Das Öl wird uns das Genick brechen, aber auf Anti-Globalisierer und Internet-Musik unter Creative Commons will sich Herbert auch nicht stützen. Eher vertraut er auf auf die versteckte Kritik vorgefundener Sounds und die Macht der Zahl 12.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 103

Herbert war schon immer jemand, der mit kleinen Gesten überzeugen konnte. Eine Wasserflasche mit auf die Bühne nehmen und den Leuten zeigen, wie man daraus live einen ganzen Track konstruiert zum Beispiel. Oder früher noch, mit ein paar Küchengeräten auftreten und daraus perfekte Dancefloorhymnen zaubern. Es gab keine Missverständnisse zu dieser Zeit. Herbert war weit vorne und Herbert wurde von allen geliebt.
Vor einiger Zeit schwenkte Herbert dann allerdings von den kleinen Gesten zu großen Worten um. Entwickelte so etwas wie Dogma für Musik. Und obwohl Herbert ebendiese großen Worte immer genau so meinte wie seine kleinen Gesten, als persönliches Statement zu der Kultur, die ihn umgibt, begannen die Missverständnisse. Man dachte, er stellt Regeln auf. Und Regeln und elektronische Musik, das geht so gar nicht. Dabei ging es immer um eigene Arbeitsdefinitionen. Dennoch blieb der dezente Geschmack eines Kulturpessimisten, wenn man über eben diese Konzepte lesen musste, dabei ist Herbert vielleicht ein Pessimist, was die Zukunft angeht, den Stand der Dinge in der Welt, falls man wirklich ein Pessimist sein muss, um diesem Jahrhundert einen gewissen Hang zur globalen Katastrophe zu unterstellen, aber er begegnet seiner eigenen Welt zumindest mit allem anderen als Pessimismus.
Sein neustes Album “Scale”, das diesen Monat auf K7 und Accidental erscheint, könnte man grob zusammenfassen als eine Mischung aus ”Plat Du Jour“ und “Goodbye Swingtime”. Es ist eine Sammlung obskurer kleinteiliger Sounds, über der das Vollmundige von Popsongs mit vollem Orchester und Gesang liegt. Es ist, was man heutzutage seltenst noch hört: Musik als metaphorisches Konzept. Es will das Bling sein und der Schmerz beim Anblick einer Flasche Evian. Wie genau das allerdings zusammenfinden und zu hören sein soll, versuchten wir im Interview zu klären. Was wir nicht klären wollten, war die Mystik rings um die Zahl 12, die Scale sich aufbürdet.

Debug: Ich war kurz davor, dein neues Album als Popmusik richtig gut zu finden, aber dann gab es dieses Presseinfo, in dem so einige Dinge standen, die man wirklich erklären müsste.

Herbert: Nicht das mit dem Da Vinci Code oder? Weil das machte für mich auch keinen Sinn.

Debug: Nein, der Teil darüber, dass es sich bei dem Album darum dreht, dass die weltweite Ölindustrie langsam zu ihrem Ende kommt. Ich hab wirklich keine Ahnung, wie ich das Album und so eine Aussage zusammenbringen soll.

Herbert: Ok. Das ist auch nicht wirklich genau das, was ich sagen wollte. Es ist immer ein Problem, ein Infosheet zu machen, wenn man mit mir geredet hat. Alles, was ich generell als Musik zu machen versuche, ist zu beschreiben, wie es ist, in diesen Zeiten zu leben. Und ich hoffe, dass wenn ich diese Geschichten über unsere Gesellschaft erzähle, ich eine Art von längerfristiger Resonanz mit dem Leben anderer Menschen hinbekomme. Mit Plat Du Jour ging es sehr deutlich um eine alternative Welt. Ich habe all diese Sounds, die mit Essen zu tun gehabt haben, genommen und sie musikalisch reorganisiert und versucht herauszufinden, ob es mir möglich ist, damit ein paar der Geschichten, um die es mir ging, durch den Sound selbst zu erzählen. Mit dieser Platte versuche ich eher eine Art Spiegel dessen zu erzeugen, was um uns herum geschieht. Also hab ich versucht, eine Welt zu erzeugen, die zu sein scheint, wie unser Leben im Westen gerne vorgibt zu sein. Glamourös, ein wenig wie ein Film, verführerisch, manchmal fröhlich, manchmal etwas melancholisch, mit hohen Produktionswerten, glänzend. Aber darunter sollte auch immer diese Gewalt aufscheinen. Die Tatsachen, auf denen unser Bild basiert.

Debug: Eine sehr gedimmte Gewalt, die nur im Hintergrund aufscheint.

Herbert: Genau. Ich versuchte das zu beschreiben, wie wenn man ein Bad mit einem dieser Fleisch fressenden Fische nimmt. Du bist in diesem Bad mit all den Seifenblasen und völlig entspannt und dann mittendrin kommen kleine Schocks. Und in vielerlei Hinsicht ist das auch ein Spiegelbild meines eigenen Lebens. Mein Leben ist ja wirklich das eines Privilegierten. Ich mache Musik. Meine Musik gehört mir selbst. Ich habe keinen Boss. Ich reise in der ganzen Welt herum. Ich habe ein eigenes Haus. Wirklich schon sehr privilegiert. Aber es ist trotzdem unterminiert von Geschichte. Dinge, die ich zum Beispiel von unserem Empire geerbt habe. Sklaverei. Die Weise, wie England zu dem geworden ist, was es ist, indem es Ressourcen gestohlen hat. All dieses Zeug. In der letzten Zeit ist es für mich immer klarer und klarer geworden, dass wir eine sehr gefährliche Position im Westen, vermutlich aber auch global erreicht haben. Diese unglaubliche Ressource, die fast schon wie ein Geschenk war, das Öl eben, hat sich verwandelt in etwas, das, gefährlich ist nicht ganz das richtige Wort, nein, einfach verschwendet wird. So sehr, dass mein gesamtes Leben schlichtweg ein einziger Akt der Verschmutzung ist. Wenn ich z.B. möchte, dass meine Platten ein Erfolg sind, dann hab ich schon wieder mehr Öl und Plastik verschwendet und in Flugzeugen und in Schiffen durch die Welt reisen lassen. Ich gebe zu, das hab ich etwas spät realisiert. Genau wie ich spät gemerkt habe, wie oft ich eigentlich geflogen bin, obwohl das überhaupt nicht hätte sein müssen.

Debug: Wo warst du in den Siebzigern?

Herbert: Ich bin erst 72 geboren worden. Wie auch immer, all das bewegt sich auf ein Ende zu – jedenfalls lese ich so etwas – und es wird eine massive Veränderung im Verhalten geben müssen, auch was Nahrung betrifft, denn Nahrung ist einer der größten Konsumenten von Öl. Einer der Gründe z.B., warum ich Plat Du Jour gemacht habe, war auch, dass England seine eigene Nahrung nicht mehr herstellt. Wir machen unser Brot noch selbst …

Debug: … und die Butter da drauf.

Herbert: Vielleicht. Und ein klein wenig Käse, aber selbst wenn wir unser eigenes Brot machen, unser Mehl bekommen wir komplett aus Kanada. Wenn aus irgendeinem wahrscheinlichen Grund die Transportkosten dafür in die Höhe schnellen …

Debug: Naja, dafür arbeiten ja auch die Menschen auf der anderen Seite der Erde für fast nichts.

Herbert: Stimmt. Wie auch immer, ich denke, dass auch wenn das Öl nur ein Aspekt des Albums ist, es trotzdem extrem wichtig ist, weil mein Computer aus Plastik ist, mein Essen weit transportiert wird, auch wenn ich versuche, nur Biologisches zu essen. Wir sind einfach so involviert in ein System, das so essentiell gewalttätig ist. Ich denke von mir selbst ja, dass ich eine unabhängige Person bin. Wie sagt man?

Debug: Kritisch.

Herbert: Genau das, aber ich bin kein bisschen besser als irgendein Manager bei EMI. Möglicherweise noch schlimmer, weil der vermutlich nur halb so viel Flugzeug fliegt wie ich. Soweit allumfassend jedenfalls ist diese Involvierung ins System. Es gibt diese Geschichte, die sagt: Wenn du nie etwas recyclest, alles einfach so wegwirfst, dein ganzes Leben lang, dass du dann immer noch nicht so viel Verschmutzung betrieben hast wie bei einem einzigen Transatlantikflug. Das ist so deprimierend. Nach Plat Du Jour jedenfalls hab ich so gut ich kann aufgehört zu fliegen. Ich hab noch zwei oder drei Flüge im Jahr und hatte bis zu 200.

Debug: Wie kommst du zu deinen Gigs? Mit dem Bus?

Herbert: Ja, vor allem aber mit dem Zug. Ich hoffe, ich finde auch mal ein Schiff. Nicht zuletzt deshalb stimmt es eben schon, dass eine Basis für das neue Album meine Auseinandersetzung mit Öl war. Aber es ist wirklich nicht so, dass ich sagen würde: Track 4 ist “Oh mein Gott, wir haben bald kein Öl mehr”. Aber es gibt 12 Autos auf der Schallplatte. 12 Tanksäulen. 12 von diesem, 12 von jenem. Es gibt also auch Sounds, die diese Geschichte erzählen, aber eben nicht so im Fokus wie bei Plat Du Jour.

Debug: Wann, würdest du sagen, hört man diese Sounds dann noch, wenn sie nicht so im Fokus stehen? Gibt es nicht vielleicht zu viele Seifenblasen auf “Scales”?

Herbert: Ich weiß, was du meinst. Eigentlich wollte ich den Leuten aber gar nicht gerne erklären, wie dieses Album funktioniert.

Debug: Andererseits machst du das aber auch sehr explizit, indem du auf dem Cover schon jedes Instrument abbildest.

Herbert: Ja, im Infosheet stehen auch 3 oder 4 Soundquellen, aber es gibt vermutlich 30 oder 40 Objekte, die speziell wegen ihrer Verknüpfungen ausgewählt wurden. Auf dem Cover sind ja auch Dinge, die nicht selber Sounds machen, sondern Dinge, die ich während der Produktion des Albums benutzt habe, wie mein Telefon z.B. Das Cover soll also nicht zu viel verraten. Aber z.B. auf dem 5. Track geht es musikalisch – ach ich will das eigentlich gar nicht sagen. Egal, ich sehe, du drängelst. Am Anfang des Tracks jedenfalls sind 12 verschiedene Zapfsäulen. Esso, Total, alle aus meiner Nachbarschaft. Und der Song dreht sich darum, in die Welt verliebt zu sein. Aber alles das soll eben nicht so explizit sein, weshalb ich die Quellen auch nicht nennen will. Ich hoffe trotzdem, dass ein paar Leute hören werden, dass das Zapfsäulen sind. Die Art, wie wir Sounds hören, ist allerdings sehr losgelöst von der Wirklichkeit. Obwohl die meisten Leute das Geräusch einer Zapfsäule oft genug gehört haben, erkennen sie es nicht sofort. Es gibt wenig Erfahrung damit, in Musik Sounds kritisch zu hören oder mit Engagement. Dabei ist z.B. bei diesen 12 Zapfsäulen keine Überlagerung, keine Prozessierung dabei. Die sind einfach hintereinander aufgenommen. Es gibt auch Frühstückszerealien oder Shampoo auf der Platte, der Sound, wie man sich die Haare wäscht.

Worum es eigentlich geht …
Debug: Aber wie willst du nun, dass diese Sounds verstanden werden sollen? Denn sie sollen ja offensichtlich eine Bedeutung haben.

Herbert: Für mich sind sie klar. Plat Du Jour sollte die Leute akustisch so stark wie möglich anschreien, ohne dass es Lyrics gab. Mit Scales soll es ganz anders sein, aber auf eine abstrakte Weise geht es um das Gleiche. Es sind ganz normale Sounds drauf und exzeptionelle. Klänge, die du nie zuvor gehört hast. Zum Beispiel der Klang eines Deckels, der auf einen Sarg fällt. 12 davon. Und man hört, wie Leute von außen draufklopfen. Und solange du nicht lebendig begraben wurdest oder für einen Sarghersteller arbeitest, hast du diese Sounds noch nie gehört.

Debug: Es sei denn, du siehst den ganzen Tag Six Feet Under.

Herbert: Die sind dann aber nicht von innen aufgenommen, sondern von außen. Aber wie auch immer, es ist nicht sonderlich wahrscheinlich, dass man den Sound gehört hat. Anders als bei der Zapfsäule. Wie hört man diese Sounds? Ist da ein emotionaler Unterschied beim Hören von Sounds, die man kennt, zu denen, die man nicht kennt.

Debug: Das hängt wahrscheinlich mit der Frage zusammen, ob ein Sarg sich anders anhört als irgendeine andere hölzerne Box, auf die man klopft.

Herbert: Absolut! Die Form ist völlig anders zum einen und dann hängt es stark von dem benutzten Holz ab, ob es z.B. ein Sarg für arme Leute ist. Ein Sarg in Südafrika wird ganz anders klingen als …

Debug: Klar, Ok, aber klingt es nach Sarg?

Herbert: Das klingt wie ein Auto. Ich spiel es dir jetzt vor, das hasse ich, so soll das nicht sein.

(Herbert schnappt sich meine Promo-CD, legt sie in den CD Player, sucht den richtigen Track und dreht ordentlich auf. Wir hören den Sarg, zu meiner persönlichen Überraschung ist das aber kein Holzsarg, sondern eindeutig ein Steinsarg und er wird auch nicht zugeklappt, sondern jemand schiebt den Deckel drauf. Die Ähnlichkeit mit einem Auto ist keinesfalls verblüffend. Und, sollte man die CD in dieser Lautstärke weiterhören, dürfte einem das Trommelfell zerreißen.)

Herbert: Ziemlich verrückter Sound, oder? Der Rest des Tracks sind andere Särge. Und Drums, auf einem Heißluftballon aufgenommen. Wie auch immer. Für micht kling das gespenstisch. Aber wie wird das wohl gehört werden? Ist das nur ein Geräusch? Ist ein Geräusch nur ein eindimensionales Ding, das manchmal für mich nützlich ist, manchmal nicht? Das sind Fragen, die ich stellen möchte. Wie ergibt sich für einen z.B. ein Parameter von Schönheit? Ist dieser Sound schöner als ein 18-köpfiges Orchester? Ist das Ausmaß von mir, der am Piano sitzt und singt, wertvoller, emotional mehr verwickelnd als ein Stück, auf dem 90 Leute spielen und 300 Audiotracks verarbeitet sind. Deshalb auch “Scales” als Name des Albums. Weisen, Dinge zu messen. Ist etwas lauter als das andere, polierter, ehrlicher. Diese Fragen danach, wie unser Verhältnis zu Sounds ist: “Wer zum Teufel kümmert sich drum, ob das Zapfsäulen sind?”, aber auch das “Gibt es jemand, den es kümmert?”. Es soll diese Momente auf der Schallplatte geben, wo ein Sound plötzlich für jemanden Sinn macht. Und dieser Sinn soll für verschiedene Momente und Menschen anders sein können. Es gibt z.B. 12 verschiedene Autos auf der Platte. Aber es sind sehr spezielle Autos. Autos, die explizit Natur benutzen, um sich zu verkaufen.

Debug: In der Werbung dazu?

Herbert: Im Namen vor allem. Dinge, die richtig krank sind, wie Jeep Cherokee. Aber es gibt z.B. eine Sirene im Jeep Cherokee, die anzeigt, wenn man den Motor anlässt, während die Türen offen sind. Wenn du also in den nächsten 28 Jahren irgendwann einen Jeep Cherokee fährst und du die CD hörst, dann wirst du vermutlich plötzlich hören, hey, das ist meine Sirene. Und dann wirst du dich fragen, warum ist dieser Sound auf dieser Schallplatte, und das könnte dann schon den Fokus verändern.

Debug: Werden in diesem eh schon unwahrscheinlichen Fall die Leute dann überhaupt noch denken, dass es einen Grund für diesen Sound gibt?

Herbert: Wenn die Leute mich kennen, dann wissen sie, dass es da Präzedenzfälle gab. Sonst werden sie zumindest wissen, dass das nicht wie Robbie Williams klingt. Was ich versuche, ist, all diese Ideen, die es auf der einen Seite gibt, wo man die Platte einfach so hört, und diese kleinen Momente der Offenbarung, nach der ich suche, in einen Einklang zu bringen. Die Idee dieser Art von Offenbarung ist für mich auch ein politisches Moment. Ich erwarte von niemandem, das beim ersten, zweiten, dritten Mal zu hören.

Debug: Niemand wird das jemals alles entdecken können.

Herbert: Nein, aber es ist da. Und das ist für mich wichtig. Es ist nicht einfach nur ein weiteres Stück Verschmutzung, ein Stück Scheiße aus Plastik, das in 20 Jahren Haufenweise bei BestBuy rumliegt. Außer der CD selbst ist eh kein Plastik in der Verpackung. Es gibt keine “richtige” Weise, das Album zu hören, es ist eine Serie von Fragen, auf die man manchmal eine Antwort finden kann.

Debug: Im Info gab es auch diese Erwähnung eines neuen Landes. Online. An dem du mitmachst. Als ich es mir angesehen habe, dachte ich, ah, eine Art Online-Universität, etwas wie Wikipedia, aber ohne ein Wiki zu sein, und ihr wollt, dass andere dabei mitmachen, aber nirgendwo gab es z.B. eine Erwähnung, unter was für einer Lizenz das stehen soll.

Herbert: Ich versteh nicht, was du meinst? Lizenz?

Debug: Ja, wie Leute diese Texte, die dort stehen, benutzen können. Denn alles, was man ins Netz stellt, ist per se ja erst mal unter einem Copyright, was der Grundidee der Webseite, freie Wissensbildung fördern zu wollen, ja etwas entgegenwirkt, besonders wenn es um ein kollaboratives Projekt geht, da wollen die Leute die Regeln kennen.

Herbert: Das bin ich noch nie gefragt worden. Ich habe einfach angenommen, es wäre Public Domain. Tu damit, was du willst.

Debug: Sagt es aber nicht.

Herbert: Aber man sollte es annehmen. Es sind ja eh erst Ideen. Es ist eh noch sehr unklar, was dieses Land werden soll. Solange wir nicht 2000 Bürger haben, ist das alles unklar. Wir wollen selber erst mal rausfinden, was es ist. Es ist für uns eine gute Idee. Etwas, das sich auf Prinzipien gründet statt auf die Art und Weise, wie man geboren ist. Wenn man sich ansieht, wie Macht funktioniert, wie etwas, das in Amerika passiert, eine so große Auswirkung haben kann auf jemanden, der in einem kleinen Dorf irgendwo weit im Süden Frankreichs z.B. lebt. Und dass diese Person überhaupt keine Möglichkeit hat, über seine Regierung auf irgendetwas zu reagieren. Das Gleiche gilt auch für CocaCola. Wir haben nicht die Wahl zwischen einer britischen oder einer französischen Cola. Die behandeln uns wie eine globale Masse. Und wir haben als globale Masse keine Art, uns ihnen gegenüber auszudrücken.

Debug: Würde nichts ändern, wenn es eine nationale Cola gäbe.

Herbert: Nein, natürlich nicht.

Debug: Wäre sie erfolgreich, würde CocaCola sie einfach aufkaufen.

Herbert: Ja, aber wir haben eben keine Art zu antworten. Die Firmen arbeiten alle in diesem globalen Niemandsland und wir sind immer noch den nationalen Grenzen und Identitäten unterworfen. Das beste Beispiel dafür wäre Perrier Wasser.

Debug: Tu’s nicht!

Herbert: Was jetzt?

Debug: Tu’s einfach nicht!

Herbert: Was!

Debug: Das mit dem Wasser, das erzählst du immer.

Herbert: Und was ist das Problem dabei?

Debug: Ich trinke kein Wasser.

Herbert: Aber wenn du Perrier trinken würdest, denkst du, du trinkst irgendein nationales Produkt. Aber es gehört Nestlé. Wenn du bei einem Italiener San Pellegrino trinkst, denkst du, du kaufst dich in eine Art nationaler Identität oder Kultur ein, aber das gehört Nestlé. Und wir können darauf nicht antworten.

Debug: Ja …

(Stille)

Herbert: Ich denke, Wasser ist wirklich wichtig!

Debug: Ja. Absolut. Lebenswichtig.

Herbert: Ich kann mir wirklich nichts Ekelhafteres vorstellen als die Tatsache, dass wir Marken-Wasser haben. Und niemand redet darüber. Niemand hat eine Position dazu.

Debug: Die Leute tun es. Es gibt eine massive Antiglobalisierungsbewegung und die redet darüber und hat eine Position, definitiv.

Herbert: Ja aber wir, die Kulturmacher, die Musiker! Wir sollen doch zum Teufel noch mal Geschichten erzählen. Und was für Geschichten erzählen wir? Dass wir ein neues Auto gekauft haben, eine neue Freundin haben? Das ist zwar fein, aber das interessiert nicht länger als einen Track auf einer Platte. Vielleicht gibt es auf der Welt aber noch andere interessante Geschichten. Es scheint mir seltsam, wie eng die Geschichten der Musiker sein wollen.

Debug: Es gibt ja z.B. auch jede Menge, die in ihrer Musik, aber auch in der Weise, wie sie Musik selbst vertreiben und veröffentlichen, die Geschichte der Umkremplung der Musikindustrie erzählen. Netzlabel z.B., die Filesharing erlauben. Die die Kulturindustrie angehen und das Copyright.

Herbert: Da bin ich mir nicht so sicher. Die Leute veröffentlichen ihre Musik doch vor allem umsonst, weil sie gesigned werden wollen. Das ist eins, das ich in der Musikindustrie gelernt habe, die Leute reden viel.

Debug: Warum nimmst du das an?

Herbert: Weil ich es sehe. Wir bekommen viele Demos. Viele Leute, die darüber, dass sie ihre Musik umsonst veröffentlichen, versuchen, bei uns gesigned zu werden.

Debug: Wir reden hier immerhin über eine Kultur, die seit vier oder fünf Jahren schon läuft und immer stärker wird. Und ich kann mehr Musik aus dem Internet bekommen von Leuten, die mir explizit erlauben, dass ich mit ihrer Musik machen kann, was ich will, dass ich sie mit anderen teilen kann, wie ich will, da ist es doch eine merkwürdige Annahme, dass all diese Leute versuchen wollen, ein Star zu sein. Sie hängen ja nicht alle von Musik ab. Und wie sollte man sonst diesem Wahn von kultureller Produktion begegnen, die Rechte immer mehr auf Medienindustriebelange zusammenschnurrt und auf die Beschäftigung möglichst vieler Anwälte.

Herbert: Ich weiß nicht, ich finde, die Geschichten sind immer noch sehr eng. Ich muss noch davon überzeugt werden, dass die so genannten unabhängigen Musiker nicht wirklich die Ideen von Majorfirmen einfach nachmachen. Die verkaufen T-Shirts, benehmen sich wie Majors ihren Künstlern gegenüber, und sie reden zwar nett, aber tun es nicht, z.B. ihre Künstler bezahlen. Dabei sollten wir doch Freunde sein. Aber ich bin glücklich, weil die Vertriebsstruktur in den frühen 90ern dem kreativen Prozess so geholfen hat, eben weil es einfach alles Freunde waren. Es gab viel weniger Unterschiede. Vielleicht redest du von einer digitalen Version dessen. Aber überzeugt bin ich nicht.

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Elektronische Lebensaspekte.