Vor zwei Jahren landete Heartthrob mit "Baby Kate" einen Hit, der auch für die Neuausrichtung von Richie Hawtins Minus-Label stand. Wir spazieren mit dem frisch Zugezogenen durch Berlin-Mitte.
Text: Ji-Hun aus De:Bug 124


Heartthrob, bürgerlich Jesse Siminski, wohnt erst seit wenigen Monaten in Berlin. Davor verweilte er drei Jahre in Paris, nachdem er von New York weggezogen war, wo seine Bekanntschaft mit Magda und Richie Hawtin begann und so seine musikalische Laufbahn in die Minus-Welt seinen Weg nahm.

Jesse studierte in Michigan Kunst und arbeitete danach im Bereich PR für verschiedene Modelabel und Galerien. Wir spazieren gemeinsam durch Berlin-Mitte, um dem frisch Zugezogenen neue Orte zu zeigen, und gleichzeitig über sein Debütalbum “Dear Painter, Paint Me“ zu plaudern.

Jesse kommt mit seinem Borderterrier Kim, ein in Berliner Kreisen mittlerweile bekannter Kläffer, den der Halter auch liebevoll den “Techno-Dog“ nennt, weil, wenn er auf Reisen ist, dieser entweder bei seinem Mitbewohner Troy Pierce oder in der BPitch-Zentrale sein Leben ohne Herrchen führt. Kim genießt also bestes Ansehen in besten Kreisen und ist so etwas wie der heimliche Star unter den Stars. Man spricht ja häufig davon, dass Hund und Halter sich ähnlich sind.

Dies trifft in der Konstellation Kim und Siminski zwar nicht äußerlich zu, weil das Herrchen trotz sommerlicher Temperaturen mit hoch geknöpftem Hemd und akkuraten Hosen sehr zeitlos stylish erscheint, wohingegen Kim aufgrund seiner Rasse doch den Touch des Zerstreuten, Wuscheligen in sich trägt. Aber der Hund ist bestens erzogen, bellt während unseres Ausflugs nicht ein Mal, ganz ähnlich wie Heartthrob, der trotz kürzlich absolvierter und enervierender US-Tour sehr aufgeweckt, interessiert und ein äußerst angenehmer Zeitgenosse zu sein scheint.

Kunst und Techno, also kulturelle Reflektion und ekstatischen Körperaffekt zusammenzubringen ist keine leichte Angelegenheit und durchaus an der Kante zum abgehobenen Scheitern. Wieso dennoch dieser Querverweis auch im Albumtitel zur Malerei gewählt wird, erklärt Siminski wie folgt:

“Ich sehe da schon Ähnlichkeiten zwischen Malerei und Technoproduktionen. In der Malerei bearbeitet man eine leere Oberfläche und es hat erst mal viel mit formalen Prinzipien und Praktiken zu tun. Bei einem Gemälde muss man mit dem Handwerk sehr vertraut sein, es muss technisch solide ausgeführt werden. Bei Techno hat man die Basis, dass es Tanzmusik ist, das Produzieren hat auch viel mit Handwerk zu tun, aber dann gibt es diese Magie, die auch die Leute auf dem Dancefloor verstehen, die sich fernab von reinen DJ-Tools abgrenzt. Das war das, was ich gesucht habe. Bei einem guten Gemälde fragt keiner mehr nach der Technik, aber es hat bestenfalls eine emotionale Wirkung und bewegt einen. Ich mag zeitgenössische Kunst sehr. Und natürlich ist ein Künstleralbum eine sehr narzisstische Angelegenheit. Ich wollte mit dem Titel aber auch bewusst diesen narzisstischen Aspekt konterkarieren. Einer meiner Lieblingsmaler ist Sigmar Polke. Bei ihm ist spannend, dass er mit destruktiven Elementen arbeitet. So wie seine Gemälde, die mit der Zeit auseinander fallen und somit ihren Wert verlieren. Diese Anti-Idee von Malerei. Die Kunstszene ins Lächerliche zu ziehen.“

Auf der Suche nach Leidenschaft
Heartthrobs erster große Aufmerksamkeitsschrei war “Baby Kate“ vor zwei Jahren, ein Track, der die neue Ausrichtung des Labels Minus mitbestimmte. Dennoch wählte Siminski den scheinbar unkonventionellen Weg, nach kurzer Zeit ein gesamtes Album zu produzieren, das in seinem Sound durch Homogenität besticht, und nicht erst ein Dutzend EPs auf den Markt zu schmeißen:

“Die Idee war etwas breiter Angelegtes zu machen als einfach nur eine EP. Und mit dem Minus-Jubiläum wollte das Label etwas anderes ausprobieren, etwas mehr an größeren Projekten arbeiten. Mehr Künstlerorientiertes, neue Sounds und andere Formate. Ich mag auch größere Projekte, vor allem Dinge, die mehr auf Songbasis ausgelegt sind.“ Das Prinzip Song wäre ihm bei “Dear Painter, Paint Me“ sehr wichtig gewesen. Auch wenn bei erstmaligem Hören keine Hooklinekeule wahrzunehmen ist, sind es doch die subtilen Melodien, die sich nicht nur durch ihre Tiefe, sondern auch durch ihre Feinheit auszuzeichnen wissen. Dabei scheint es sich positiv ausgewirkt zu haben, dass Heartthrob anders als der Großteil seiner Labelkollegen nur Livesets spielt und nicht auflegt:

“Ich höre gerne Singer-Songwriter-Sachen. Ich liebe die Musik von Rufus Wainwright und den Beatles. Und seitdem ich mich aufs Livespielen konzentriere, muss ich nicht mehr tausende von Promos fürs DJing die Woche anhören. Daher kann ich auch elektronische Musik im Club genießen, weil das nicht meinen kompletten Alltag jobmäßig bestimmt. Hundert digitale Promos am Tag zu hören, ist das irgendwann nur noch funktional oder kann man noch Leidenschaft und Emotion für die Musik erwecken?“

Terrier Kim räkelt sich derweil auf dem kühlen Boden des Cafés in Mitte, um der Hitze auszuweichen. Er ist mit aus Paris gekommen. Es gab wohl auch private Gründe, nach Berlin zu ziehen. Zwar lebe er noch in seiner festen Beziehung mit seinem Freund. Der ist aber in Paris geblieben und arbeitet weiterhin dort fürs Modelabel Marc Jacobs.

“Es ist für mich erst mal wichtig, hier in Berlin alleine zu wohnen, zwar lebe ich im Moment mit Troy zusammen, aber ich werde versuchen sobald wie möglich eine eigene Wohnung zu mieten.“ Die Verbindung zu den Haute-Couture-Schneidern brachte immerhin den Effekt, dass es mittlerweile auch Minus-Platten in den dortigen Boutiquen zu kaufen gibt. Aber nicht nur im Crossmarketing sieht Siminski Simularitäten zwischen Fashion und Minimal:

“Im Moment gibt es viele Modedesigner, die Musik machen, oder Produzenten, die Mode machen. Gerade bei Techno gibt es eine so hohe Fluktuation an Musik, ähnlich der Bekleidungsindustrie, da muss jede Saison was Neues herausgebracht werden. Single, Album usw. Zeitlosigkeit zu erreichen mit Techno ist keiner fixen Formel unterworfen. Das kann man nicht bestimmen. Ein Designer kann eine Saison scheitern, aber im nächsten Jahr wieder voll dabei sein. Als Produzent ist das nicht anders. Man kann einen Sommer raus sein, aber mit dem richtigen Track schon wieder voll gebucht werden. Das macht den Reiz für die Leute aus, denke ich. Man muss versuchen eine gewisse Bedeutung zu finden, sowohl in Mode als auch in Musik. Die Faktoren, die das bestimmen, sind zwar häufig sehr zufällig, aber jeder Kreative möchte etwas schaffen, das länger als eine Saison gut und angesagt ist. Bei meiner Musik ist es natürlich die Ambition, Tracks zu machen, die eventuell auch mein Leben überdauern.“

Häufig redet Siminski von Bedeutung und Gefühlen in Kunst und Musik. Ob er denn romantische Ideale bezüglich der Clubkultur hat? “Die gesamte Dance-Kultur ist für mich romantisch. Es geht doch darum einen Weg aus dem Alltag zu finden. Stetig etwas zu erreichen, sich zu amüsieren, sich dafür schick zu machen, sich verlieren, Kommunikation. Als die ersten Produzenten mit billigen Maschinen Acid House gemacht haben … das finde ich romantisch.“

Wir besuchen schließlich den Buchladen ProQM, bekannt für seine Selektion von Theorie, Architektur und Design. Schnell verortet Siminski die Magazinabteilung und packt sich ohne Zögern die aktuellen Ausgaben von Butt und Fantastic Man unter seinen Arm. “Gut zu wissen, wo ich in Zukunft meine Bücher und Magazine kaufen gehe. Danke für den Tipp“, freut er sich. Und beschließt, gleich ein Geschenk für Richie Hawtin mitzubesorgen, der bald Geburtstag hat.

Der Borderterrier verhält sich auch hier noch immer unglaublich brav und wirkt nicht aufgekratzt. Man verliert sich in den ausufernden Bücherregalen. Ob es ein Kochbuch werden soll, wo Hawtin sich doch so gerne der feinen Küche widmet, oder doch Design? Letzten Endes wird es ein großzügiger Gutschein. Der Richie wird schon wissen, was ihm am besten gefällt. Als wir uns verabschieden, ist ein schöner halber Nachmittag verbracht. Jesse zieht mit Hund wieder Richtung Prenzlauer Berg und man freue sich auf ein Wiedersehen. Dabei ist dies gar nicht amerikanisch floskelhaft gemeint, sondern ehrlich und ernst gemeint, so als hätte er noch den gesamten restlichen Tag gemeinsam verbringen wollen.

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Elektronische Lebensaspekte.