Heiko Laux zieht mit seinem Label Kanzleramt gerade wieder um, zwar nur ins Nachbarhaus, aber doch weit genug, um eine Episode abzuschließen und mit dem neuen Album "Ornaments" das Beste aus dem Erreichten zu destillieren. Techno darf ruhig nach Techno klingen.
Text: anett frank aus De:Bug 57

Psychedelische Rest-Absichten

Die Kanzleramtler, mithin auch uturn und k2O sind gerade am umziehen. Keine Angst, es geht geografisch gesehen nicht zurück in die Frankfurter Ecke, man bewegt sich nur mal eben mit versammelter Mannschaft einen Hauseingang weiter. Quasi in die neue Lokation mit dem frischeren Treppenaufgang, der nicht mehr ebenso nach Kleb- und Farbstoffgeruch wie der Hardwax-Treppenaufgang müffelt.
Auch wenn mal wieder alles zusammen kommt, sprich der Umzug und einiges an neuem Labeloutput, so findet sich doch noch die Zeit, um mit versammelter Mannschaft auf Rundreise zu gehen. Dabei wird dem willigen Auditorium der konzentriert Kanzleramtssche Dreifach-Ausstoß präsentiert. Heiko Laux: “Mit der Label-Tour begleiten wir die vielen Alben, die jetzt kommen. In erster Linie eben Alexander Kowalski mit ‘Progress’ und Johannes Heil mit ‘Heilstyle’.” Ein weiteres kommt eigens vom Labelinitiator Heiko Laux. “Ornaments” heißt es und meint, was es vorgibt zu sein. Auf eben diesem vierten Album reflektiert er seine bisher erschienenen Platten, um die verschiedenen Elementen seiner Schaffensperiode verzierend wiederzuspiegeln. Ein Element davon ist Euphorie, die gemixt mit ausgelassen treibender Leichtigkeit genau das transportiert, was dieses Album vielleicht so bemerkenswert macht.

FAKTISCHE VORAHNUNG

Dieses Album weckt aber auch Zwiespälte. Will sagen: Ein bisschen Detroit von seinem ersten Album “Liquidism” auf Kanzleramt, die auch gasig hypnotisch und tief ist, und von der 12″ “Souldancer”, die auf Richard Bartz’ Label Kurbel erschien, wobei hier der Clubzug offensichtlich hörbar ist, erscheint eingängig. Außerdem regiert die “Old School Street”, damals auf i220 releast, dieses Album partiell, wenn man die athmosphärische Milde der Effektschleifen anvisiert, was auch zu befürworten ist. Desweiteren versprüht dieses Album nicht zu wenig Jazz-Appeal und Funk, der von seinem “Sense Fiktion” Ausstoß bekannt sein dürfte. Und nicht zu vergessen sind auch die House Tunes vom Yoshitoshi Label. Was macht dann den Zwiespalt?! Die Gratwanderung wird zum Verständnissproblem. Ich glaube, es ist einfach die Portion Kitsch, die beim Produzieren situationsbezogen einfloss und diesen speziell angetranceten Flavour transportiert, der partiell funktioniert, aber auch etwas überzogen und überflüssig schmecken kann. Fakt ist: Ich habe Heiko in seinem Kreuzberger Riesenbüro besucht. Hier sind die Tatsachen über die richtige DJ-Perspektive, über Spannungsbögen mit entspannt psychedelischen Rest-Absichten und über das Solidaritätsprinzip als Standpunkt.
Die Touristen-Frage
Debug: Welchen Club bevorzugst du in Berlin zum Auflegen und warum?
Heiko Laux: Das ist nicht so ganz glücklich; im Allgemeinen würde ich sagen, für mich wär’s das WMF, aber für das WMF bin ich wahrscheinlich zu sehr Techno. Dort stimmt die Anlage, das Publikum ist angenehm und relativ nah am DJ. Und du hast eine gute Perspektive in den Raum. Das macht dann zum Auflegen richtig Spaß. In der Liga gibt es für mich keinen anderen vergleichbaren Club. Aber ich bin noch nie dazu gekommen, mich dabei so richtig auszutoben. Was Techno betrifft, fahre ich dort für meinen Geschmack mit angezogener Handbremse; ansonsten spiel ich da ganz locker.
Die indiskret-offensive Frage
Debug: Wie verhälst du dich, wenn man dich nach dem Trance in deiner Musik anspricht? Identifizierst du dich selbst damit?
Heiko Laux: Das lässt sich schwer sagen. Das, was heute Trance ist, ist an die Idee von Trance im ursprünglichen Sinne nur angelehnt. Eigentlich geht es im Grunde darum, bei der Musik wegzudriften. Sei es in Wiederholungen, in Modulationen, die langsam voran gehen und zum Teil ein bisschen schöner wurden und viel mit Flächen ausgeschmückt waren, um ein bisschen zu driften, um ein anderes Bewusstseinsmoment zu bekommen, anders als es in Alltagssituationen wahrgenommen werden kann. Und das finde ich in dem heutigen Trance nicht. Ich empfinde, das bei dem, was heute als Trance bezeichnet wird, für mich eher eine Art Befehlsform zum Glücklich-Sein mitschwingt, so nach dem Motto: Du musst jetzt gut drauf sein. Hinzu kommt, dass die meisten Releases aus dem Handwerklichen kommen. Ich freu mich immer, wenn ich an eine gute Trance-Nummer komme, die mich im Gegensatz dazu subtil in dieses positive Wegdrift-Gefühl bringt.
Debug: Bist du der Meinung, dass du selbst diesen Vibe auch verarbeitest?
Heiko Laux: Ja …, ich bin mir selber manchmal schon ein bisschen zu kitschig. Da fühl ich mich ein Stück peinlich anfassbar. Jetzt nicht, weil es zu übertranced klingt, sondern weil ich etwas zu schön ausgeschmückt habe, das seine Leichtigkeit behält.
Spaßkultur, ick hör dir trappsen – verstehen und sich orten
Debug: Das Ornaments-Album präsentiert sich als musikalisch resümierendes Spektrum und eröffnet nicht unbedingt einen richtungsweisenden Entwicklungseinschnitt. Kannst du reflektieren, was bei der Produktion dieses Albums, neben dem Arrangement vorzüglicher Elemente, an Dynamik passierte?
Heiko Laux: Es gibt für mich ein gewisses Zeitgefühl, das färbt in gewissen Stückchen auf die Tracks ab. Ich kann während des Produzierens nicht klar sagen, was da genau passiert. Die Schnittmenge transportiert jedoch immer gewisse Grundelemente, die ich immer benutze und die teils natürlich auch an persönliche Erlebnisse und Erfahrungen geknüpft sind. Das Gefühl zur Musik ändert sich gerade ein wenig. Ich verarbeite die mir lieb und teuer gewordenen Charakterelemente meiner Entwicklungszeit, was auch betont ein bisschen schlichter ausfallen kann. Ich bin in letzter Zeit regelrecht auf primitive Techno-Patterns abgefahren, die sehr einfache Elemente aufzeigen. Ich arrangier’ die dann hier im Studio so, wie ich sie im Club gerne hören würde, und lass meine Energie in einem gewissen Technoarrangement-Fluss in die Titel überfließen. Entwicklungstechnisch habe ich mich an Cheesy-Rave-Patterns orientiert und versucht, diese Neigung noch ein bisschen hübscher klingen zu lassen. Trotzdem bleibt der Versuch, es maximal druckvoll zu produzieren, ohne zu übertrieben in den Rave-Charakter reinzugehen. Wenn du auf das Authentischste am Produzieren von diesem Album anspielst, dann war das mein Spaß.
Die Frage nach der Netzkultur
Debug: Wie sind die Vernetzungen zu anderen Labels, sprich bspw. zu Kurbel oder eben auch zu i220 zu Stande gekommen?
Heiko Laux: Es ist einfach ein freundlicher Draht, den man hat. Man hat irgendwann mal rausgefunden, dass man auf der gleichen Seite steht und mit der gleichen Motivation arbeitet. Der friendly Exchange basiert auf einer gegenseitigen Unterstützung. Gelegenheiten dafür wird’s immer wieder geben. Und momentan passiert auch an fast allen Fronten wieder was. Es ist eine Art Herausforderung, etwas musikalisch Kompatibles mit dem eigenen Touch zu erzeugen. Insgesamt gesehn habe ich aber kaum Vorgaben.
Braucht man auch nicht unbedingt, wenn man wie Heiko Laux Tracks aufbauen kann, die in einer Ruhe Spannung erzeugen und trotzdem greifen.
Ein versteckter Track für Geduldige rundet diesen Longplayer ab. Etwa siebeneinhalb Minuten nach dem wundervollen und dezent auslaufenden Stück “Kick and Kiss” setzt es auf der CD noch mal den “Silent Bass” in der Extended Version von der Vorab-EP zum Wegfliegen. Die Doppel-Vinyl-Version von Ornaments hingegen hat das “Trench-Coat”-Stück exklusiv, dafür aber das “Walkout (1st Cut)”-Stück und die “Fields of Tokio” der CD nicht. Die letzte Frage könnte lauten: Entscheiden sie sich jetzt: Euphorischer Mainfloor im Club oder Chillout zu Hause? Wo auch immer, es scheint irgendwie von allem was dabei zu sein. Aussuchen muss man allerdings noch selbst.

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Elektronische Lebensaspekte.

Unter www.kanzleramt-berlin.de findet man ab sofort Heiko Laux statt Gerhard Schröder. Laux feiert mit dem neuen Album "Sense Fiction" den Einstand seines Labels Kanzleramt in Berlin - und die wiedergefundene Techno-Euphorie jenseits des 4/4 Dogmas.
Text: joachim landesvatter jock@zedat.fu-berlin.de aus De:Bug 35

/techno Auf dem Weg zum Kanzleramt Heiko Laux 10 Minuten zu Fuss sind es vom Berliner Ostbahnhof zum Kanzleramt. Vom hessischen Bad Nauheim ist Heiko Laux mit seinem Label nach Berlin-Kreuzberg in die Köpenicker Strasse umgezogen. Im vierten Stock des Hinterhauses herrscht noch etwas Umzugschaos, doch das Studio direkt neben dem Büroraum ist bereits funktionsfähig. Dort bastelt Heiko an einem Remix von Johannes Heils “Die eigene Achse”, der im Mai erscheinen soll. Die erste Kanzleramt-Veröffentlichung aus Berlin ist allerdings Heikos zweite LP “Sense Fiction”. Der Sound der LP ist weniger straight als der des Vorgängers “Liquidism”. ”Die Leute kommen und fragen: Warum ist da kein Techno-Banger drauf? Gut, es gibt kaum “4 to the floor”-Beats. Ich wollte dieses Mal mehr Tracks schreiben, die eine Songidee haben und keine übermächtige Technogrundlage. Maximale Funkyness, wie die Maschinen sie hergeben können, ohne dabei übermässige Shuffles zu benutzen. Die Trackideen sind also sehr simpel und minimal. Allerdings nicht minimal arrangiert, sondern vom Equipment und den Ideen her basic gehalten. Ich habe mir gedacht, wenn ich ein Drummer wäre, würde ich die Kickdrum ja auch nicht gerade spielen. Trotzdem werde ich auch weiterhin Techno machen und auflegen. In der Tat fällt es auf: Bei den Song-ähnlicheren Tracks wie “Moved” sind die Klänge sehr trocken und fast ohne Effekte verarbeitet. Die Bassdrum ist nicht zum Druckmachen da. Sie hat ihren Platz als perkussives Element in der Rhythmik, um die Trackidee voran zu treiben. Dieses klangliche Zurücknehmen der Kickdrum in Kombination mit Delay versetzten Hihat-Pattern und verschmolzen mit warmen Basslines lässt die Tracks verspielt und angenehm zappelig klingen, ohne untight zu werden. Electro ohne einen 80er Synthie-Pop-Einschlag. ”Sense Fiction” als Motto der LP bedeutet für Heiko: “Du gehst in einen Raum oder einen Club und findest dort eine bestimmte Stimmung vor, die man spüren kann. Oder du bist in einem Raum und es kommt jemand dazu und du kannst spüren, wie sich die Stimmung ändert in dem Moment. Solche Stimmungen und Stimmungsänderungen sind für jeden wahrnehmbar. Sie sind aber eigentlich nie wirklich definiert. Diese Intuition behandelt das Thema “Sense Fiction”. Deswegen auch die Gänsehaut auf dem Cover.” Auch beim Produzieren des LP-Materials war die direkte Interaktion mit den Klangquellen wichtig. “Equipment soll nicht zu kompliziert sein. Alles was an Soundparametern da ist, sollte direkt zum Anfassen da sein. So hat man die Möglichkeit, während der Aufnahme Neues hinzuzufügen, so dass der Moment der Entstehung aufgenommen wird, und das ist der entscheidende Punkt. Wie sich die einzelnen Sounds zueinander verhalten, werde ich erst im Mix erfahren.” Beim Produzieren bedeutet das, im richtigen Moment die Dat-Aufnahme zu starten. Der maximalen Editier-Kontrolle in Form von Harddiskrecording ist Heiko noch nicht verfallen, da die verschachtelte Menüführung der meisten Sound-Programme nicht für seine bisherige Arbeitsweise geeignet ist. Neben “Sense Fiction”-Remixen wird es bald auf Kanzleramt eine Doppel 12″ von “Double X” geben, “das ist Alexander Kowalski zusammen mit Leuten, die auf dem Tresor -Label als Sender Berlin veröffentlichen. Ich fand die Tracks bestechend, weil sie ziemlich viele Einflüsse aus den letzten Jahren Techno konzentrieren. Christian Borée wird danach Kanzleramt 42 werden. Die Platte ist schon sehr trancig und an die alten Geschichten aus Frankfurt angelehnt, d.h. mit Strings und orchestralen Parts arrangiert. Das ist schon fast wieder original Frankfurt-Style, bevor es total abgedroschen war. Dann freue ich mich sehr auf das Dj Slip Album.” Labelarbeit, Auflegen, Remixen und Produzieren, bei Heikos spürbarer Techno-Euphorie wird von Kanzleramt in Zukunft noch viel “banging stuff” zu hören sein.

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