Neben Zürich ist die Westschweiz ein Zentrum für elektronische Musik. In Genf und Lausanne tummeln sich Produzenten wie Agnès, Ripperton, Quenum und Chaton. Über dieser neuen Garde schwebt das Erbe des Labels Mental Groove. Was ist los in der französischen Schweiz, und was ist anders als in Zürich? Ein Roundtable erhellt die innerhelvetischen Verhältnisse.
Text: Gabriel Roth aus De:Bug 136

Westschweiz_1

Aus dem Special in De:Bug 136: HELVETIA HOPP!

Genf am Seeufer, etwas weiter vorne links die berühmte Fontaine, hier wird aus dem See wieder ein ganz normaler Fluss, die Rhône. Das Mont-Blanc-Panorama, UNO-Herrlichkeit und Scheichvillen sind Vergangenheit, bald geht es nach Frankreich hinein, der Fluss kommt in halbwegs normale Gefilde.

In einer Bar am Rhône-Ufer treffen wir uns mit fünf Exponenten der Westschweizer Elektronikmusik. Vier davon sind aus Genf, nur Ripperton stammt aus Lausanne, von wo aus er sein Label Perspectiv betreibt. Aus Genf selbst nehmen noch die DJs und Produzenten Dachshund und Philip Quenum an unserem Roundtable-Gespräch teil.

Quenum ist der Mitgründer von Cadenza Records, gemeinsam mit Dachshund hat er eben ein neues Label namens Clapper gestartet, weiter Chaton, der Betreiber von Plak Records, Crowdpleaser und Olivier Ducret, der Betreiber des alteingesessenen Genfer Labels Mental Groove. Dem eben begonnenen September gilt es aber Tribut zu zollen, wir begeben uns für das vereinbarte Gespräch in das Gebäude, in dem Quenum und Crowdpleaser ihre Studios haben.

Westschweiz_Crowdpleaser
Bild: Crowdpleaser

Debug: Wer an elektronische Musik aus der Schweiz denkt, verortet diese meistens in Zürich. Haben die Westschweizer Clubmusiker ein Identitätsproblem?

Crowdpleaser:
In Zürich läuft halt viel. Partys, Afterhours. Das zieht die Leute an. Hier in Genf gibt es eigentlich gar keine Clubs.

Chaton: Es gibt nichts zu tun in Genf.

Crowdpleaser: Deswegen arbeiten wir härter. Obwohl Genf bedeutend kleiner ist als Zürich, glaube ich, dass von hier mehr Output kommt. In Zürich hast du etwa eine Million Einwohner, in der Genfer “Bay Area” etwa 400.000. Ich habe viel Austausch mit Zürchern, mit Drumpoet, mit Kalabrese. Ich hatte in der Dachkantine quasi eine Residency, habe da über zwei Jahre weg fast jeden Monat gespielt.

Ripperton: (flüsternd) … weil seine Mutter Deutschweizerin ist.

Crowdpleaser:
Ja, ich spreche Deutsch, was natürlich hilft.

Dachshund: Ich finde den “Genfer Weg” sehr gut. Schaut doch mal nach Italien. Da wird alles kopiert. Was auf Beatport ein Hit ist, wird nachgeahmt. Bei uns ist es anders. Als Agnès seinen ersten House-Remix seit langem machte, waren wir alle verblüfft: Hey, shit, was macht der da? Aber er sagte einfach: Ich mache, was mir gefällt. Weil wir hier nicht wirklich eine Szene haben und auch keine negativen Side-Effects.

Debug: Für den Deutschweizer entspricht Zürich in etwa dem, was Berlin dem Deutschen ist. Elektronische Musik sammelt sich dort.

Crowdpleaser: Die Partys sind in Zürich sogar besser als in Berlin. Die Leute haben tendenziell etwas mehr Geld, sie sind hedonistischer. Wenn es in Berlin mal fucked up wird, geht das so in Richtung Junkie-Style. Wohingegen in Zürich, auch wenn es genauso zu und her geht, die Leute unter der Woche noch ins Fitnesscenter gehen und sich ein paar Omega-3-Säuren reinhauen. Wenn es um Drogen geht, habe ich in Zürich Dinge gesehen, die ich so in Berlin nie sah.

Debug: Echt? Alle Zürcher DJs, die in der Westschweiz spielen, sagen immer, dass hier alle ziemlich draufhauen – und gleichzeitig noch unglaublich saufen. Mir drängen sich immer Parallelen zu Großbritannien auf. Pubs, die schließen, bevor man anderswo überhaupt ausgeht. Hier gibt es ja eine Polizeistunde, deswegen schließt alles um 4 Uhr.

Westschweiz_Dachshund
Bild: Dachshund

Dachshund: Um 5 Uhr. Wenn es einen Club gäbe.

Ripperton:
In Lausanne gibt es 33 Clubs, davon etwa fünf mit elektronischer Musik am Wochenende. Dass sie alle um 5 schließen müssen, erkläre ich mir damit, dass die Schweizer halt Lärm nicht gern haben. Dafür starten dann um 10 nach 5 die illegalen Afterhours.

Dachshund: In Lausanne und Genf gibt es jede Menge kulturelle Geschichte, die 80er waren sehr powerful, mit vielen Clubs, die Rock gespielt haben, alles gemischt. Man war offen. Heute herrscht beinahe Krieg zwischen den Fans unterschiedlicher Musik.

Debug: Merkt man das noch? Produziert ihr ein breiteres Spektrum?

Crowdpleaser: Es ist mehr … banging, mehr Hits in der Westschweiz.

Ripperton:
Das Coole ist, dass wir hier keine großen Szene-Leader haben. Jeder macht seine eigene Art von Musik. Das ist ein Vorteil gegenüber Zürich. Wir unterscheiden uns sehr in unserem Stil. Wenn ich auflege, spiele ich deswegen viele Platten von hier.

Crowdpleaser: In den 90er gab es auch DJ Jammin, das war etwa der größte Schweizer House-Export, der war auf Strictly Rhythm, eine große Nummer. Dadurch gab es eine Menge Partys in der Stadt, die House-Szene war wirklich gut.

Westschweiz_quenum
Bild: Quenum

Debug: Habt ihr alle einen House-Background?

Quenum: Wir kommen schon alle vom House.

Dachshund: Außer mir, ich habe früher Dub und Reggae gemacht.

Ripperton: In Montreux gab es jede Menge Partys im Casino, mit Tony Humphries und Robert Owens, gute Anlage, das war klasse. Alle kamen mit Masken und Kostümen, ziemlich durchgeknallt. Man ging aus, um Spaß zu haben.

Debug: Ihr betreibt alle mindestens ein Label. Diese Vielfalt ist erstaunlich. Was ist die Motivation dahinter? Viele Labels, relativ wenig Output. Mental Groove ist hier natürlich die Ausnahme, das ist ja bedeutend größer.

Olivier Ducret: Das läuft auch schon seit bald 20 Jahren. Ich habe mit dem Label angefangen, weil es einfach war und eine gute Möglichkeit, Künstler zu veröffentlichen, die nicht von anderen Labels verfolgt wurden und alleine in der Ecke saßen. Um Musik herauszugeben, die ich mag. Manchmal hat es funktioniert, manchmal nicht. Zuerst war das mehr ein Hobby, zum Business wurde es erst später.

Quenum: Es dauert auch einfach immer zu lange, bis deine Tracks auf einem anderen Label erscheinen. So geht das viel schneller. Wenn ich einen Track morgen veröffentlichen will, dann kann ich das. Der Hauptgrund, weshalb wir jetzt alle hier sitzen, ist, weil wir Musik lieben. Und nicht den Hype.

Ripperton: Wenn du Hype sein willst in der Schweiz, viel Vergnügen. Roger Federer brauchte zehn Jahre, um berühmt zu werden, noch vor zwei Jahren kannte ihn kaum jemand. In der Schweiz gibt es keine Energie, keine Magazine, Radio: alles sehr flach. Um hier berühmt zu werden, braucht man die Hilfe des Auslands. Man kann das somit wirklich Underground nennen. Und jetzt beweisen wir, dass wir mit nichts Musik machen können (alle versuchen sich an einem Groove mit Chipstüten und leeren Petflaschen).

Dachshund: Ich glaube, der Geist von Matthew Herbert hat mich eben an der Schulter gestreift!

Westschweiz_Olivier
Bild: Olivier

Ducret: Als ich anfing mit Mental Groove war es einfach, internationale Anerkennung zu bekommen, weil nichts aus dem französischsprachigen Teil der Schweiz erschien. Die ersten Veröffentlichungen waren deshalb etwas sehr Exotisches, die Leute rissen sich darum, als ob du aus China wärst. Man hatte definitiv einen Kuriositäten-Bonus.

Debug: Das legte sich aber wahrscheinlich ziemlich schnell? Oder gibt es den noch immer?

Ducret: Es ist noch immer eine gute Visitenkarte, aus der Schweiz zu sein. Man kann damit spielen, aber das mache ich nicht. Man trifft immer wieder auf Leute, die, wenn man ihnen sagt, dass man Schweizer sei, die Augen aufreißen. Keine Ahnung wieso, vielleicht glauben sie, wir seien steinreich.

Crowdpleaser: Ich bin mir unsicher über den Schweizer Kulturexport. Ich persönlich habe davon profitiert. Aber Schweizer Musik als Label, das bedeutet doch gar nichts.

Quenum: Mental Groove war sehr wichtig. Ihr habt die ersten fetten Partys gemacht, alle kamen deswegen hierher, aus Frankreich, Paris. Man kam wegen der Partys, den Veröffentlichungen, dem Plattenladen, für eine lange Zeit war Olivier die Connection. Alle, die hierher kamen, um aufzulegen, gingen in Oliviers Plattenladen.

Chaton: Quenum lebte früher in London und führte da ein Label, da machte er natürlich schon Connections. Schau dir mal seine Discografie an, da stürzt dein Computer ab.

Debug: Wieso hast du den Laden geschlossen?

Ducret: Es wurde einfach immer schwieriger. Man kauft jetzt halt mehr online, diese Veränderungen muss man akzeptieren. Aber über eine lange Zeit war es ein Treffpunkt für Freunde elektronischer Musik, es wurden einige Zukunftspläne geschmiedet.

Quenum: Das hat sich definitiv geändert. Früher war der Plattenladen immer der erste Anlaufpunkt, man traf ein paar Leute, tauschte Telefonnummern aus. Der Verlust des physischen Treffens wurmt mich schon. Deine Freundin zu treffen oder mit ihr übers Internet zu kommunizieren, das ist nicht das Gleiche.

Crowdpleaser: Sozusagen eine Daytime-Club-Experience. Und nüchtern!

Westschweiz_ripperton
Bild: Ripperton

Ripperton: Ich fragte mich selbst, was ich am DJ-Sein am liebsten mag. Das Wichtigste war lange, am Samstag in den Plattenladen zu gehen. Mit all den Download Stores geht das verloren. Wenn man um die Welt reist, dann ist Serato natürlich cool, aber die physische Platte war die Connection: Producer, DJ, Plattenladen und die Leute drum herum. Weil all meine Freunde, die am Samstagabend ausgingen, schon am Nachmittag in den Laden kamen. Man traf sich da, ging gemeinsam essen …

Chaton: Das ist der Grund, weshalb ich jetzt immer Barbecues veranstalte. Oder wir gehen zusammen in der Rhône schwimmen. Ich betreibe einen Online-Store auf dem es Vinyl von mir und von Freunden und Bekannten gibt. Es ist aber kein richtiger Plattenladen. Meine Freunde und DJs von hier kommen auch mal vorbei, um Platten zu kaufen, die es digital nicht gibt.

Debug:
All eure Labels sind noch überwiegend Vinyl-Labels?

Alle: Ja.

Debug: Sind die Veröffentlichungen also ein Stück weit mehr eine aufwändige PR-Aktion, um mehr Gigs zu kriegen?

Ripperton:
Schon – das macht es aber für viele noch härter: Früher konntest du mit den Platten ein bisschen was verdienen, das ist heute passé. Wenn du die Kohle wieder rausholst, ist das schon viel.

Crowdpleaser: Oder wenn du gespielt wirst.

Ducret: Man freut sich auch, wenn man für eine Platte besonders viele Rapidshare-Links findet. Das bedeutet ja auch, dass Interesse an dem Material vorhanden ist. Damit verdient man zwar kein Geld, aber mit in Betracht ziehen soll man es schon.

Dachshund: Aber selbst dann gibt es Leute, die deine Musik so lieben, dass sie die Platte kaufen, sie aufnehmen und dann online stellen. Das ist wahre Liebe!

Ducret: Vor drei Jahren gingen die Verkäufe stark zurück. Es war schwierig, zu erkennen, welche Richtung sinnvoll ist. Ich mache jetzt Limited Editions, Vinyl-only oder Digital-only. Je nach Art der Musik. Ich verkaufe auch direkt an die Leute, um Dritte auszuschließen, das bringt mehr Profit und du kriegst das Geld sofort. Nicht erst nach einem halben Jahr. In der Zwischenzeit ist dein Vertrieb vielleicht schon pleite – was mir zweimal passiert ist. Manchmal mache ich nur dreihundert Platten, mit einem hübschen Cover, das war’s. Nicht, weil es kein gutes Produkt wäre, sondern weil das so für mich stimmt, weil ich die Rechnung mit dreihundert Personen mache.

Westschweiz_Chanton
Bild: Chanton

Chaton: Zehn Stück davon behältst du aber, um sie über Discogs für je 100 Euros zu verkaufen.

Ripperton: Ich würde sehr gerne all meinen Platten einen Voucher für die MP3s beilegen, wer die Platten kauft, soll auch was für seinen iPod kriegen. Das macht Sinn. Aber nicht das Gegenteil.

Aus dem Special in De:Bug 136: HELVETIA HOPP!

http://www.cadenzarecords.com
http://www.plak-records.com
http://www.mentalgroove.com
http://www.myspace.com/clapper-records