Bei den aktuellen Projekten von Herbert und Atom Heart, der Matthew Herbert Big Band und Senor Coconut, drängt sich der Vergleich auf: Jazz-Score hier und Marimba-Combo da verhandeln Moral, Politik und Samplingkritik im Zeitalter der Post-Avantgarde und des Post-Kolonialismus. Oder hieß es Pop-Kolonialismus?
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 72

Herbert agiert in einer Welt der Subjekte, der Statements und des Schönen, Atom Heart / Uwe Schmidt in einer der Maschinen, der Abstraktion und der Ordnung der Diskurse. Um sich stärker vom britischen (Kriegs-)Alltag abzusetzen, organisierte Herbert ein Jazz-Orchester, das von ihm komponierte Protest-Songs performt, die digital mit den Geräuschen der Lektüre politischer Texte versetzt werden. Auf Atom Hearts zweitem Album als Senor Coconut sind nach den Mambo- und Chachacha-Versionen von Kraftwerk-Nummern nun Deep Purple, die Doors und Michael Jackson fällig.

Atom Heart ist vor einigen Jahren nach Buenos Aires gezogen, wollte sich einem ganz anderen Umgang mit Musik aussetzen, sehen, ob und wie seine avantgardistischen elektronischen Versuchsanordnungen dort funktionieren. Das Musikhören funktioniert ganz anders: In Chile gibt es kaum segmentierte Hörer-Formationen, zur Popmusik der Vergangenheit, etwa zu der der fünfziger Jahre, hat sich keine ironische Distanz entwickelt wie heute im Westen. Zu einem klassischen Chachacha kann genauso wie zum Madonna-Track nicht nur von Jüngeren getanzt werden. Von dieser Erfahrung ausgehend will Atom Heart nun die “Rechtfertigung durch die Zeitachse“, die das hiesige Musikgeschehen strukturiert, wegbrechen lassen. Schmidt will die despotischen Konzepte der Avantgarde, des Fortschritts zu einer direkteren ethischen Aussage bringen. Die chilenische Erfahrung, die Kraftwerk “als deutsches Stereotyp wahrnimmt, das als lustig empfunden wird“, soll musikalisch umgesetzt werden. Genauso gelte es den Punkt zu konstruieren, an dem die Debug eine Nicht-Normalität des Umgangs mit Musik ist.

Der Statement-Automat
Herbert arbeitet nicht mit der eigenen Dezentrierung, vielmehr genau entgegengesetzt: Persönlichkeiten werden hervorgehoben, die Kontrolle über das Produkt wird gesteigert, ein politisch-musikalisches Event wird konstruiert. Für “Goodbye Swingtime” hat Herbert ohne Auftrag und Geldgeber eine Unternehmung angetreten, für die sonst eher Opernhäuser und Filmproduktionsgesellschaften verantwortlich sind: die Produktion eines Jazz Orchesters. Herbert schrieb die Protestsongs, komponierte, Partner Pete Wraight übernahm die aufwändige Arbeit des Arrangements. In viertägigen Aufnahme-Sessions im Abbey-Road-Studio 2 werden “die aufgenommen Stücke in einer elektronischen Umgebung de- und rekonstruiert. Ihre ursprüngliche Integrität soll intakt bleiben, zugleich werden die Aufnahmen von 2002 nicht als absolute Referenz behandelt.“ Alle Stücke werden entsprechend seinem viel diskutierten, dogmahaften PCCOM-Manifest behandelt: “Die hinzugefügten Sounds stammen entweder aus der Session bei Abbey Road, unter anderem von vierzig Leuten, die auf allem herumtrommeln, was sie im Studio 2 finden konnten. Oder von Geräuschen, die beim Lesen entstehen. Politische Texte wurden verwendet, um perkussive Sounds zu erzeugen.“ Herberts Politisierung funktioniert über eine totale Inszenierung: “Goodbye Swingtime” ist als Verzahnung politischer Metaphern angelegt. Die Auseinandersetzung des Einzelnen mit der Gesellschaft drücke sich im Gegensatz von Harmonie und Dissonanz aus. Andererseits sei die musikalische Suche nach Formen, die nicht der Tradition entstammen, ein Versuch der herrschenden Autorität zu entkommen. Gleichzeitig ist das Unternehmen, eine so große Produktion mit einem Independent-Label zu realisieren und dabei die komplette Kontrolle zu bewahren, für sich ein Statement. Herbert erklärt sich verantwortlich für jeden einzelnen Sound, der auf der Aufnahme zu hören ist. Er führt künstlerische Originalität als kritischen Begriff wieder ein, weil der gegenwärtige Kapitalismus über Wiederverwertung funktioniere. So sei es ein futuristisches Statement, die Sounds nie wieder zu verwenden: “They have never existed before and will never be used again.“ Herbert konstruiert über sein Manifest die Forderung einer Konsistenz von Zeit und Ort, die ihn an die Hochmoderne Kunst à la Pollock oder Joyce und an eine etwas schiefe Naomi-Klein-Rezeption anschlussfähig macht. Dabei ist die elektronische Weiterverarbeitung von Sounds ja ein anderer Prozess, als CD-Re-Releases an der Saturn-Kasse zu verkloppen. Herbert denkt Sound-Politik nicht etwa als Diffusion, als spannende Unschärfe, als Irritationsmoment. Der Impuls ist, das höchste Kulturgut aufzunehmen, Jazz. Alles funktioniert als Metapher, als Statement. Das oft kommunistisch verstandene egalitäre Kollektiv des Freejazz ist kein Bezugspunkt. Herbert ist dabei der totale Checker, ihm entgeht nichts: Wirft man ein, dass die Matthew Herbert Big Band eigentlich ja gar keine Big-Band-Musik mache, entgegnet der: Okay, wir hätten uns “The Matthew Herbert Jazz Orchestra“ nennen müssen, das klang aber zu schlecht.

Beat It Humanismus
Uwe Schmidt und Matthew Herbert sind allein durch ihre Hyperproduktivität herausragende Figuren im Feld: Schmidt hat über hundert Alben veröffentlicht, auch Herberts zahllose, an recht unterschiedliche Kontexte gerichtete Produktionen bewegen sich an der Grenze der Überschaubarkeit. Nach allen möglichen, sehr verschiedenen musikalischen Mikro-Interventionen treffen sich Herbert und Schmidt nun darin, ein elaboriertes ethisch-politisches Verständnis ihrer Musik zu formulieren. Und darin auf alte Musiken zurückzugreifen. Ein Jazz-Orchester zu leiten ist für Herbert ein Jugendtraum, eine von Gilles Peterson vorgeschlagene Gelegenheit, die Dr. Snuggles ausprobieren muss. Schmidt nimmt den westeuropäischen Pop-Song von “Riders On The Storm“ bis “Beat It“ auf, weil ihn die westliche Musikindustrie in der postkolonialen Welt zu Standards machte und weil zugleich ihre “andere“ Rezeption durch chilenische Musiker wie Perez Prado möglich war. Atom Heart greift an der Figur des modernen Künstlers weniger die Originalität auf als Herbert, sondern das Medium-Sein: Wie bei Joyce oder Harold Rosenberg notiert und montiert der Künstler einen Datenstrom. So kann er sich zu den nichthierarchischen Praktiken des Musikhörens in Chile in Beziehung setzen: Die Musiker, die in Chile Tanzmusik spielen, in deren klassische Tanzmusiken sich westliche Songs einweben, sind genauso wenig Autorensubjekte im starken Sinn. Beim Sieg Über die Sonne-Projekt vom langjährigem Partner Dandy Jack vermischen sich die Praktiken, bei Atom Heart gibt es eine klare, konzeptuelle Konfrontation. Während es bei Coconut kaum konkrete Orte gibt, drückt Herbert seine Jazz-Politik durch das Abbey-Road-Studio, durchs Montreux-Festival bis zu The Exchange, deren Mastering-Spezialist auch noch auf dem Cover genannt wird. Coconuts Anknüpfen an die Musikpraktiken, die eh schon stattfinden, ist lässiger, letztlich aufmerksamer als Herberts Masterplan. Herberts Jazz-Traum kennt ebenso wie sein House-Traum keinen Nietzsche oder Bataille. In Herberts Welt ist House wie Jazz Artikulationsraum des mündigen, einzelnen Individuums, das sich in der Spannung von Schönheit und Nutzen bewegt, die die bürgerliche Ästhetik und Kunstbetrachtung bestimmt. Für ihn ist Black Music kein Anderes, das als Grenze oder als Verunsicherung der eigenen Praxis funktioniert, sondern Gegenstand avancierten Klavierunterrichts, ein humanistischerer Blueprint.

Nachwort
Die intensivste, konfrontativste postkoloniale Erfahrung im Fernsehen der letzen Jahre war wahrscheinlich das Fußballweltmeisterschaftsspiel Brasilien gegen Deutschland. Wie kann der Ball ins Tor der anderen Mannschaft gelangen? Für die deutschen Spieler kann dies Ereignis nur durch eine optimierte bürokratische Organisation des Zuspiels und deren Beschleunigung eintreten. Das brasilianische Modell der plötzlichen Reaktion auf ein Ereignis, mit dem auch der Spieler selbst nicht gerechnet hatte, aus einer schwer fassbaren Haltung des Wartens heraus, ist für die Deutschen überhaupt nicht zu begreifen – sie können sich dazu nicht verhalten. Senor Coconut will sich in diesen anderen Ort hineinbegeben und sehen, wie seine strenge, avantgardistische Musik-Praxis moralisch agieren, intervenieren kann. Herbert geht es genauso um die moralische Intervention. Aber er setzt Zentren: sich als Autor, das anklagende Subjekt des politischen Diskurses, schöne Stimmen.

Wie sagten noch Alexa Hennig von Lange, die Agentur Bilwet und Frankie Goes To Hollywood? “Relax!“

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Elektronische Lebensaspekte.