen, praktischen Grund. Von manchen Labels haben wir fast die gesamte Erstauflage verkauft, als die noch ganz obskur waren. Wenn die dann etabliert sind und einen größeren Vertrieb haben, kann sie eben jeder bequem bestellen und verkaufen und tut es auch. In dem Moment wird es für uns dann wieder weniger interessant. So ist da immer diese Bewegung drin, das justiert sich immer wieder neu.

Debug: Wenn man im Laden rumstöbert, wirkt es, als würdet ihr euch wieder mehr auf euer Stammgeschäft konzentrieren, also auf Techno und House, besonders aus Amerika. Stimmt das?
Torsten: Das ist so eine wellenförmige Bewegung. Es gab mal so eine Zeit, da hingen an der Wand hinter der Theke 10 oder 15 Elektronika-Platten. Das ist jetzt nicht mehr so, was aber auch daran liegt, dass sich das Genre so ein bisschen erledigt hat. Diese IDM-Sachen hatten eine Zeit lang einen Vorsprung durch Technologie. Die lebten von Leuten, die ganz extrem mit dem Computer experimentierten – im Nachhinein vielleicht auch etwas undiszipliniert rumfrickelten. Dafür hat man heute einen ganz neuen Techno- und House Sound, wo die Technologie am Start ist, aber diszipliniert gelernt wurde, damit umzugehen. Der Club hat wieder eine höhere Relevanz bekommen, was das Plattenkaufverhalten angeht. Club-Platten müssen auch immer fett sein. Das zaubert man nicht einfach so aus dem Rechner, da braucht man Erfahrung.
Mark: Es gibt eben einen definierteren Maßstab, da kommt zum Geschmacks- das Funktionskriterium dazu.

Debug: Wie viel Prozent der Platten, die ihr einkauft, kommen denn aus Amerika?
Torsten: Ungefähr 40%. Viel wichtiger sind deutsche Techno-Sachen geworden, die jetzt auch im Ausland ein gutes Standing haben. Da spielt Berlin als Stadt eine starke Rolle, weil wir so ein bisschen zum Touristen-Programm gehören. Da braucht man natürlich gewisse Sachen im Angebot. Es gibt Tage, vor allem am Wochenende, da spricht man nur Englisch. 

Debug: Andererseits kommt Techno ja etwas in die Jahre. Wird das noch viel gekauft?
Torsten: Das Harte und Darke wird weniger. Aber Klassiker sterben offenbar nie. Sonst mündet das eher in House oder so abstrakte Sachen.

Debug: Hattet ihr jemals HipHop im Programm?
Torsten: Hatten wir nur ganz kurz, nie viel. Das haben Leute aus dem Laden gepusht, es hat nicht funktioniert. Zwischen IDM und HipHop gab es Berührungspunkte. Aber im Vergleich zur eher offenen House-Szene, ist die HipHop-Szene erzreaktionär.
Mark: Techno war in den ersten Jahren auch ziemlich intolerant, allerdings musikalisch gesehen. Da wurde teilweise gar nichts geduldet, was irgendwie nach etwas anderem roch.

Debug: Habt ihr heute als Techno-Plattenladen nicht manchmal die Sorge, zu einem Museum zu mutieren?
Torsten: Wegen der Musik nicht. Da geht es schon weiter. Mir ist aber schon bewusst, dass für die Generation, die jetzt mit iTunes heranwächst, Vinyl als Format absurd ist. Das Format, das wir jetzt kennen, gibt es seit den 1940er Jahren, 60 Jahre, also gute zwei Generationen. Andererseits sammeln auch immer noch Menschen Shellack.
Mark: Ich glaube, die Art und Weise, wie sich unser Publikum erneuert, ist ganz gesund so. Es kommen immer neue Gesichter dazu. Auch die Balance zwischen Back-Katalog und Neuerscheinungen stimmt. Aber global gesehen ist es wohl schon, dass die Leute, die Platten kaufen, nicht jünger werden.

Debug: Hardwax ist ja auch ein Laden, wo man etwas Schwellenangst haben kann.
Mark: Natürlich kann einen das verunsichern, wenn man zum ersten Mal in einen Laden kommt, in dem keine einzige Platte mit einem Namen steht, den man schon mal gehört hat. Aber wir geben uns wirklich Mühe, Leuten die Schwellenangst zu nehmen, z.B. auch mit Nicht-Spezialisten eine Sprachebene zu finden. Der Laden ist ja auch so aufgebaut, dass man sich möglichst frei bewegen und umsehen kann, und z.B. sich entspannt alles selber anhören kann, ohne irgendwelchen Rechtfertigungszwang. Dieser Spezialisten-Plattenladen-Mythos ist wohl nie kaputt zu kriegen, aber eine Informations-Kluft gibt es nun mal, auch das wird sich wohl nie ändern.

Debug: Stellen netzbasierte Formate wie Ebay oder Online-Plattenläden eigentlich eine Konkurenz für euch dar?
Torsten: Es ist für uns nie schlechter geworden. Ebay ist für super rare Sachen immer noch ok. Ich kenne aber viele Leute, die dem Ganzen relativ abgeneigt sind wegen des Handlings. Man hat es da mit Leuten zu tun, die recht unterschiedliche Standards haben, was neu und unbenutzt ist. Im Laden ist das schon verlässlicher. Online ist mir aufgefallen, dass es Websites gibt, die technisch gut sind, die aber aus einem Wohnzimmer betrieben sind und entsprechend kein Lager haben. Die kommen dann schnell an ihre Grenzen, können ein gewisses Angebot nicht garantieren.

Debug: Wisst ihr eigentlich, was eure meist verkaufte Platte ist?
Torsten: Nein, vielleicht etwas von Basic Channel. Es muss wohl eine Platte aus den frühen 90ern sein. Ich kann mich erinnern, als die erste Plus-8-Compilation erschien, da sind die Leute massenweise in den Laden hinein, haben die Platte gekauft und sind gleich wieder rausgelaufen. Die ersten UR-Sachen verkaufen wir jetzt seit 14 Jahren, und die werden immer noch in 25er Stückzahlen nachbestellt …

Debug: Gibt es Label, die eigentlich nur hier verkauft wurden?
Torsten: Ein Label, bei dem wir relativ viel gemacht haben – gemessen an dem, was es gibt – ist Säkhö. Die gelten ja auch als typische Hardwax-Platten. Von denen gibt es ja kaum mehr als 1000 Stück. Die konnte man bei Rub-A-dub in England kaufen und bei uns. Das müsste es schon gewesen sein. Die pressen auch noch manchmal Platten für uns nach.

Debug: Das wollte ich immer schon mal fragen: Wie oft ist eigentlich der UR-Kaputzenpulli über eure Ladentheke gewandert?
Torsten: Der Klassiker – weiß ich auch nicht. Den Kapuzenpulli gibt es ja jetzt nicht mehr, nur noch ein graues Longsleeve mit UR-Aufdruck. Im Augenblick ist das Perlon T-Shirt der Renner. Aber die Submerge-Sachen gehen immer noch gut.

Debug: Wie schätzt ihr die Zukunft von Vinyl ein? Könnte Hardwax in dieser Form auch einen 30. Geburtstag feiern?
Mark: Mich interessiert viel mehr, was in drei oder fünf Jahren los ist. Die sagen wir mal “digitale Revolution” ist ja mit CD-Brennern, legalen und illegalen Downloads noch lange nicht abgeschlossen. Allerdings sind wir als 99 prozentiger Vinylladen noch relativ gelassen. Da denke ich dann gerne daran wie, als wir 1989 angefangen haben, jemand, dem wir davon erzählt hatten, gefragt hat: “wie – richtige Schallplatten – gibt’s die denn noch?”.

Debug: Wäre der Hardwax als Mp3-Laden denkbar?
Mark: Manchmal gilt ja “The Pioneers get the arrows. The Settlers get the land.” Schauen wir mal.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: thaddi herrmann/basti eberhard aus De:Bug 09

HardWax. von Sebastian Eberhard und Thaddi Herrmann thaddi@zedat.fu-berlin.de Diese Geschichte handelt von Musik und einigen Menschen, die sich ihr mit Hilfe eines Einzelhandelsladens verschrieben haben; auch wenn es im folgenden Text um Telefonate nach Amerika, um das Packen von Paketen und um das Herumklettern an hohen Regalwänden geht. Solche Dinge bleiben in einem Plattenladen nicht aus. Und wenn sogar eine renommierte Berliner Tageszeitung in einer ihrer Sonntagsausgaben eine ganze Seite “dem beschwerlichen Weg zur richtigen CD” widmet, dürfen wir das allemal. Artikel über Plattenläden gehören zu journalistischen Stilblüten, die sich nicht oft in Magazine und Zeitungen verirren. Das ist vielleicht auch ganz gut so, schließlich gibt es sie wie Sand am Meer, und eine flächendeckende Abhandlung dieses Themas wäre sogar für die Stiftung Warentest zuviel, obwohl seit Rave und der Geburt des dazu gehörigen menschlichen Wesens geschäftlich sicherlich lukrativ. Plattenkaufen ist Vertrauenssache. Eine Tatsache, die einem ganzen Komplex von Problemen den Weg ebnet. Man will sich vom Verkäufer verstanden und gut behandelt wissen, die Leute am Plattenspieler nebenan sollten einem sympathisch sein und das Ambiente muß stimmen, so daß man auch mal mit einem Mit-Junkie entspannt plaudern kann. Früher oder später landet man im Plattenladen “seines” Vertrauens, und der manchmal zurückgelegte Leidensweg verschleiert einem die Sinne. “Endlich am Ziel”, denkt man sich und bedeckt die bislang ausprobierten Läden mit einem Spontandiss. Laden A war zu eng, im Laden B hatte der Verkäufer Mundgeruch, im Laden C wurden die wirklich interessanten Platten immer nur unter dem Ladentisch gehandelt undundund. Damit muß sich wahrscheinlich jeder Plattenladen abfinden, auch das Berliner HardWax. Denn: derartige Äußerungen sind – wie heißt es so schön neudeutsch – systemimmanent. Von den einen aufgrund des immens großen Lagers geliebt, in dem immer wieder lang gesuchte Schätze auftauchen, von den anderen aufgrund angeblich arroganter Verkäufer und einer bestimmte Sparten elektronischer Musik fast vollständig ignorierenden Einkaufspolitik gehaßt. Spezialisierte Plattenläden sind mehr als reine Einkaufsparadiese. Hier werden Informationen ausgetauscht, soziale Kontakte geknüpft, kurz: entweder du gehörst dazu, oder eben nicht. Dabei haben Plattenläden die dumme Angewohnheit, immer lange schon zu existieren, und beim ersten Kontakt ist schwierig abzuschätzen, nach welchem Code hier Vinyl über den Tresen gereicht wird, auch wenn die Situation eigentlich überall die selbe ist. Es läuft Musik, Platten fliegen durch die Gegend, Telefone klingeln und die Betreiber sind auch nur Freaks. Etliche Jahre Techno und tonnenweise Vinyl liegen hinter uns, und würde man eine Spontanumfrage in Sydney, Karlsruhe, Paris und Kochel am See starten und langjährige Vinylkäufer nach renommierten Plattenläden auf dem Globus befragen, hätte das HardWax gute Chancen, in der Spitzengruppe der Tabelle vertreten zu sein. Auch seine größten Feinde müssen zugestehen, daß der Laden in Berlin-Kreuzberg gemeinsam mit dem nicht mehr existierenden FatCat in London und dem auch irgendwie geschlossenen, ohnehin nur monothematisch arbeitenden Submerge in Detroit, so etwas wie das heilige Dreigestirn der Techno-Plattenläden bildet. Längst haben diese Läden einen Kultstatus. Wie der entstanden ist, läßt sich heute nicht mehr recht ergründen. Im Laden wird er lächelnd akzeptiert. ”Diesen HardWax-Kult kriegen wir natürlich hier nicht so mit”, erzählt Pete, langjähriger Mitarbeiter im Laden. “Wahrscheinlich ist es unsere Haltung, sich nicht von Hypes und Trends beeinflussen zu lassen. Wir gehen mit der Musik anders um. Wir featuren bestimmte Dinge konsequent: Platten, die musikalischer und elektronischer sind.” Klappt man jetzt den Werbekatalog zu und blättert im Geschichtsbuch, wird schnell deutlich, daß die Art und Weise, wie der Laden seit geraumer Zeit geführt wird, kein genau festgelegter Plan war. Wie so oft spielten der Zufall und glückliche Umstände eine entscheidende Rolle. Ende der 80er Jahre, nach Acid und einer wagen Ahnung, was Clubs und die dazugehörige Musik sein könnten, suchte einige Leute in der Stadt nach neuen musikalischen Perspektiven und hatten bei der damals bestehenden Infrastruktur so gut wie keine Möglichkeiten, die Musik, die man vom Hörensagen gereister Menschen anderer Städte und Kontinente kannte, zu ergattern. Zwar gab es ein, zwei, drei Stellen in der Stadt, die Dancemusic führten, deren Sortiment setzte sich aber zu einem großen Prozentsatz aus eher belanglosen Sparten zusammen. In Berlin gab es das legendäre Pinky, was immerhin HipHop in gutem Maß mitgemacht hat, aber sonst vor allem auf Nice Funk, Two Live Crew und Disco spezialisiert war und eigentlich mehr die deutsche Disco-Ecke repräsentierte, die eh indiskutabel war. Zweiter Anlaufpunkt waren die großen Ladenketten. In Berlin waren sie eigentlich nur in der Einzahl vertreten, dieser Laden wischt bis heute nicht mal seine Regale feucht aus, und die Dance-Abteilung wurde eher unorthodox bestückt. Die Verkäufer kannten sich schon gar nicht aus und warteten eher auf die Pause als auf das UPS-Männchen. Die deutschen Vertriebe, soweit zum damaligen Zeitpunkt überhaupt existent, interessierten sich auch nur für den kommerziell interessanten Teil von Tanzmusik. So kam es, daß die ersten Pakete mit amerikanischen Houseplatten nicht über Deutschland abgeworfen wurden. Die Folge: Berlin war, was Clubmusik anging, anständig provinziell. Aus genau diesen Gründen machte Mark Ernestus Ende 1989 einen kleinen Laden in Kreuzberg auf, nannte ihn HardWax und verkaufte fortan Black Music, HipHop, Funk, Soul, Dub und ein bißchen House. Das Ziel war klar: Platten ranzuschaffen, die es bislang in Berlin nicht gab. Einen guten Namen machte sich der Laden anfangs mit seinem Soul-Backcatalogue, den Berlins HipHopper, die auf der Suche nach den Originaltracks waren, bald für sich entdeckten. Das House-Regal war schon übersichtlicher und besser sortiert, als im Rest der Stadt, die Probleme waren aber am Anfang die selben: Es fehlten die Kontakte nach Amerika und England, um die Houseplatten ranzuschaffen. Das wurde notgedrungen besser, als mehr und mehr Berliner DJs mit englischen Zeitungen unterm Arm in den Laden kamen und konkret nach bestimmten Platten fragten, neugierig, was das denn sei, worüber die Engländer da schrieben. Dann wurde telefoniert, bei diversen Vertrieben geleiert, mysteriöse Faxnummern angefaxt und ganz langsam entwickelten sich Verbindungen, die das Houseregal im Laden wachsen und wachsen ließ. 1990 – das Jahr nach dem Mauerfall – war in vielerlei Hinsicht der Urknall. Mit dem Eintreffen gesamter Backprogramme amerikanischer House-Labels eröffneten sich allen forschenden DJs, hier werden dann besonders gerne die Namen von Jonzon, Rok und Tanith genannt, zum ersten Mal die Möglichkeit, den DJ erstmalig zu dem zu machen, was er woanders schon lange war. Die eintreffenden Platten veränderten die gesamte musikalische Situation in den wenigen Clubs. Spätestens mit den ersten Tekknozid-Parties wurde die Urgewalt der neuen Möglichkeiten deutlich. Und wenn von da an alles vor allem Techno genannt wurde, dann war es zumindest aus damaliger Sicht immer noch vor allem House und wieder umgekehrt. DJs, die sich für diese neue Musik interessierten, hatten bis zu dieser Zeit ein Problem: Es gab so wenig Material, daß sich ein Abend nicht ausschließlich mit House bestreiten ließ. Musikalische Kompromisse waren die Folge, und DJ-Sets wurden mit allerhand Füllmaterial ausstaffiert. Was das HardWax angeht, so war es sicherlich nicht der einzige Laden der Stadt, der im Sommer 1990 zum Beispiel Tracks wie LFO von LFO im Regal hatte. Viele andere Läden orderten solche Platten auch, allerdings aus anderen Beweggründen. Sie begriffen sie als interessanten Nebenaspekt einer europäischen Dance-Szene mit Referenzen zum Elektroniksound der 80er Jahre. Steve Poindexters ÒWork that MotherfuckerÒ gab es im Sommer ’90 allerdings bestimmt vor allem und ausschließlich im HardWax. Dieses Wissen machte natürlich die Runde, und zum Jahreswechsel 1990/1991 wurde der Laden überrannt wie Bananenverkäufer auf dem Ostberliner Alexanderplatz 1985. Also mußten mehr Mitarbeiter her. Zwei goldene Regeln wurden bei der Auswahl der Mitarbeiter befolgt. 1.: Stell niemals einen DJ hinter den Tresen und 2.: Es gibt sowieso nur DJs, die das machen können, und die Wahl fiel auf den ständigsten aller Stammkunden, DJ Rok. Er zeichnete mit dafür verantwortlich, das Angebot im Laden stärker als zuvor auf ein musikalisches Genre zu konzentrieren, Techno. Denn während am Tresen bereits darüber diskutiert wurde, ob jetzt härterer Techno oder softerer Techno zukunftsträchtig war, standen in den Regalen immer noch Soul und Funk und HipHop. Längst nicht alle Plattenkunden kamen mit der im Laden herrschenden Stimmung damals klar, nicht einmal heutige Verkäufer. “Ich kam rein und sah nur Leute mit sehr kurzrasierten Haaren und Camouklamotten am Tresen stehen. Da bin ich dann gleich wieder gegangen”, erzählt Thorsten, der heute ebenfalls im Laden arbeitet. ”Das kann ich schon verstehen, daß man sich da anfangs unwohl gefühlt hat, auch wenn ich das ganz OK fand”, berichtet Pete. “Der Drang, mehr über die Musik zu erfahren, siegt aber letztendlich immer bei solchen Dingen.” Ein so einseitiges Angebot wie in den frühen 90er Jahren ist heute im Laden nicht mehr denkbar. “Wir haben das später gemerktÒ, erzählt René, der seit 1991 im Laden arbeitet. “Als die Leute genug davon hatten, ständig in die Clubs zu rennen, haben sich ihre musikalischen Vorlieben verändert. In den frühen 90er Jahren sind bestimmte Dinge völlig untergegangen, zum Beispiel frühe Black Dog Sachen. Dafür haben sich die Leute erst später interessiert, aber da war es zu spät, man konnte sie nicht mehr ranschaffen. Zum damaligen Zeitpunkt war das aber auch OK so. Da kamen fast nur DJs in den Laden, und das Angebot war dementsprechend darauf abgestimmt. Da war es ganz wichtig, daß Leute wie Thorsten im Laden angefangen haben, die neue musikalische Richtungen in das Programm aufgenommen haben.” Zum Glück. Daß Nicht-DJs und ihre Ohren genauso wichtig sind, daran zweifelt heute im Laden niemand mehr. 1991 aber war die Euphorie groß, und mit der Eröffnung des Tresors im Frühjahr des selbigen Jahres bot sich für die DJs, die bislang fleißig im Laden abgehangen hatten, nun endlich die Möglichkeit, ihre musikalischen Visionen an den Plattenspielern umzusetzen. Der Zeitpunkt der Tresoreröffnung war genau richtig gewählt. Inzwischen war es möglich geworden, ein Set komplett mit Technohouse zu bestreiten. Zum ersten Mal war Berlin nicht mehr ein grauer Fleck auf der Landkarte der Tanzmusik. Ausländische und vor allem amerikanische DJs wurden in die Stadt gebucht, was sicherlich auch zu einem sehr großen Stück auf das Engagement der Leute vom HardWax zurückzuführen ist. Es war eine entscheidende Zeit für die Zukunft des Ladens. Nach dem Mauerfall stand Berlin im Mittelpunkt des Interesses. Illegale Clubs an den aberwitzigsten Orten trugen dazu bei, Berliner Techno zu etwas Besonderem zu erklären, mit dem HardWax als Dreh- und Angelpunkt mitten drin. Es waren vor allem die Detroiter, die in dieser Zeit kamen und sich freuten. Das alles gipfelte in der Gründung eines von der Underground Resistance Crew geführten Labels mit dem Namen HardWax. Und überhaupt kam es zu einem regen Infoaustausch, Studioarbeit, Plattenveröffentlichungen undunduund. Für einen Teil der Ladenbesatzung war das auch eine Initialzündung, selber Musik zu machen. Heute stehen die zahlreichen 12″s der HardWax-Mitarbeiter in zahlreichen Plattenkisten ganz vorne, als vertraute musikalische Bezugspunkte, auf die man immer wieder zurückgreift. Bei René, der sich noch zu DDR-Zeiten nach ausgiebigem Hören der legendären Radioshow von Monika Dietl im SFB die Platten von seiner Großmutter aus Westberlin hatte mitbringen lassen, war das ähnlich. “Das Angebot war überwältigend, und als DJ war ich völlig ausgelastet,. Ich hätte nie daran gedacht, selber Tracks zu machen. Da kam dann aber einiges zusammen. Wenn die Detroiter im Laden waren, die allesamt Tracks gemacht hatten, die wir bewunderten, fingen sie an zu erzählen, mit was für minimalem Equipment die Tracks entstanden waren. Das Wissen, daß Tracks auch mit relativ geringem finanziellen Aufwand zu machen waren, und daß die Geräte gar nicht schwer zu bedienen waren, hat vieles bewegt.” Die gute Berlin-Detroit-Connection kann man getrost zu einem guten Teil Mark Ernestus zuschreiben. Er war 1991 wahrscheinlich der erste, der selbst nach Amerika fuhr, um bei den Vertrieben vor Ort Kontakte zu knüpfen. Das spielte sich vor allem in Chicago ab. Detroit war zu diesem Zeitpunkt noch vertriebstechnisches Wasteland. Bei Barneys auf der Chicagoer Southside wurde Ernestus fündig. Barneys als Plattenladen und Vertrieb war für die gesamte Chicagoer Houseszene der Anlaufpunkt Nummer 1. Dieses Unternehmen verfügte über die nötige Infrastruktur und die finanziellen Ressourcen, um Platten herzustellen und zu vertreiben. Die Besatzung von Barneys konnte mit dem Sound allerdings nicht sonderlich viel anfangen und betreut wurden die Houselabels auch nicht richtig. Im Lagerhaus sah es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte, und Ernestus verbrachte einige Zeit damit, alte Restbestände auszugraben und nach Deutschland zu verschiffen. Natürlich schaute er auch in Detroit rein. Contact was made. Zur gleichen Zeit entstanden erste Kontakte zur damalig boomenden Breakbeat-Szene in England. Kein leichtes Unterfangen, denn englische Breakbeat-Vertriebe hatten in den seltensten Fällen Büros. Sie agierten im Regelfall einfach vom Lastwagen herunter. Techno boomte und das HardWax auch. War Love Parade in Berlin, platzte der Laden schon am Montag davor aus allen Nähten, wenn Reisebusladung um Reisebusladung Raver vor dem kleinen Laden ausgesetzt wurde. Das Team wurde größer und größer: James, Boris, Mo, Sascha und für kurze Zeit auch DJ Hell und Electric Indigo. Mehr und mehr Techno-Plattenläden eröffneten in der Stadt, und es wurde Zeit, Stellung zu beziehen, das Angebot im Laden spezieller auszurichten, nicht auf einen bestimmten Sound, mehr auf eine bestimmte Herangehensweise an Musik. “Es wird Musik gefördert, die neu ist, die unterbewertet wird, oder die schwer zu kriegen ist, die wir aber gut finden und irgendwie beschaffen”, sagt René. “Wir sind in der glücklichen Lage, uns mit Musik zu beschäftigen, die uns auch gefällt. Andere Sachen laufen maximal noch mit, sind aber zum Großteil schon aus dem Laden verschwunden. Am Anfang war das anders. Da hatten wir alles, von Goa bis Gabba. Die Frage war dann, ob man alles weiter macht, auch auf die Gefahr hin, sich völlig zu verzetteln.” Ein Konzept, daß betriebswirtschaftlichen Selbstmord bedeuten kann und zu dem sich kaum Läden durchringen können. Für das HardWax trotzdem ein ganz wichtiger Schritt: “Wenn man den ganzen Tag lang Platten verkauft, die man nicht mag, und Leute bedient, bei denen man sich fragt, warum sie so einen Scheiß kaufen, ist die Katastrophe eigentlich vorprogrammiert”, sagt René. “So, wie es jetzt ist, ist es eigentlich ziemlich ideal. Das Publikum kommt sowieso schon aus einer bestimmten Ecke. Wenn die Leute Hardtrance und Goa kaufen wollen, dann kommen sie vielleicht mal kurz vorbei, werden aber natürlich nicht fündig. Das heißt nicht, daß man dann unfreundlich zu ihnen ist oder so. Aber die Kundschaft selektiert sich selber”, erzählt Cora, die erst seit kurzer Zeit im Laden arbeitet und genau wie alle anderen Verkäufer zuerst Kundin war. Die thematische Neuordnung des Ladens ging einher mit dem Aufbau neuer “Geschäftszweige”. Heute spielt die Bestellung von Platten per Fax oder Internet eine große Rolle. Seit FatCat in London schließen mußte, ist das Mailorderaufkommen nach England und Irland drastisch angestiegen. Die Kundschaft ist international. Auch der Großhandel spielt eine immer größere Rolle. Kleine Labels, die schlechte Erfahrungen mit Vertrieben gemacht haben, bieten dem Laden bestimmte Platten zur Distribution an. Ein Beweis dafür, daß Techno auch an den Vertrieben vorbei funktioniert. Wem die alten beengten Räumlichkeiten des HardWax noch im Gedächtnis sind, dem ist klar, daß die zahlreichen Aktivitäten dort kaum zu bewältigen waren. Im Lager entwickelten sich ebenso ungeordnete Ecken wie bei Barneys in Chicago, und wenn sich fünf Leute einen Schreibtisch teilen müssen, sind Schwierigkeiten vorprogrammiert. Seit gut einem Jahr ist das HardWax jetzt in einer Fabriketage am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg untergebracht. Hier ist endlich genug Platz, um Laden, Mailorder, Großhandel, Büros und das Dubplate und Mastering Studio, einer der feinsten Adressen im Land, wenn es um das Mastern von Vinyl und das Schneiden von Dubplates geht, unter einem Dach zu vereinen. Die neuen Räumlichkeiten sind imposant und vermitteln einem das Gefühl totaler Unabhängigkeit, wahrscheinlich genau das, worum es immer ging, sich aber früher aufgrund der beengten Möglichkeiten nicht vollkommen verwirklichen ließ, obwohl schon allein der Versuch zum Mythos gereicht hat. Unabhängig von den Meinungen und Vorgaben anderer zu agieren, Kräfte zu bündeln, zielgerichtet zum Wohle der Musik zu arbeiten. Diese Haltung steht immer noch ziemlich einzigartig und merkwürdigerweise so irrsinnig erfolgreich gegenüber vielen anderen Unternehmungen, daß man es mindestens als Wink mit dem Zaunpfahl betrachten sollte. So abgedroschen es 1998 klingen mag: Es geht nach wie vor um die Musik und nicht um den damit verbundenen Lifestyle. So werden Kräfte frei, mit deren Hilfe man sich noch mehr auf die Musik konzentrieren kann, also sich länger und intensiver ans Telefons hängt, wenn es darum geht eine bestimmte Platte zu organisieren. Es mag banal klingen, aber genau dieses Engagement macht einen guten Teil des Erfolgsrezeptes des Ladens aus: Der Wille, sich vielleicht einen Moment länger an einer Bestellung aufzuhalten, eine Telefonnummer mehr anzurufen. “Bei bestimmten Lieferungen braucht man ein wenig Ausdauer”, erzählt René. “Gerade die Amerikaner sind etwas langsam, was das Abschicken von Paketen angeht. Bei kleineren Labels dauert es schon länger, um überhaupt den Kontakt herzustellen. Wenn der deutsche Vertrieb aber zu wenige Exemplare hat, muß der Rest direkt vom Erzeuger organisiert werden. So war das zum Beispiel bei Schematic. Mit denen kann man wunderbar arbeiten, und die Platten sind komplett hier bei uns im Laden vertreten.” René kümmert sich inzwischen um den gesamten amerikanischen Einkauf. Der Laden profitiert heute natürlich auch von den guten Kontakten, die Mark Ernestus Anfang der 90er Jahre zu knüpfen begann. Credibility erfährt HardWax nicht nur durch den Laden, sondern auch durch die diversen Plattenlabels, die eng damit verknüpft sind: Basic Channel, Chain Reaction, Burial Mix, Rhythm & Sound, Main Street, Imbalance, Din. Platten, die man weltweit nicht nur in DJ-Koffern findet, sondern mindestens genauso häufig in der heimischen Plattensammlung. Platten, die zu einem guten Teil von Leuten aus dem Laden produziert werden, und die so etwas wie den Berliner Sound repräsentieren, mehr als alle anderen. Wenn es um die Musik geht, nennen alle immer nur einen Namen: Mark Ernestus, der durch seine Art und Weise mit Musik umzugehen und seinen Wissensvorsprung was die Produktion angeht die anderen infiziert hat. Was bleibt unterm Strich? House hat den Umgang mit der Musik verändert. Die Loslösung von Gesichtern und Slogans krempelte die Form, in der die Musik angeboten wird, völlig um. Das Angebot wurde vielfältiger, unübersichtlicher und kleinteiliger und die Aufgabe eines Plattenladens wurde neu definiert. Fortan kamen keine Vertreter mehr vorbei , die einen über die neuen Veröffentlichungen informierten. Man mußte sich selbst kümmern. HardWax war vielleicht der erste Laden in Deutschland, in dem dieses Engagement ernsthaft betrieben wurde, und wo man immer darauf geachtet hat voranzukommen, nach neuen Dingen Ausschau zu halten, bevor es zu spät war und gleichzeitig nicht die Vergangenheit außer Acht zu lassen. Denn der ideale Plattenladen konzentriert sich nicht auf ein musikalisches Genre, sondern auf die Höhepunkte und Momente unterschiedlichster Musikrichtungen. HardWax ist längst nicht mehr der einzige Laden, der so arbeitet, wahrscheinlich aber der konsequenteste. Dank an: Mark Ernestus, Cora, René, Pete und Thorsten. Hardwax Paul Lincke-Ufer 44a 10999 Berlin Tel: 030.61130111 Fax: 030.61130199 http://www.hardwax.com/ Webpages, die sich mit dem musikalischen Output des HardWax-Umfeldes beschäftigen. http://amor.rz.hu-berlin.de/~h0444rrf/bcdisc.html http://www.snafu.de/~circonium

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