Das Handy ist nur der Anfang: In Zukunft wird nicht nur die Arbeit, sondern auch der Alltag vernetzt. Der nette Haushaltsroboter aus der Zukunftsvision der 50er Jahre kehrt wieder, doch diesmal kommunizieren nicht nur die Maschinen, sondern auch die Waren mit. Der gläserne Haushalt kommt.
Text: thomas richter [rocketman@schwarzkommando.de] aus De:Bug 34

/wireless/haushalt Wenn der Herd mit der Heizung redet Drahtloser Haushalt Die ganze Welt bekommt eine parallele Informationssphäre. Wie bei Alice im Wunderland: Alle Dinge sind belebt und können reden. Sogar die Waren reden miteinander, sie teilen sich ihre Zustände mit, ihre Zustandswünsche, Informationen über ihren Besitzer, ihren Platz im Regal. Die Unterschiede verschwinden: Menschen reden am Telefon mit Menschen, Computer mit Computern, Menschen mit Computern. Die Dinge können reden Ð doch was wollen sie? Zumindest aus dem Bauch raus reden können sie: der Kühlschrank meldet dem Besitzer Fehlbestände und im Supermarkt funken Konservendosen wild, um die Aufmerksamkeit des persönlichen digitalen Einkaufsassistenten zu bekommen. Wer wird der glücklich Gekaufte sein? Eigentlich ist es eine alberne Vorstellung von seinem digitalen Assistenten, der im steten Dialog mit Dosen und Verpackungen aller Art steht, durch den Supermarkt gelenkt zu werden Ð nach Anweisungen des Kühlschranks und der intelligenten Vorratskammer zu Hause. Was für eine Vision, nur noch der verlängerte Arm und Bauch seines Haushaltes zu sein. Das Essen kocht sich dann sowieso selbst, von intelligenten Verpackungsrezeptagenten je nach ermitteltem Kalorienbedarf und persönlichem Geschmack geleitet, dem von evtl. Gästen und ihren Geschmäckern, über die die persönlichen Assistenten sich natürlich schon längst ausgetauscht haben – der Herd weiss eh schon Bescheid. Geschmack ist auch nur irgendein Parameter. Dein Haushalt weiss, was du willst. Das Zuhause wird zum elektronischen Environment: ‘informationell’ und materiell durch Interaktion mit dem User. Der nette Haushaltsrobot der 50er Zukunfstvision kehrt wieder in der Gestalt einer Gesamthaushaltspersönlichkeit Ð die distributive Intelligenz des Haushalts wird allgegenwärtig sein: Von der Eingangstür, die die Ankunft des Users meldet, bis zum sich automatisch bootenden Haushaltsnetzwerk (H-Unterhaltungsgeräte? oder HU-Geräte?). Gerätschaften, die alle nur das eine wollen: dienen. Und das perfekt personalisiert. Der sich seinem Benutzer anpassende Personal Video Recorder ist da nur ein avantgardistisches HU-Gerät mehr, ein digitaler Lebensassistent, Kategorie Unterhaltungsfernsehen. Der medizinische Überwacher per “Biochip inside”, gekoppelt an das aufmerksame Hausnetzwerk, wäre ein anderes. Der Haushalt als Kindergarten Auch ökonomisch ist das optimal. Wenn schon alles gekauft ist, an Geräten, dann ist eine neue Generation intelligenter netzwerkfähiger Geräte natürlich extrem marktbelebend. Gesellschaftlich übernimmt der fürsorgliche Haushalt die Mutterfunktion. Rundum umsorgt, vom selbst kochendem Essen über das selbst-gefällige TV-Programm bis zum wohltemperierten Bett fühlt man sich in die frühe Kindheit zurückgesorgt. Es wird sich um alles gekümmert: die Wünsche werden von den Augen oder vom Blutzuckerspiegel abgelesen und in Realtime erfüllt. Die Wunscherfüllungsrückkopplung wandert vom Videospiel in den Alltag und revolutioniert ihn: Was gibt es alltäglicheres als den Haushalt? Gute Nacht und Licht aus, zu tun übrig bleibt noch das Geldranschaffen. Oder wir werden als glückseelige Schicht von Aktiengewinnern für immer sorgenfrei und arbeitsfrei sein. Es bleibt die Pflicht, Entropie in den Warenkreiskauf einzufügen, auf dass er sich erneuere, bzw. als Entropiefaktor Warenwerte zu vernichten, auf dass die Produktion nie ruhe. Noch rufen die Colaautonmaten niemanden an. Der Mensch als der heimliche Attraktor im chaotischen Netzwerk der schnatternden Appliance-2-Appliance Kommunikation, eine neue Stufe der Evolution: Das Leben in einer Welt digitaler Dschinns. (Wessen Masterplan ist das eigentlich?) Kontrolle – jederzeit und von überall Heimkamerabilder werden über Funknetz überall verfügbar, 1toAll, eine Kaffemaschine 24 online per erster Webcam im Netz, war wohl prophetischer, als es zunächst aussah. Dieser Geekscherz wird Symbol für den produktstrategischen Glaubenssatz der Utopie der intelligenten (wireless) Household Appliances: Totale Kontrolle und Abfrage aller Geräte, Kommunikation mit jedem Menschen und jeder Maschine jederzeit von überall. Und: Personalisierung von Technik. Der Kühlschrankinhaltszustand, der Babywach- bzw. Schlafzustand ist über das Netz jederzeit überall abfragbar. Die Kontrollgesellschaft, die sich auf eine Heimebene verlagert, breitet sich mit Hilfe der neuesten Technik ins Zuhause aus. Im Zweifelsfall wird die USA fordern, dass der verschlüsselte Blick in die Wohnung durch einen NSA-Zweitschlüssel ergänzt wird, wie schon bei der Verschlüsselung von Email. Dann wird die totale Überwachung zum wesentlichen Nebennutzen dieser Produkte. Denn eines ist klar: Wenn Informationen in digitaler Form vorliegen, dann sind sie auch zugänglich. Ein “Haushaltshack” wird durch diese tatsächliche Verzahnung von Alltags- und Informationswelt ganz neue Möglichkeiten bieten. Wird ausserdem das gegenseitige Überlassen der Zugangscodes zum eigenen Hauskamerasystem ein zukünftig unabdingbarer Liebesbeweis für Partnerschaften? Wird die mobile Vorratsschrank-/Kühlschrankinhaltsabfrage und die gegenseitige Kommunikation darüber zur Hauptbeschätigung in der zukünftigen tollen Freizeitgesellschaft? Order vom Kühlschrank per SMS: Bier nachkaufen! Heringsalat, aber flott! Und die Butter nicht vergessen! Oder eine SMS-Mail vom Fernseher, dass die Kinder gerade eine Sendung mit einem altersunangemessenen Grad von Gewalt ansehen? Eine Meldung, dass sie Webseiten besuchen, die der Cybersitter eigentlich verboten hat? Wird die Kinderstandortanzeige mit automatischer GPS-Positionsermittlung und Begleiter-Sozialwerteinschätzung eine logische Fortsetzung des Babyphones mit modernenen Mitteln? Eines ist klar: Hacken wird dann zur ersten Kinderpflicht.

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Elektronische Lebensaspekte.