Ausstellung "Alles gleich schwer"
Text: Jan Joswig aus De:Bug 126


2004 zog sich Helmut Lang aus der Modewelt zurück. Jetzt taucht er mit seiner ersten institutionellen Austellung als Künstler wieder auf. Wir haben “Helmut Lang – Alles Gleich Schwer” in der Kestner Gesellschaft Hannover besucht.

Das Erbe von Giorgio Armani hat niemand mit so ikonischem Gewicht in die 90er übertragen wie Martin Margiela und Helmut Lang. Beide sind weitaus experimentierfreudiger als Armani, aber der modische Mann war in den 90ern auch schon einen ganzen Schritt emanzipierter. So übernahmen die beiden die Funktion, die Armani in den 80ern bediente: Sie tarierten einen detaillierten Stil aus, der Modebewusstsein signalisiert, der einen aber auch beim Business-Gespräch nicht zum Paradiesvogel macht. Konservative Flamboyanz. Mittlerweile, in den 2000ern, bedient das jede zweite skandinavische Marke …

2004 verkauft Lang seine letzten Anteile an Prada, nachdem er lange mit der Firma im Clinch lag, die hauptsächlich seine populären Jeans vergolden wollte und den Rest eher zähneknirschend mitlaufen ließ. Von der Summe (gemunkelt werden 100 Millionen Dollar) leistet er sich ein Blockhaus mit Meergrundstück auf Long Island, kümmert sich um Hühner und so’n Zeugs und lässt die Haare wachsen. Lieblingsbeschäftigung: barfuß gehen.

Aber anders als Jil Sander, die nur noch Blumen zupft, nachdem sie zum zweiten Mal ihre Marke abgegeben hat, kann Lang nicht die Hände von der Kreativität lassen. Ständig legen die Hühner ein Ei nach dem anderen. Und er?

Lang räumt auf – und macht sich gleichzeitig Gedanken über das Aufräumen selbst. Mit den beiden Projekten ”Long Island Diaries“ und ”Selective Memory Series“ setzt er sich an die künstlerische Verfremdung seines Archivs. Das wirkt so, als ob man durch eine leicht zerkratze Scheibe auf Langs Privatleben blickt. Und es macht Spaß, weil Lang offensichtlich Spaß daran hat. Endlich kann er sich mal etwas gehen lassen. Für das Butt Magazin stellt er seinen nackten Fuß auf Pornohefte und deklariert die Fotos als Selbstporträts. In einem Supplement für das Purple Magazin überblendet er Briefe von Freunden zu einem Layering der Erinnerung, halb lesbar, halb abstrakt grafisch.

Zusammen mit Absolut Vodka und der Kestner Gesellschaft Hannover hat er jetzt seine erste institutionelle Ausstellung konzipiert. Die Skulpturen und Wandarbeiten deuten wie die Diaries und die S/M Series auf seine Vergangenheit zurück, müssen aber weitaus mehr beweisen, dass sie auch ohne die Person Helmut Lang Gültigkeit haben. Der älteren Arbeit ”Scéance de Travail“ von 1998, einer glänzenden Spiegelprojektion alter Catwalk-Shows, stellt er den geschlossenen Block an neuen Arbeiten gegenüber.

Der Maibaum, die Stoßdämpfer oder die Kleiderstange werden von einer sehr archaischen, vorzivilisatorischen Materialität zusammengehalten: Holz, Teer, rostiges Metall. Diese Arte-Povera-Ästhetik geht weit zurück vor den neo-klassischen Mann, den Lang mit seiner Mode inszenierte. Er dockt an die Epoche schwieliger Pioniere an und entkommt in eine mythische Welt vor dem Beginn der Zeitrechnung – und lange vor dem Beginn der saisonalen Modewelt.

Dass dieser Schritt nicht unproblematisch ist, erläutert Frank-Thorsten Moll, einer der beiden Kuratoren von ”Alles gleich schwer“, im Interview.

De:Bug: Die Ausstellung passt weder zu Langs “Long Island Diaries“ noch zu der “Selective Memory Series“, seinen beiden künstlerischen Projekten.

Thorsten Moll: Die größte Schnittmenge bilden die Filme “Scéance de travail“. Das ist für mich ein perfekter Auftakt für die Ausstellung, weil es gleichzeitig zeigt und verbirgt. Es macht sichtbar, was er früher gemacht hat, nimmt es aber gleichzeitig zurück und überträgt es in ein neues Medium. Im Gegensatz zu seiner Mode in ihrem förmlichen Minimalismus hatte seine Kunst, die Diaries und die S/M Series, etwas sehr Privates. Für Butt hat er Pornobilder mit seinen Füßen fotografiert. Da tauchte ein ganz anderer Helmut Lang auf. Das ist bei ”Alles gleich schwer“ wieder zurückgenommen.

Nachdem er sein Label verkauft hatte und nicht mehr in der Fashion-Industrie-Mühle steckte, hat er erst mal gemacht, worauf er Bock hatte. Das war ein emanzipatorischer Akt. Dabei ist er eventuell ein bisschen weit über den Zaun gesprungen. In dieser Ausstellung sieht man es nur noch den Adlern an, deren Köpfe so radikal abgeschnitten sind. Es zeigt einen Bruch, verweist aber gleichzeitig in die Zukunft.

De:Bug: Die Ausrichtung auf die Materialität ist eindeutig. Aber die Ausstellung fällt unter dem Gesichtspunkt in zwei Teile. Der Spiegel-Glamour-Raum hat mit den anderen Räumen, die auf Archaisches, aus Zeiten vor den Pionieren zurückgreifen, nichts gemein.

Thorsten Moll: Das Gate, die Kleiderstange, kann man anführen. In einem früheren Stadium hing noch ein Spiegel an dem Gate. Aus der Discokugel, dem Film und dem Tor wird eine Trias von Arbeiten. Auch nicht alle Arbeiten haben Teer. Die Adler, die Beete und ein oder zwei von den Bumpers, den Stoßdämpfern. Das sind aber nur Akzente, die sich wiederholen.

De:Bug: Das hat was sehr Maskulines, was sehr Wuchtiges.

Thorsten Moll: Eine sehr fragile Wuchtigkeit. Wenn wir an den Maibaum denken, musste ich ein bisschen schmunzeln, als Langs Assistent über das Phallus-Symbol sprach. Ich musste auch an eine halbe Erektion denken. Das wäre aber eine komische Erektion, ein komischer Phallus. Das Tor ist auch groß, aber nicht wirklich wuchtig.

De:Bug: Du siehst da aber nicht eine Auseinandersetzung mit Männlichkeitsrollen?

Thorsten Moll: Ich glaube, das war Lang immer ein bisschen egal. Er hat es immer vermischt. Bei den Shows lief der Mann nach der Frau, dann kamen wieder drei Männer, dann wieder eine Frau. Er hat es immer zusammen behandelt.

De:Bug: Hedi Slimane ist ja auch nach seiner Arbeit als Designer für Dior ins Kunstfach gewechselt. Wie Lang hat er mit Spiegeln und Discokugeln gearbeitet. Ernst genommen wurde er wenig …

Thorsten Moll: Als Kurator der Lang-Ausstellung merke ich am eigenen Leib, was für Vorwürfe und starre Vorbehalte es gegenüber Leuten gibt, die nicht Kunst studiert haben, die mit ihrer Arbeit sehr viel Geld verdient haben, die sagen, ich mache das jetzt einfach, klar, die Arte Povera gab es schon, aber warum soll ich es nicht noch mal versuchen? Ich dachte, die Kunst wäre eigentlich weiter. Für mich soll sie ein Feld sein, das ein gewisses Freiheitspotential birgt für Leute, die ästhetisch handeln wollen. Bei Helmut Lang finde ich sehr positiv, dass er sich über Bedenkenträger einfach hinwegsetzt und sagt, ja gut, ich habe es nicht gelernt, aber ich habe meine Erfahrungen. Ich kenne Jenny Holzer, ich kenne Louise Bourgeois. Ich habe immer mit Kunst gelebt und habe immer künstlerische Strategien angewandt.

Die Frage ist für mich nicht, ob er Künstler ist oder nicht. Die Frage ist, was passiert mit diesen Objekten, die er in den Raum gestellt hat. Funktionieren sie oder funktionieren sie nicht, an was erinnern sie, wo gehen sie weiter als die Arte Povera. Wie er bei den Papierarbeiten, den Surrogate Skins, verschiedene Lacke und Papiere ineinander verschmilzt und eine Form herstellt, die wie ein Panzer ist, aber eigentlich sehr leicht und zerbrechlich, das habe ich so nicht einmal von Franz Erhard Walther in den 70ern gesehen.

De:Bug: Obwohl Lang nie darüber hinwegkommen wird, dass man seine Kunst immer mit seiner ersten Karriere in Beziehung setzt.

Thorsten Moll: Das ist vielleicht die größte Crux an der Ausstellung, das größte Problem, das er selbst zu überwinden hat. Deshalb ist er auch nicht selbst gekommen. Alle würden ihn fragen: ”Ach, Helmut, willst du nicht wieder Mode machen, wir vermissen dich. Warum jetzt Kunst?“ Er ist bewusst einen Schritt hinter seine Kunst getreten, um sich nicht durch seine Persönlichkeit und das, was er an Geschichte mitbringt, vor die Kunst zu stellen.

Gleichzeitig war er nicht so blöd, so radikal zu brechen und gar nichts zu zeigen, was mit Mode zu tun hat: ”Ich zeige euch nicht die Adler, die darauf verweisen, dass ich mal einen Flagshipstore hatte, in dem Arbeiten von Jenny Holzer, Louise Bourgeois und die Adler standen.“ Er will zeigen, dass er eine künstlerische Identität hat, die weiter zurückgeht als die vier Jahre, seit er sein Label verkaufte. Er zeigt uns die Erfahrung, die er über Jahrzehnte gesammelt hat.

De:Bug: Der Vorbehalt in der Kunstwelt gegen erfolgreiche Dilettanten liegt auch daran, dass ein paar enorm durchgestartet sind. Terence Koh zum Beispiel …

Thorsten Moll: Über den haben wir auch oft gesprochen, ehrlich gesagt. Die auf Krawall gebürsteten Leute, die ideologische Vorbehalte aus den frühen 80er Jahren auspacken, das sind genau diejenigen, die sich darüber aufregen, dass Helmut Lang nicht mal gekommen ist. Die erwarten, dass die Lichtgestalt der Fashiondesigner, der Künstler hier aufschlägt. Die halten an diesem Künstler-Ding fest. Eigentlich müssten sie sagen, gut, der traut sich was, der lässt nur seine Arbeiten sprechen. Aber das wird ihm auch gleich wieder als Strategie ausgelegt. Dem Strategie-Verdacht kann man nicht ausweichen. Es sei denn, man stellt offensiv die Strategien aus und sagt: Genau, ich mache nur Strategien. Terence Koh eben.
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