”Borderline/ Grenzgänge” ist die zweite Arbeit der Hip-Choreografin Blanca Li an der "Komischen Oper" in Berlin. Und hip wie sie ist, hat sie sich Matthew "Herbert" Herbert als Komponisten gewählt, um ihre Spaßgesellschaftskritik auf hippem 12. Klässler-Niveau musikalisch zu begleiten.
Text: Aram Lintzel aus De:Bug 61

Tanz den Besinnungsaufsatz

Blanca Lis elektronisches Tanzprojekt “Borderline/Grenzgänge” mit Musik von Matthew Herbert

Mitten in Berlin steht die “Komische Oper”, ein komischer Kasten, von dem viele bis vor kurzem nicht so genau wussten, was dort passiert. Dann kam Anfang 2002 die Choreografin Blanca Li zur “Komischen Oper”, um ihr Glamour, Sex und generell Pop einzuhauchen. Auf einmal wurde das Haus bekannter, sowohl Boulevard- als auch Feuilletonschreiber berichteten ausgiebig von Blanca Li und ihrer tollkühnen Vergangenheit als durch die internationalen Szeneclubs streifendes Model. Außerdem hatte sich die andalusische Choreografin durch einige wirklich tolle Musikvideo-Choreografien für u.a. Blur, Daft Punk, Gorillaz einen Namen gemacht. Blanca Lis hippe Historie und Medienpräsenz machten gespannt auf ihre Choreografien. Im Prinzip hätte alles ganz schön werden können.

Die Welt ist schlecht
Vielleicht, so redete nicht nur ich mir vor dem Besuch der Premiere von “Borderline / Grenzgänge” ein, war Lis erste Produktion an der “Komischen Oper” ja nur ein Ausrutscher: “Der Traum des Minotaurus” gebärdete sich als kitschig-schwülstige, mit Billigsymbolen arbeitende Humoreske in Pierre & Gilles-Ästhetik. Jedoch: In der Demokratie hat außer Jürgen Möllemann jeder eine zweite Chance verdient. Zumal – das war das eigentlich Verlockende – für die Anfang Juni gestartete “Borderline”-Show Matthew Herbert die Musik produzierte. Das klang gut und vielversprechend. Um die Hoffnung zu wahren, musste man allerdings von den im Vorfeld gestreuten Li-Zitaten abstrahieren. Darin kündigte sich eine Art von Polit-Revue auf 12. Klasse-Projekttage-Niveau an: “Kriege z.B. sind krank, noch dazu, wenn sie von unserer sog. ‘zivilisierten’ Welt finanziert werden. Krank ist, dass unser Leben vom Konsum bestimmt wird, während auf der anderen Seite der Welt Menschen verhungern … Dazu kommen das Phänomen der Vereinsamung in den Großstädten, die Anonymität in unserer Gesellschaft …” etc. pp. Gut aufgepasst im Gesellschaftskunde-Unterricht, gratuliere!

160 Klischees per Minute
Also rein in “Borderline”. Ästhetisch umgesetzt wird diese verplumpte, auf den Hund gekommene Gesellschaftskritik hier in einer ausgeklügelten Musikvideo-Ästhetik. Dagegen ist nichts zu sagen, teilweise sieht es sogar echt schmuck und catchy aus. Doch so richtig will es auf der Bühne nicht funktionieren, die internationalen Tänzerinnen und Tänzer dürfen die Tiefe des Raumes kaum nutzen, die Choreografie bleibt unplastisch und seltsam zweidimensional. Das Gleiche gilt für die erzählerische Dramaturgie: Statt Überraschungen und Hinterfragung sieht man Menschliches Allzumenschliches im Pi-Pa-Pop-Format: Menschen beim Baden, Menschen beim Essen, Menschen beim Tanzen. Erkenntniswert: Nullkommanix. Gespickt wird das zu allem Überfluss mit einem unsäglich clownesken Zirkus-Humor.

Man muss beileibe kein Kulturpessimist sein, um es niederschmetternd zu finden, wie in “Borderline” die dunklen Seiten der sogenannten Spaßgesellschaft (Dekadenz, Individualisierung vor dem TV, Essstörungen, Fitnessterror etc.) visualisiert und angeprangert werden. Weil das auf der Vorderbühne in klischierten Körperbewegungen zwischen Konvulsion und Konstruktion Vollführte null Aussagewert hat, sind im Hintergrund Videoprojektionen mit Flüchtlingslagern, Antiglobalisierungsdemonstrationen und Kriegseinsätzen zu sehen. Die banale Botschaft: All das gibt es auch in der Welt. Mehr ist da nicht.

Verblödete Körper
Die entscheidende, weil mediumspezifische Schwäche des Stückes sind aber die Körperbewegungen (die beim Ballett ja wohl das Wichtigste sein sollten). Von wegen “Borderline” und so: Die von Li ausgedachten Ballettbewegungen überschreiten nichts, berühren nicht mal irgendeine Grenze – im Gegenteil: Die Körper wirken wie verblödete Klischeekörper; rein illustrativ bewegen sie sich zu den Herbert-Beats. Angesichts der funky Kritik, die Li an “Normalität” zu üben meint, sind ihre entleerten, hypernormalen und affirmierenden Darstellungen von Körper, Liebe, Sex und zwischenmenschlicher Kommunikation das eigentlich Erschreckende. Völlig zurecht wird Blanca Li nach der Premiere ausgebuht. Bleibt die Frage: In was ist Matthew Herbert da bloß hineingeraten? Seine subtil geräuschige, im zweiten Teil auch im Radioboy-Sinne hart treibende House Musique Concrète war neben den teilweise schön anzusehenden Kostümen der einzige Trost in diesem erschütternd uninspirierten Schauspiel.
Dank an Isabelle Graw

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Elektronische Lebensaspekte.