Berliner Clubgeschichte haben die Produzenten schon mit der Muttermilch in sich aufgesogen, jetzt ist das Debütalbum fertig.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 132


Berliner Clubgeschichte haben die Produzenten Lars Heinrichs & Sascha Hirtenfellner schon mit der Muttermilch in sich aufgesogen, jetzt ist das Debütalbum fertig. Der Rückstoß in ein minimales Weltall.

Lars Heinrichs & Sascha Hirtenfellner sind Berliner und das merkt man. Heinrichs aus- und wieder zurückgewandert, Hirtenfellner forever in Treptow, ihr Studio an der Spree, und sie waren von Anfang an dabei. Tresor, Bunker, Exit, eigentlich überall. Seit 2003 arbeiten sie zusammen, 2005 kam ihre erste Platte, ein Jahr später war ihr Label Supdub am Start und sofort war klar: Hier ist etwas Neues am Start.

Die Bässe waren tiefer, die Grooves hatten so eine direkte Tiefe, die Ideen waren auf ihre völlig eigene Weise schräg, der Claim “beat simply from the street” mehr als verständlich. Und klar, wir befinden uns mitten in Minimal, aber auch die beiden wissen nicht mehr, was das bedeuten soll. Die Grenzen sind schwammig, vermutlich sogar endlos.

Und wir haben oft genug gehört, dass Minimal-Tracks gesichtslos sind, immer gleich, immer zu gleich, aber es gibt einfach Platten und auch Acts wie Heinrichs & Hirtenfellner, da spürt man sofort den Charakter, da merkt man in jedem kleinen Break die Handschrift.

Und die entsteht nicht zuletzt deswegen, weil die beiden das schon seit Jahren leben. Das ist kein Stil. Das ist die eigene Welt. Die Bässe, die kurzen Vocals, die Direktheit, die auch mal in Albernheiten umschlagen kann, das alles sind nur Elemente. Was alles zusammenhält, ist das Ungewollte, die Art, wie sie sich in den Tracks bewegen, die Übersicht in der Endlosigkeit.

“Uns ist es immer wichtig, uns selber nicht zu verlieren. Heinrichs & Hirtenfellner soll man immer noch raushören, es sollte tanzbar sein, aber trotz allem sollte man die Sache noch ernst nehmen. Bei bestimmten Sachen weiß man einfach, die funktionieren auf dem Dancefloor. Aber der Punkt ist, sich so auszuleben, wie man fühlt und denkt und den Leuten das ohne Aggressivität so zu vermitteln, dass es einfach Spaß macht, das sie das spüren und fühlen.”

Und dieser Spaß treibt sie zu Sachen, die manchmal wie Blaupausen wirken können. Ihr “Tromp It”-Track z.B. Gemacht lange vor der Welle der endlosen Bläsersätze im Minimal. Und dem Track hört man an, wie frisch die Idee damals noch war. “Es gibt immer bestimmte Thematiken, die überall zu hören sind.

House mit Saxophon gab es schon vor Ewigkeiten. Das ist alles nicht neu, das gab es alles schon. Aber darin liegt auch die Herausforderung. Es geht um den Drive, wie das alles zusammen funktioniert.” Oder auch “Earworm”, in dem man schon die Vorahnung der orientalischen Einflüsse hören konnte, die jetzt überall zu hören sind und einem das Leben manchmal schwer machen.

hh2

Album im All

Für ihr Album haben sie sich ein großes Thema vorgenommen. “Dark Orbit”. Das All. Das Universum. Völlig ohne Glitter und frühes Synthesizer-Phantasma. Abstrakt, aber nicht streng. Und irgendwie passt das. Man wundert sich, warum es nicht ständig jemand macht.

Das Universum war oft genug Thema. Meist über Bilder. Bei “Dark Orbit” aber sind es die Ideen. Weniger vielleicht die Frage, ob das Higgs-Boson wirklich erst mit der Yukawa-Wechselwirkung Masse herstellt, sondern der Punkt, an dem man von den Unbegreiflichkeiten aufgesogen wird, sich ihnen stellt, versteht, wie wenig man eigentlich weiß, und in dieser Offenheit nach einer neuen Abstraktion sucht.

Das Album ist durchgehend ernster im Ton als die meisten ihrer bisherigen EPs. Die Vocals noch kürzer, die Flächen und Hintergründe noch weiter im Hintergrund der Grooves, und die dadurch nochmal intensivierte Dynamik der Tracks dankt es ihnen. Aber nirgendwo ist diese Darkness von Drogennachwirkungen, die man so oft in Minimal spüren kann. Jedes Element ist klar und sie ziehen einem nie den Boden unter den Füßen weg, sondern begrüßen einen an den Orbitalstationen immer mit schnippischem Witz.

Die Frage nach dem Universum ist auch die nach dem eigenen Universum. Nach dieser Riesenwelle von Musik, in der man sich bewegt und in der man sich zurechtfinden und identifizierbar bleiben muss. Seinen Charakter bewahren. “Es geht auch viel unter, alles ist nicht mehr so präsent. Wenn alles gut ist, was sticht denn da raus?

Kann es dann überhaupt noch um Qualität gehen oder ist nicht alles Kreativität? Wir haben mit Supdub glücklicherweise immer zugelegt, auch wenn wir die digitale Sache lange blockiert haben. Überall diese digitalen Exklusivtracks. Wir finden diese Idee auf Vinyl viel besser. So sind wir aufgewachsen und jetzt wollen wir dem Medium etwas zurückgeben.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.