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Text: thaddeus herrmann aus De:Bug 32

/elektronika Keine digitalen Auspuffzweikämpfe Heimelektro Ulm Würde man Atom Heart nach dem besten Konzert fragen, dass er je gegeben hat, könnte er durchaus Ulm antworten. Überhaupt zeige man mir mal die 100.000 Einwohnerstadt in Deutschland mit einer (!) Strassenbahnlinie, in der sich innerhalb von zwei Jahren im Jazzkeller des Sauschdalls Leute wie Kreidler, Autechre, Pole, DMX Crew, Bochum Welt und Funkstörung die Klinke in die Hand gaben und eben Atom Heart einfach nicht genug Disketten dabei hatte, um das Publikum zufriedenzustellen. Zu verdanken war das einer Gruppe von Menschen um Bernd Karner und einer offenherzigen Kulturförderung der Stadtverwaltung. Verbunden mit einer regelmässigen Sendung beim freien Ulmer Radio entwickelte sich um die Partyserie “Bewegungsgruppe” herum alsbald ein lokales Netzwerk von Leuten, die entweder selber Musik machten, einfach nur ohne grosses Trara an der Bar aushalfen, wenn Autechre spielten, oder beides gerne taten, nur um in Ulm mal was zum laufen zu bekommen, was nicht mit Albert Einstein, dem vielleicht berühmtesten Sohn Ulms, zu tun hatte. Klar, dass alle irgendwann in einem riesigen Berg von Tapes sassen, die irgendwie unter die Leute mussten, am besten nicht gerade in Cassettenform. Also deichselte Bernd Karner das, gründete das Label ÔHeimelektro UlmÕ und nach zwei CD-R Releases (Tonquellen Demos 1+2) mit Leuten wie Scarcubem und Lupo Borax, konnte man im Januar Ô99 dann das erste Heimelektro Vinyl beklatschen. Von Ulm nach München Auch wenn das noch gar nicht lange her ist, war das letzte Jahr mehr als ereignisreich. Das Hauptquartier wurde von Ulm nach München verlagert, ein grosser Vertrieb nahm das Label unter seine Fittiche und mit Album-Releases von Scarcubem, die mit ihrem Elektronikpop mehr als locker durch die Gegend schwingen, Roger van Lunteren, einem, ich hoffe, er nimmt mir das nicht übel, Hardcorejazzer und dem ersten Teil einer mehr als interessant daherkommenden Compilationserie, die Plattenläden um symphatische Tonträger bereichert. Leicht hat man es dabei nicht gerade, weiss Bernd zu berichten, der in seinen DJ-Sets auch gerne mal Klassik auflegt, denn: ein Label, das von sich behauptet, weder Pop, noch Avantgarde, noch Elektronik und schon gar nicht Elektronika zu sein, sondern einfach Musik veröffentlicht, die gefällt, landet früher oder später zwischen den Stühlen. Mag sein, dass das so ist, ungerecht ist es allemal und bei mir liegen die Platten alle feinsäuberlich auf dem Stuhl, noch öfter allerdings auf dem Plattenteller, denn ich mag Heimelektro Ulm. Erstens kann ein Label, in dessen Logo ein Sofa und eine Stehlampe auftauchen, prinzipiell nichts schlechtes im Schilde führen und zweitens, und hier wird es eigentlich erst wichtig, stellt Heimelektro Ulm wieder ein bisschen das Gleichgewicht in der Landschaft der elektronischen Plattenfirmen her: keine digitalen Auspuffzweikämpfe an virtuellen Ampeln (mein DSP ist fetter als deiner und von Motorola noch dazu), sondern einfach Musik, die so klingt wie sie klingt, schlicht und einfach, weil die Musiker sich in diesem Moment so gefühlt haben. Punkt, aus, Ende. ÔElfÕ und ÔAttention DisorderÕ zum Beispiel sind zwei solche Projekte, die zeigen, dass man mit langestreckten Ambientstücken immer noch was reissen kann, dass die 909 noch nicht ausgedient hat und gute Stücke es verdienen, sich 20 Minuten und länger mit ihnen auseinanderzusetzen. Wird Zeit, dass einem das wieder bewusst wird.

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Elektronische Lebensaspekte.