Wer auf den Aphex Twin Alben immer direkt zu den verstreuten Kammermusikstücken geskipt hat, von dem Wunsch getrieben, endlich mal ein ganzes Album voller subtil verspielter, verzerrter, elektronisch berarbeiteter Pianostücke zu hören, wird nun beglückt. Komponiert wurde es allerdings in Düsseldorf. Und zwar von Hauschka.
Text: Renko Heuer aus De:Bug 95

Der hölzerne Freund
Hauschka am Klavier

Prefuse 73 hat es sich lautstark als neusten Overlord-Plan auf die Fahne geschrieben, Gonzales hat damit erst kürzlich die Welt im sanften Sturm erobert – dabei hat’s eigentlich ein anderer schon vor ihnen gemacht: Hauschka. Die Rede ist von einer beflügelten Rückkehr zum Klavier, zum heimisch-ruhigen Piano-Minimalismus. Hauschka, bürgerlich Volker Bertelmann aus Düsseldorf, sonst eher über seine Music A.M.- oder Tonetraeger-Multiinstrumentalisten-Schaffenskanäle bekannt, liebt und erforscht besagtes Instrument inzwischen seit rund 30 Jahren. Nach pflichtgemäßen Bekanntschaften mit Chopin, Beethoven und Hancock begann er schon bald eine ganz eigenwillige Beziehung zu seinem schwarzweißen Spielzeug, bei der das eigene Kreieren weitaus größer geschrieben wurde als bloßes mechanisches Abkupfern. “Das Klavierspielen ist eigentlich etwas, das dich wie ein ewiger Freund begleitet. Aber es gab lange Jahre, in denen ich mich mit dem Klavier sehr unhip gefühlt habe. Während der Crossover-Zeit habe ich selbst die Synthies durch fette Distortions gespielt, um sie rockig klingen zu lassen.“ Ohne klebrigen “Hipster-Crossover“ als Hindernis hat der inzwischen 38-jährige Familienvater und Queen-Fan sein eigentliches “Hauptinstrument“ vor einigen Jahren wieder neu für sich entdeckt, “durch die elektronische oder auch experimentelle Musik“. Was zunächst als kleines Nebenprojekt begann und von der alltäglichen Flut geldbringender Klavierschüler wahrscheinlich sogar behindert wurde, ist heute ein Puzzleteil in seinem musikalischen Schaffen, das er nicht missen möchte. So steht dieser Tage die Veröffentlichung von “The Prepared Piano“ ins Haus, seinem zweiten Album unter jenem Pseudonym, das er gewählt hat, um etwaige “Assoziationen mit großen Pianisten zu vermeiden“. Binnen drei Wochen in Wales entworfen und aufgenommen, erklärt der Albumtitel die Richtung, die Bertelmann mit dem hölzernen Freund eingeschlagen hat: “Prepariert habe ich mein Klavier mit allem, was mir in die Finger kam, also Filz- und Gummikeile, Kronkorken, Schokoladenpapier, Pergamentpapier, Plastikfolie, Gitarrensaiten usw.“ Das Resultat ist eine von unerwarteten Trash-Sounds durchtriebene, hypnotische Klavierplatte, die zwar nicht unbedingt durchgehend sein “verwegenes Ziel, die Idee von elektronischer Musik für das Klavier zu adaptieren“ erfüllt, aber doch in verspielt-bedachter Manier mit simpelsten Kleinst-Loops, minimal-asiatischen Variationen und besagtem Kronkorken-Klimbim an Laptop-Methoden erinnert und sich insgesamt so angenehm zurückhaltend (und ohne Jhai-Vorschuss) präsentiert, dass man schlichtweg nicht genug bekommen kann. Natürlich hat der eigentliche Musikhör-Abstinenzler Bertelmann auch beim Trubel um Gonzales’ Piano-Platte aufgehorcht. “Ich habe sein Album gehört und habe mich natürlich, weil es nach meinem ersten Album rauskam und soviel Aufmerksamkeit bekam, gefragt, ob es am Inhalt liegt oder an der Bekanntheit von Gonzales. Sein Album gehört für mich auf jeden Fall zu den guten Pianoplatten im letzten Jahr.“ Und Hauschkas zu denen in diesem Jahr.

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Elektronische Lebensaspekte.