”Wäre die Schweiz ein Pfannkuchen, wäre sie größer als Preußen“, schrieb bereits Goethe und zielte damit auf das Gedankenspiel, was passieren würde, wenn man die Alpen des Landes horizontal flachbügeln würde.
Text: Ji-Hun aus De:Bug 136

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Aus dem Special in De:Bug 136: HELVETIA HOPP!

Die Schweiz war und ist schon immer Folie für Wunschvorstellungen von außerhalb gewesen. So suchen Japaner einen abendländischen Klassizismus, der von Edelweiß und Johanna- Spyri-Romantiken durchzogen ist. Für das indische Bollywood ist die Schweiz beliebter Drehort, da man dort das verloren gegangene heimische Kashmir wieder zu finden glaubt, die wohlhabenden Inder haben durch diese Rückkopplung ein beliebtes Luxusreiseziel für sich entdeckt, dabei wäre ihr eigentliches Kashmir so nah.

Die Strahlkraft und Aura der Schweiz verhielt sich immer gegenläufig zur eigentlichen Größe des Landes. Wäre die Schweiz nicht die Schweiz, wäre sie vielleicht Berlin. Zumindest aus der elektronischen Musikperspektive, wenn man an die Dichte von hochklassigen Produzenten denkt und die Vielzahl an Clubs, die es alleine in Zürich gibt.

Noch immer gibt es dort die höchste Pro-Kopf-Dichte an Clubs in Europa. Über 50 sind es zur Zeit, für knapp 360.000 Einwohner. Letzteres entspricht beispielsweise Bochum. Die Street Parade tuckert noch immer alljährlich durch die Innenstadt, wenn auch hier, ähnlich wie bei der Loveparade, die Schnittmenge zwischen Großevent und basaler Clubkultur mikroskopisch klein geworden sind.

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Bild: Thomas Gilgen

”Wir haben hier eine Kulturinflation“, erklärt Thomas Gilgen, Gründer und Geschäftsführer der früheren Dachkantine, ein Laden, der allen Schweizern wie ein leuchtender Komet in Erinnerung bleiben wird.

”Noch immer dominiert hier aber Minimal. Dubstep ist noch lange nicht angekommen und ein DJ wie Trevor Jackson hat dieses Jahr das erste Mal in Zürich gespielt, was eigentlich sechs Jahre zu spät ist“, meint Silvio Biasotto, Musikjournalist und Chronist der Schweizer Elektronikkultur, der zusammen mit Gilgen an einer netzbasierten Radioplattform namens ”Open Broadcast” arbeitet, wo in Bälde Playlists und Radiosets im Internet produziert und ausgetauscht werden können.

Auch hier sucht man nach neuen Räumen der kreativen Verwirklichung. Die Zeiten der illegalen Clubs sind endgültig vorbei. Da scheint die Orientierung in das Digitale für die Macher der Szene, wie überall anders auch, nur konsequent.

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Bild: Silvio Biasotto

Wie kaum ein anderes Land ist die Schweiz durch die internen Sprachgrenzen geprägt. Der so genannte ”Röstigraben“ trennt die französisch sprechende Westschweiz von der deutschsprachigen Ostschweiz auch politisch, wo auf der einen Seite eher links und auf der anderen Seite eher rechts regiert wird.

Auch die Popmusik muss sich mit diesen Grenzen auseinandersetzen. Es gibt wenige Mainstream-Künstler, die länderübergreifend auf Zustimmung stoßen, was aber auch an der jeweiligen Ausrichtung der Medienlandschaften liegt. Klar, dass sich sich der Westen kulturell eher an Frankreich gebunden fühlt, als an Wien, München oder Berlin, was für die Baseler oder Zürcher viel eher zum Tagesgeschäft gehört.

Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass es eine rege und homogene Elektronikkultur gibt, die auch international hohes Ansehen genießt. Musik, die fernab von Sprachbarrieren, eher durch die Sounds selbst kommunizieren kann. Denn in diesem Punkt funktionieren die Netzwerke gesamtschweizerisch. Was uns zu guter Letzt bestärkte, einen tieferen Blick in die Schweiz zu werfen, ist aber schlicht und einfach die hohe Qualität der Produktionen.

Aus dem Special in De:Bug 136: HELVETIA HOPP!