Der Bremer Lumpi Przygodda ist mit seinem dritten Album für Karaoke Kalk der meisterlichste Hausmeister in unzögerlicher Melancholie. Sein Elektronik not Elektronik-Folk hat sich auf "Weiter" vom Lego-Kinderzimmer zum Fischertechnik-Jugendzimmer gemausert, wie es ein klassisch barocker Werdegang eben vorschreibt.
Text: Heiko Gogolin aus De:Bug 65

Es muss endlich mal gesagt werden: Hausmeister aka Christian ”Lumpi” Przygodda ist ein Superheld der Popminiaturen. Definitiv. Mit schon drei tollen Platten voller wuseliger Treffer im Kleinformat erscheint er selbst auf Karaoke Kalk noch als Hochlicht, immerhin eines der schönsten Labels unseres Landes. Und schon wieder so ein Bremer. Seien wir doch mal ehrlich: Das stets auf seine Autonomie pochende Städtchen an der Weser war bis vor einigen Jahren eher ein weißer Fleck auf der Landkarte elektronischer Musik, von Hans Dampf-in-allen-Ravegassen, Thomas Schumacher, mal abgesehen. Doch dann landete aus heiterem Himmel das leider immer noch viel zu unterschätzte super duper Label “Esel“ auf unseren Plattentellern. James DIN A4, Caulfield, Tobias May oder eben Hausmeister, der dort mit einer Siebener startete, wurden schnell unsere Lieblingsbremer und jeder Tag, an dem eine neue Esel eintraf, war garantiert ein Freudentag.

Das Projekt Hausmeister entstand aus Vier-Spur-Skizzen für Christians frühere Rockcombo. Die Versionen, die er als Band-Vorlage gebastelt hatte, waren oftmals schlicht und einfach die besseren, so lag der Schritt nahe, sich zu emanzipieren und was Eigenes in die Richtung zu starten. “Ich kam durch’s Alleine-Musik-Machen auch viel näher an mich ran. Daher auch der Name ‘Hausmeister’. Es passiert zu Hause und ohne Auseinandersetzungen mit anderen. Dort bin ich mein eigener Meister und konnte auch ohne Ende abfeiern.“
Das neue Werk nennt sich “Weiter“ und klingt irgendwie trauriger und melancholischer als die beiden Vorgänger. Missfiel Christian bei der Debug-Rezeption seines Debüts, aufgrund der sehr eng an die eigene Biographie geknüpften Tracks, noch der herausgestellte Legofunk-Niedlichkeitsaspekt, sind die neuen Tunes viel entschlossener in ihrer Gesamtstimmung. Trotz ihrer inneren Zerrissenheit, denn selbst in einem kleinen Beitrag oszilliert der Tenor manchmal zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Ähnlich wie auf der letzten Kreidler tritt ab und zu so etwas wie ein erhabener, pathetischer, ich sag mal barocker Klassik-Aspekt in den Vordergrund, die Gitarre bleibt jedoch eindeutige Protagonistin. Kleine spannende Fetzen von Geschichten werden non-linear erzählt – Für wenige Durchläufe säuselt eine gepfiffene Melodie durch den Raum, aus der man, penetrant auf ihr herumgeritten, vielleicht einen Welthit des Leichten Hörens basteln könnte, aber denkste, denn nach ein oder zwei hurtigen Wendungen ist das Lied wieder ganz woanders und, ehe man sich verhört, schon vorbei. Das Verspielte, manchmal Kindhaft-Naive ist auf “Weiter“ als Destillat noch vorhanden, aber der Wusel-Faktor tritt zugunsten einer getragenen, akustischen Stimmung zurück. Was seiner Meinung nach auch in der Produktionsweise begründet liegt: “Die erste Platte geschah rein auf Vierspur. Alles war total beschränkt. Das Verspielte ist aus der Not heraus entstanden, da hört man natürlich, dass z.B. ein Sample schlecht bearbeitet ist. Ich denke mir, das der zunehmend akustische Eindruck auch darin liegt, das ich einen Umgang mit der Elektronik gefunden habe, das man sie gar nicht mehr wahrnimmt.“

Aus heiterem Trennungshimmel

Fast hätte ich’s vergessen: Lumpi singt auf zwei Stücken. Und zwar auf Deutsch. Überraschend für uns, aber nicht für ihn. Er freut sich, dass ich beim Gespräch nicht, wie befürchtet, sofort nur darauf herumreite, dass jetzt Lyrics zu hören sind, denn die Gesangsbeiträge sind ihm weitaus nicht die wichtigsten. “Für mich ist Gesang eigentlich nur ein kleiner Schritt und nichts Neues, denn ich komm von Gesang her. Das ich bei Hausmeister bis jetzt ausschließlich Instrumental-Musik gemacht habe, war das neu. Ich hatte ein paar Jahre nichts zu sagen, es ging irgendwie nicht. Die Stimme war ja non-verbal auch schon präsent und die Sounds für mich immer schon sehr beredt.“ Gesang determiniert die Stimmung eines Liedes natürlich mehr, als es ein reines Instrumentalstück vermag, obwohl für den Hörer durch den Text auch ganz neue Projektionsflächen für individuelle, subjektive Aneignungen hinzukommen. Trotzdem verliert die Musik so vielleicht ein wenig von ihrem universellen Aspekt, der viele Menschen, die ich kenne, dazu gebracht hätte, sich einen Hausmeister-Starschnitt in ihr Zimmer zu hängen. Aber für ihn war klar: Wenn mit Text gearbeitet wird, dann konsequent auf Deutsch, für jeden verständlich und ohne sprachliche Verschlüsselungen. Punkt.
Den Stücken ein Wort wie “weiter“ als Klammer zu geben, lässt natürlich, gerade in Zusammenhang mit dem einerseits traurigen, aber dann doch wieder optimistischen Timbre, viel Spielraum zum Herumphilosophieren – Also wie und wohin weiter, in musikalischer oder autobiographischer Hinsicht? “Diese Platte ist eigentlich eine Trennungsplatte, die Texte handeln vom Auseinandergehen, nur sind sie schon vor der Trennung entstanden. Mir ging es genauso wie Alanis Morissette. Ich hab mal ein Interview mit ihr zum letzten Album gehört. Drei Jahre hatte sie eine Schreibblockade und merkte irgendwann, da kommen wieder Stücke. Sie hatte aber Angst davor, sich wieder hinzusetzen, weil sie wusste, dass sie sich dann von ihrem Typen trennen muss. Und dann hat sie angefangen, die Stücke zu schreiben und das waren dann eben Trennungsstücke. Und parallel hat sie sich dann von ihm getrennt. So war das bei mir auch, nur das ich mich nicht ganz von ihr getrennt habe. Die Stücke haben sehr viel vorweggenommen. Mein Unterbewusstsein war da viel weiter und klarer als ich.“
Ich will dann natürlich sofort wissen, ob die Musik, die er jetzt macht, schon wieder nach Verlieben klingt, aber dem ist leider noch nicht so. Ein ganzer Berg an Stücken aus der Zeit des Auseinandergehens wartet noch drauf, abmusiziert zu werden. Ähnlich wie bei manch anderen Releases von Karaoke Kalk hat die neue Hausmeister etwas sehr Heimeliges und Persönliches. Manche Lieder mag man gar niemandem vorspielen, weil, Achtung Allgemeinplatz, so ein intimes Band zwischen der Musik und einem selbst geknüpft scheint. Wie Bleed zu was anderem mal sinnentsprechend sagte: “Eine Platte, die so schön ist, dass man mit ihr durch die Parks spazieren gehen möchte.“

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Elektronische Lebensaspekte.