Welch Zufall, dass die Freundin aus der Steinway-Familie stammt.
Text: Björn Bauermeister aus De:Bug 126


Alufolie, Kronkorken und Rasseleier verteilt Volker Bertelmann alias Hauschka zwar immer noch auf seinem Klavier. Erweitert werden die Möglichkeiten des präparierten Klaviers auf seinem neuen Album “Ferndorf” aber mittlerweile um ein dichtes Gewebe orchestraler Klangtexturen. Nur ein Zwischenschritt zum völligen Verschwinden in seinen Stücken?

Für ein paar Interviews kann der Düsseldorfer Volker Bertelmann in der Wohnung einer Freundin in Berlin-Kreuzberg unterkommen. Welch Zufall, dass diese Freundin aus der Steinway-Familie stammt und damit selbstredend ein Klavier im Raum steht. Dass dieses wie ein Hippie-Weihnachtsbaum behängt ist, dürfte doch eher ungewöhnlich sein. Für Hauschka ist das aber Normalität und beinahe schon ein alter Hut.

Es gehört zum guten Ton einer jeden Familie, dass das heimische Klavier fein und richtig klingt. Damit das so ist, kommt regelmäßig ein verrückter Typ mit großen Ohren vorbei und stimmt. Angenommen Volker Bertelmann aka Hauschka würde sich als ein solcher Klavierstimmer ausgeben: Familie Biedermann fiele aus allen Wolken! Denn Hauschkas Klangweltbild ist ein anderes. Nachdem er das Klavierspiel studiert und in all seinen Möglichkeiten durchdekliniert hatte, begann er zu präparieren.

Seitdem bekommt er nach Konzerten von manch einem Zuschauer eine Tüte Buntes überreicht. Diesen Krimskrams kann er dann auf den Saiten und Hämmern seines Klaviers verteilen und horchen, ob Neues für ihn erklingt. Alufolie, Kronkorken, Gaffa, Plastik, Drähte, Glasscherben, Rasseleier und alles, was zur Folge hat, dass entweder kein Klavierton mehr wahrnehmbar ist oder der ursprüngliche Ton eine neue Nuance erhält. Kurzum: eine anarchistische Klangwelterweiterung.

Die jetzige Erweiterung, die sein neues Album “Ferndorf” mit sich bringt, ist ein veränderter Fokus. Der Blick weicht sukzessive vom präparierten Klavier ab und öffnet damit den kompositorischen Raum. Eine immens wichtige Fortentwicklung für Hauschka: “Ich wollte gezielt das präparierte Klavier aus der Stellung einer heiligen Kuh herausheben. Es soll wie ein Instrument neben anderen behandelt und wahrgenommen werden, trotz seiner vielleicht unkonventionellen Klangtexturen.”

Diese Neuerung funktionierte auf Anhieb. Vierzig Stücke hat er gemeinsam mit Cellistinnen improvisiert und aufgenommen. Viel Material, wenn man bedenkt, dass Hauschka darüber hinaus noch 20 weitere Stücke gemacht hatte, die ausschließlich am “fast totpräparierten Klavier” ein Sammelsurium aus perkussiven Skulpturen ergaben. Doppelalbum?

“Irgendwann habe ich gemerkt, dass es viel schöner ist, wenn ich all dies auf einem Album miteinander verwebe. Deshalb nahm ich die Grundideen des Perkussiven und habe dafür Streicher-Arrangements geschrieben. Und das war ein wichtiger Punkt für mich, weil mir da klar wurde, dass der Übergang zum ausnotierten Orchestersatz gar nicht so weit entfernt ist.”

Aus den insgesamt sechzig Stücken wählte er ein Dutzend aus und gab ihnen die Überschrift “Ferndorf”. Dieses Dorf heißt in der Tat so und ist ein provinzieller Fleck in Nordrhein-Westfalen, in dem Volker seine Kindheit verbracht hat. Warum aber diese Vergangenheitsbewältigung? “Es besteht ein starker Zusammenhang zwischen meinen Improvisationen und meiner Kindheit. Es gibt da eine urtümliche Freiheit, vielleicht eine Art Spieltrieb, mit den Dingen umzugehen.”

Man muss nun kein Hellseher sein, um vorherzusehen, dass vermehrt auch andere Instrumente einen Präparations-Anreiz für solch einen Getriebenen bieten. “In der Tat. Naheliegend ist auch, irgendwann gar nicht mehr darin vorzukommen, also dass ich in meinen Stücken verschwinde und sie ausschließlich komponiere. Das wäre die konsequente Fortsetzung.” Dies könnte Hauschka sich auch bereits für ein nächstes Album vorstellen – genauso wie ein lupenreines Dance-Album für Karaoke Kalk.
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Elektronische Lebensaspekte.