Text: Sascha Kösch aus De:Bug 16

Synthesizer des Denkens DJ Hell Sascha Kösch bleed@de-bug.de Kurshoch Es hätte so schön werden können. Herbst 1997, Hell produziert mit Cogigolo Naughty auf zum Teil Lo-Fi Equipment sein Popalbum “Munich Machine”. Der Ruf seines eigenen Labels, Gigolo, steigt ins Unermessliche. Die Verhandlungen mit V2 bezüglich einer Kooperation mit Disko B für die neue LP beginnen. Frühjahr 1998, er macht ein Videobudget klar, für das beste Video elektronischer Musik seit Aphex Twin und Missi Elliot, seine “Warm Leatherette” und “Suicide Commando” Remakes purzeln, passender geht es kaum, mitten ins 80er und ins Electrorevival, er tourt zur WM, und das Video kommentiert gnadenlos gut das Wahlkampfjahr. Nahezu alle Magazine, die sich DJ-, Techno-, Elektronikirgendwas-Kultur aus welchen Gründen auch immer auf die Fahnen geschrieben haben, machen eine Coverstory. Ian Pooley hatte sogar dem in Szenekreisen handelsüblich schlecht beleumundeten “Majorlabel” kurz zuvor mit seinem Album noch Credits verschafft, mehr Punkte hätte man 1998 einfach gar nicht sammeln können. Im Anzug geht die Welt zugrunde – und dann: der Crash. Fast alle Kritiken von “Munich Machine” mäkeln. Sie suchen richtiggehend nach Kritik. Von der Siegessäule bis zu Frankenstein wird kein Kritikpunkt, der jemals an Techno von der schnarchigen 80er Jahre Musikkritikerschule ausprobiert wurde, ausgelassen. Authentizität muß her, und, da waren sich alle einig, authentisch ist “Munich Machine” nicht. Wenn Musik Retro wird, dann muß die Kritik natürlich noch mehr Retro werden. Authentizität eben. Synchronizität. Repräsenten, bis aus der Umfrage endlich das Endergebnis wird. Exkurs Während die Trennung von Mainstream und Underground bei einer Kritik an Techno 1) immer soziologisch als inexistent (“da gibt’s doch kein oben und kein unten bei dieser Musik, die lassen ja alles mit sich machen”, (so geschah es dann meist auch, normalerweise vom sich gerade in seinem Bewußtsein immens wohlfühlenden auch noch (Frechheit) heimlich hedonistischen Kritiker)), 2) ästhetisch als Argument gegen diese schlimme unpolitische Bewegung formuliert wurde (“das klingt ja alles gleich, das kann ja nichts bedeuten”) und 3) marktwirtschaftlich als geradezu frevlerisch produktiv von allen Seiten bemängelt wurde (“die tun was, aber so “wir packen es an”-mäßig, und dann auch noch so viel, daß ja die Atomisierung der Märkte droht”), andererseits aus der meist unbeholfen zusammengeschusterten Mythologie von Techno beiderseits immer 1) eher “One Nation” gegrabbt wurde, die es nie anders gab, denn seit ich mich erinnern kann war Krieg, als mythologisch, als 2) daß das Problem mit dem Namen bedacht wurde, das, immer noch nicht ausgedacht, noch diverse Sciencefictionautoren beschäftigen wird, wenn die Bassdrum als solche kaum noch zu identifizieren ist, war es nicht verwunderlich, daß simultan, während wir “drinnen” alle jede Menge Spaß damit hatten, Leute vor imaginäre Türen zu setzen, die “draussen” eigentlich genau das taten, was sie immer schon taten, dabei sicherlich auch irgendwie Spaß hatten, vor allem mit sich selber und ihren Karrieren in diversen Buchverlagen, Institutionen oder Popdiskursmagazinen eigentlich nichts im Weg stand, alles funky sein konnte, so funky sogar, daß man es jetzt schon revivalt. Wo jetzt? Daß nie genau zu definieren war, wo eigentlich jetzt drinnen oder draussen war, störte dabei zunehmend die, die die Tür zum coolen Club mal wieder nicht finden konnten, vermutlich weil es ihn nicht mehr gab, oder er einfach nie cool war, oder die dort nicht ernst wenn überhaupt wahr-genommen wurden, wo sie eigentlich am liebsten hingekommen wären (der nicht existente aber sicherlich total uncoole Techno-Laden per se). Warum dieser lange, sicherlich viel zu unklare, Metasatz also, und was hat er mit Hell zu tun und der Tatsache, daß da ein paar Leute seine Platte nicht so gut finden dürfen, können oder einfach wollen, die Schlawiener? Ganz einfach, Hell fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Warum klären wir im nächsten Abschnitt. Die Moderne Erst mal aber, was genau kommt da eigentlich alles zusammen in unserem kleinen Electrospecial mit DJ Hell und der Moderne, und was hat die Moderne eigentlich damit zu tun, wo doch die Postmoderne schon vorbei ist? Jahrzehnte harten Kampfes um die Vorherrschaft in den Clubs treffen bei dem akuten Problem von Electro, das nicht unbedingt eins sein will, sowohl mit einer immer noch nicht klar definierten Euphorie für Vocoder, für 80er Kitsch und Neo70er Mode, für Bubblepop, Discogeschichten (die immer anders sind, und bei Hell sicher mit New Wave genausoviel zu tun hat wie mit Donna Summer und Science Fiction) aus Deutschland, deutschen Geschichten aus Detroit, Mensch-Maschinen, zu großen Kopfhörern, Afros, Breakdance, Kuttenträgern, Immigranten, Abschiebungsproblematiken, innere und äußere, motorischen und stilistischen Sicher- und Unsicherheiten, der letzten Wahl, der jetzt gerade in Bayern, Simulation, Recyclen, Revivals, Neon, hologrammatischen Idorus, holozentristische Gurus, deutschem HipHop und dem ersten Programm, das plötzlich sprechen kann, verstehen kann und irgendwann, so die Hoffnung, denken kann, zusammen, und das daraus etwas anderes als Chaos entsteht ist zunächst mal ein Wunder. Die Geschichte und die Positionen sind stellenweise so verworren, daß es ein Leichtes wäre zu beweisen, daß Goa einen entscheidenden Einfluß auf Kraftwerk gehabt hat, aber das wollen wir uns allen ersparen. Kratzen am Kopf Tun wir mal so, als wäre DJ Hell eine Art Figurehead der Technoszene, sicherlich mit seinem Label Gigolo einer der wichtigsten der deutschen Elektroszene, wenn es sie denn gibt. Er steht da oben auf der Loveparade mit den paar Namen, die sogar meine Mutter von Techno kennt, hat einen Fuß mittendrin, den er auch nutzen will, durch etwas, das wir mal Pädagogik der Moderne nennen wollen. Der ein Jahr später amtierende Loveparadesprecher fragt ihn noch 1996, ob er denn mit der Musik, die da so läuft, überhaupt etwas anfangen könne, und ob damals jemand wußte, was Tuxedoomoon ist, er selber fragt sich, ob es heute jemand weiß, ob die Frage nach der Gültigkeit der Referenzen irgendetwas mit dem Wissen um die Herkunft zu tun haben sollte, ob die eigene Geschichte von irgendeinem Wert sein kann, und wenn, ob nur unter all den anderen Geschichten, so als Gegenpol, als anders, anders als anders, oder einfach nur so, und es wurden einfach immer mehr Fragen. Er spielt in kleinen Clubs und auf großen Raves, hält den Bruch zwischen Eurodance und subkulturellem Gefussel und allem was dazwischen an Klein-, Mittel- und Großunternehmen geschieht, zurecht so aus, als gäbe es ihn gar nicht, denn man will ja 1998, und gerade 1998, niemandem die eigene oder andere Ideologien aufzwingen, auch wenn einige dringend eine nötig hätten, egal welche. Kurzum, er sollte sich eigentlich wohlfühlen dürfen, nach 10 Jahren in diesem oder ähnlichem Business. Video kills … Hell versteht, und das hat er seinen Kritikern um Längen voraus, die Möglichkeit, daß verschiedene Dinge richtig sein können, auch zur gleichen Zeit. (So sagt er zum Beispiel, was sein brandaktuelles 80er Video mit dem total toten Barschel in der gefüllten Badewanne betrifft, gerade jetzt im Wahlkampf auf der Ebene einer Entscheidung, wie es ihm besser im Anzug auch nicht stehen könnte: “Kein Kommentar”. Dann aber auch, auf der Ebene der generellen Hipstereinstellung, an der auch eine jetzt als generelle Neopolitisierung heimlich schon gefeierte unpolitische Jugend über 10 Jahre hinweg nichts geändert hat: “Die sind alle korrupt”.) Er versteht Munich Machine als Pop. Und bei Pop darf auch gelacht werden. (Im Gegensatz zu Minimalismus, wo ja Strenge unmißverständlich dazugehört, also vielleicht mal ein Grinsen oder so durchgeht, lieber aber als Kommunikation, oder bei Mainstream, wo gelacht werden muß). Bei Pop sollte alles etwas leichter sein, Songstrukturen dürfen und sollen vielleicht sogar ansatzweise dabei sein, und natürlich auch Stimme, je unnatürlicher desto besser. Spätestens jetzt sollte er sich sogar guten Gewissens und mit einem nicht zu überhörenden Gelächter gut fühlen. Schuhputzer Aber Hell versteht Munich Machine als modernen Pop. Sicherlich ist die Moderne, oder das Moderne, auf der Ebene der Theorie zumindest ideell ein stinkender Schuh, auf der der Politik, die momentan alle 30 Fernsehsekunden beschworene Mitte, die einem Angst machen kann, oder vielleicht sogar will, vor der Zukunft, zumindest in apokalyptischer Sicht, wenn sie dann wenigstens eintreffen würde, aber in Pop, wo Träume immer mal wieder Umwege gehen, die selbst ausgebildete Marktforscher nicht unbedingt so erwarten, und von Point-To-Point Marketing zumindest die nächsten Jahre noch nichts zu sehen ist, ausser ein paar Ahnungen, kann die Moderne plötzlich als Easylisteningtraum einer ranzig sich räkelnden Bassline wieder ganz interessant werden. Wäre sie eine Aktie, die Moderne, wir würden sie allerdings jetzt nicht kaufen, denn ihr Kurs sinkt, vorerst, zumindest als Versprechen. Hieße die Moderne, daß wir alle vom Kindergarten an Laptops haben, dann her damit. Nur, der sich als Underground verstehende Popfeind, der oft auch bei Musikzeitungen arbeitet, hat ja ein offensichtlich gebrochenes Verhältnis zu Pop, während er andererseits ein unmißverständlich und vor allem total unerklärlich positivistisches Verhältnis zur Moderne hat, die quasi, bei aller Mäkelei, seinen Erfahrungshorizont stellt. Einerseits gesteht er sich in einer öffentlichen Heimlichkeit ein, daß auch er seine Vorlieben hat, die andere auch haben dürfen, auch wenn seine persönlich sicherlich gereifter ist als die anderer, und unpeinlicher in ihrer Peinlichkeit, andererseits wird jeder Griff zu genau diesen Sternen, aus eigenen Reihen plötzlich als gewollte Vergewaltigung einer heilen Welt verstanden, die man für unberührbar hält, weil so weit weg. Das Dilemma ist klar. Hell darf für die einen nicht Pop machen, weil er ihr gutes Gewissen auf der Siegessäule ist, für die anderen nicht, weil er zu gut sein muß, zu Pop quasi ohne Pop zu sein, und für die dritten darf er keinen Pop machen, weil man sich unwohl dabei fühlt etwas heimlich gut zu finden, was man eigentlich ganz offen super findet. Kurzum, was Leute schon wieder schlecht finden dürfen, hat eine große Zukunft, denn sie werden es genau wegen dieser Energie, die sie selber aufbringen es schlecht zu finden, eines Tages beneiden. Hell dürfte sich jetzt mit einem fast politischen Reiben an der eigenen Nase und einem lässig über die Stuhllehne geschwungenen Ellenbogen im Streifenanzug zurücklehnen und sich so gut fühlen wie nie zuvor. Die Maschine läuft. Mehr Cover war nie. Und, wen man Zuhause nicht liebt, aber trotzdem wählt, der ist nicht nur erfolgreich, sondern auch noch ein Schlager der Exportkultur. ———————————— Zitat: Bei Pop darf auch gelacht werden. Was Leute schon wieder schlecht finden dürfen, hat eine große Zukunft.

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Elektronische Lebensaspekte.