Text: christoph jacke aus De:Bug 26

“Wenn ich nicht sehe, dass ich blind bin, dann bin ich blind; wenn ich aber sehe, dass ich blind bin, dann sehe ich.” Paradigmenwechsel allerorts. Auch im Spannungsfeld zwischen (Musik)Journalismus und universitärer Wissenschaft gibt es mittlerweile professionalisierte Beobachter. Sie sind mit jeweils einem Interessenbein in einem der Systeme verhaftet und reduzieren somit die Gefahr einer einzelnen Perspektive. Ausserdem bieten sie durchaus verwissenschaftlichte Inhalte vielleicht auch einmal attraktiver. Einer, der sich nie auf einem Bein ausruhen wollte und ein ‘God of unterhaltsame Anregung zum Nachdenken über das Nachdenken’ ist, ist der österreichische Kybernetiker Heinz von Foerster. Allerdings ist er langezeit im deutschsprachigen Raum, sei es durch das sein nicht vorhandenes Opus Magnum, sei es durch ein ganz eigenes Vokabular voller scheinbarer Paradoxien und Tautologien, ungenügend beachtet worden. ”Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden.” Die jüngst erschienenen, hübsch verpackten und mit einem ausführlichen Booklet versehenen zwei Audio-CDs “2×2=grün” [supposé/A-Musik (Plattenhandel)/Vice Versa (Buchhandel)] geben einen Ausschnitt und gleichzeitig Überblick über das Schaffen. Man findet dort Reden bzw. vertonte Schreiben des neunzigjährigen Wissenschaftstheoretikers von Foerster, dessen hochbrisante Beobachtungen – u.a. zur viel diskutierten Erkenntnistheorie des radikalen Konstruktivismus – durch seine leidenschaftlichen, charismatischen und wortgewandten Vorträge und Interviews auffallen. Nicht zuletzt hat er auch die Luhmannsche Systemtheorie nachhaltig beeinflusst. Der 1911 in Wien geborene Heinz von Foerster siedelte nach seinem Studium der Physik 1949 über in die USA, wo er in den späten 50er Jahren an der Universität Illinois das Biological Computer Laboratory (BLC) gründete, das mit seinen kognitionswissenschaftlichen Innovationen ein interdisziplinärer Melting Pot für Physiker, Mathematiker, Biologen, Mediziner, Techniker, Philosophen, Künstler und Musiker wurde und in Verbindung mit Namen wie etwa W. Ross Ashby, Gotthard Günther oder Humberto R. Maturana steht. Nach etwa 30 Dienstjahren an der Universität und ungefähr 100 Veröffentlichungen emeritierte von Foerster 1976 und lebt seitdem in dem kleinen Dorf Pescadero an der kalifornischen Küste. Bis vor einigen Jahren konnte man auch auf dem europäischen Festland in den Genuss kommen, von Foerster auf Kongressen sprechen zu hören. In den letzten Jahren ist es allerdings ruhig geworden um den Neffen Ludwig Wittgensteins. Der Supposé-Verlag hat nun in Koordination mit Heinz von Foerster die vorreitende Aufgabe übernommen, Originalaufzeichnungen aus den Jahren 1989 bis 1997 plus ein exklusiv mitgeschnittenes Vorwort (1998) einer breiteren Masse zugänglich zu machen. In unterhaltsamen und zugleich lehrenden Ñ auch im Sinne von der Lehre vom Misstrauen gegenüber der Lehre, reflektierte Erkenntnis sozusagen Ñ Ausführungen zur Hirnforschung, Ethik, zum Gedächtnis, Wissen und zum Blinden Fleck (ergänzend ein Sehtest im Booklet) bringt von Foerster auf “2×2=grün” dem gebannten Zuhörer seine Erklärungen der Wirklichkeit und der Unmöglichkeit vom Individuum losgelöster, vermeintlich objektiver Realität aus seiner Perspektive näher. Dass ‘die Welt da draussen’ eigentlich erst mit dem Beobachter beginnt, heisst im Sinne von Foerster aber keinesfalls, dass etwa die Lebenswirklichkeiten nun verschwinden, wie in postmodernen Diskursen gerne bemüht, sondern dass die beobachtenden Individuen einfach immer mehr und besser wissen, etwa wie sie (u.a. durch Medien) getäuscht werden können. Dabei bleibt von Foerster down to earth und verdeutlicht seine analytischen Ideen an persönlichen Anekdoten und zahlreichen Beispielen, die ihm, so scheint es, spontan während seiner freien Ausführungen einfallen und einem eventuell ermüdenden Ablesemarathon entgegenwirken. ”Ich weiss, dass ich nichts weiss; aber viele wissen auch das nicht.” Einziges Manko des mittlerweile etablierten und popularisierten Ansatzes des radikalen und operativen Konstruktivismus bleibt die Theorie-Gläubigkeit einzelner Nachfolger und Anhänger von Foerster (nenn’ sie ruhig Fans), die seine Originalansätze auf unterschiedlichen Gebieten durchdeklinieren und nicht erneut reflektieren. Hier scheint den Konstruktivismus das gleiche Heiligsprechungsschicksal wie, bis vor kurzem, den Dekonstruktionismus zu ereilen, und Hollywood ist auch bereits ganz nah, siehe “Matrix” und die “Truman Show”. Quer dazu stehen sicherlich die von Siegfried J. Schmidt herausgegebenen Diskurse des Radikalen Kosntruktivismus. Die originale Tondokumentation der von Foersterschen jedoch sollte man nicht verpassen. Doch letztlich gilt mit von Foerster: “Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmt die Bedeutung einer Aussage.” Adieu Kausalität!

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Elektronische Lebensaspekte.