Warum nicht mal Landleben? Elektronisch Erproben und Einstudieren lässt sich das jetzt mit "Harvest Moon", einer Game-Serie, die landwirtschaftliche Grundoperationen wie Pflanzen, Jäten und Gießen geschickt mit Elementen aus japanischen Datingsimulations-Spielen verknüpft. Von einem Ackertag, Monat, Jahr zum nächsten. Zwei neue Episoden laden zum "Wonderful life".
Text: Nils Dittbrenner aus De:Bug 82

Harvest Moon / Küken klicken

Wenn Voltaires berühmte Romanfigur Candide am Ende ihrer eigenen Geschichte voll Lebensweisheit sagt, es ginge schlicht darum, den Garten zu bewirtschaften, um sich das Leben erträglich zu gestalten, zaubert uns diese Aussage in Gedanken an die deutsche Gartenzwergkultur ein amüsiertes Lächeln auf die Lippen. Mit wie viel Ironie der französische Philosoph seinen westfälischen Antihelden an dieser Stelle sprechen lässt, sei erst einmal dahingestellt. Die Erkenntnis indes, dass Gartenarbeit jenseits von spießigen Rasensprengern und Vorgartenzwängen für Genugtuung sondergleichen sorgt, gerade wenn es sich um ein kontrolliert biologisches Gemüsebeet, besser noch einen Freizeithof mit Getier und dem Fernziel Selbstversorgung handelt, dürften auch nach dem Untergang romantischer Hippie-Utopien noch viele teilen. Nun mag, falls es sie denn gibt, den archetypischen Debug Leserinnen und Lesern diese rurale Perspektive auf’s menschliche Dasein inmitten ihrer elektronischen Lebensaspekte eher fremd erscheinen – doch Halt: Im Trockendock der Unterhaltungselektronik dürfen wir das Landleben schon seit 1997 einstudieren, der berühmten Harvest Moon-Serie sei dank. Und auch im Doppelpack der unlängst erschienenen letzten Folgen “Friends of Mineral Town” und “A Wonderful Life” der knuddeligen Bewirtschaftungssimulation wird in guter alter Harvest Moon-Manier gejätet, gepflanzt, gerecht, gegossen, gemolken, gehackt, geschoren und gehämmert, dass es eine wahre Freude ist.

Digitale Landflucht
Womit Arbeitsethos und Tagesablauf des Agrarsektors erneut auf simple Spielmechanik und Pixel bzw. Polygone treffen. Schon in den vorangegangenen, nur teilweise in Europa erschienenen Folgen wurden dem Hofleben immer mehr aus japanischen Sozial- bzw. Datingsimulationen bekannte Elemente eingewebt. Auch erweiterten die Entwickler den “Jungspund erbt Hof von gestorbenen Besitzer”-Plot um einen von Folge zu Folge weiteren erzählerischen Rahmen. Der Kern des süchtigmachenden Landlebens rund um die oben genannten agrarwirtschaftlichen Grundoperationen blieb jedoch erhalten. So sorgen auch die beiden aktuellen Episoden nach einer gewissen Einarbeitungszeit für ein strudelartiges Spielerlebnis von einem Ackertag, -monat, -jahr zum nächsten, Feier- und Geburtstage der Spielwelt mit zahlreichen NPCs (“Non-Player-Characters”) inbegriffen. Tagein tagaus müssen Tiere und Felder bewirtschaftet bzw. gepflegt werden, zahlreiche Geheimnisse warten auf ihre Entdeckung und zu guter Letzt will eines der Mädchen im Ort die nötige Aufmerksamkeit in Form von Geschenken bekommen, um sich zu einer Hochzeit mit dem Alter Ego begeistern zu können … Für Langzeitmotivation ist also gesorgt, auch wenn die monokausalen Sozialbeziehungen mit den eindimensionalen NPCs häufig für interkulturelle Fragezeichen sorgen. Dabei bleibt das Spiel aber stets einfach, verständlich und fair, ein “Game Over”–Screen wurde vermutlich gar nicht erst einprogrammiert. Wohl aber versteckte Tipps, Erklärungen und Anleitungen, die über das mangelhafte Handbuch und die manchmal hanebüchene Übersetzung hinweg trösten. In der Gamecube-Version haben die teilweise verwirrend skurrilen, dialogischen Kennenlern-Elemente mit schrägen Dorfbewohnern gegenüber älteren Teilen stark zugenommen, auf dem Gameboy Advance steht die Bauernhof-Arbeit weit stärker im Vordergrund – und einer persönlichen Note der kleinen Landwirtschaft somit grundsätzlich mehr Raum zur Verfügung. Dafür müssen wir aber auf die bezaubernde dreidimensionale Naturidylle verzichten und uns mit der Vogelperspektive zufrieden geben. Für die eigene Kemenate steht allerlei Extra-Ausstattung zur Verfügung; den in “A Wonderful Life” selbstredend schon vorhandenen Plattenspieler erhalten wir in der Gameboy-Version als Bonus-Item jedoch erst nach erfolgreichem LinkUp zwischen den beiden Spielkonsolen. Alles in allem steckt auch in den neuesten Episoden – genügend Zeit vorausgesetzt – das gute alte Bauernhof-Spiel, welches derart ans Herz wächst, dass man es aus Sorge um die eigenen Kühe und Küken gar nicht mehr ausschalten mag.

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Elektronische Lebensaspekte.