Michael Döringer im Gespräch mit Oberherkules Andy Butler
Text: Michael Döringer aus De:Bug 149

Hercules & Love Affair

Ein ungeschriebenes Gesetz der Popmusik geht so: Die zweite Platte ist die schwerste, sie markiert den Moment, an dem sich Hypes die Hälse brechen und sich wahre Substanz zeigt. Je stärker das Debüt, umso höher ist die Hürde in der nächsten Runde. Für Hercules & Love Affair könnte die Fallhöhe nicht größer gewesen sein, denn ihr selbstbetitelter Erstling war 2008 noch im letzten Dorffeuilleton umjubelter Konsens und machte Disco plötzlich megacool. Mit “Blue Songs” kommt nun der Nachfolger.

Der Hype damals hat glücklicherweise nicht gehalten. “Blind” war zwar lange präsent, aber wurde nicht im Hitradio tot gespielt. Ansonsten würde sich die Begeisterung über eine neue Hercules & Love Affair-Platte deutlicher in Grenzen halten. Aber so: very welcome. In den vergangenen zwei Jahren hat sich für das ehemalige New Yorker Projekt in mehrerer Hinsicht viel getan. “Blue Songs” geht mit neu gemischten Karten an den Start: Man hat erstens das Label gewechselt, von DFA zu Moshi Moshi Records, mit Patrick Pulsinger zweitens einen neuen Produzenten gefunden und drittens neue Stimmen ins Boot geholt: Antony Hegarty und Nomi raus, Kim Ann Foxman ist geblieben und wird flankiert von Shaun Wright, Aerea und Bloc Partys Kele. Noch dazu hat Oberherkules Andy Butler seine Homebase vom fancy New York ins verschlafene Denver verlegt.

Alles neu also? Nicht ganz, denn der hochaufgeladene Discopop für alle jungen Halbgötter auf der Tanzfläche bleibt wiedererkennbar, ohne eine bloße Neuauflage zu sein. Andy Butler ist mehr denn je das Herz von Hercules & Love Affair, auch wenn er sein Projekt gerne als Band wahrgenommen sehen will und das endgültige Gelingen nicht zuletzt auf einem Wechselspiel zwischen Songschreiber und Sängern, Idee und Performance beruht. Aber ohne Andys Vernarrtheit in Disco und Chicago House, seine Vorliebe für queere Künstlertypen und seine entzückende Persona könnte dieses Projekt nicht existieren.

Debug: Ihr supportet gerade Gossip in Deutschland. Angst davor, ähnlich populär zu werden?

Andy Butler: Für eine amerikanische Band ist es schwer abzuschätzen, was mit ihr in Europa passiert. Ich wusste nicht, was kommt, als unsere erste Platte erschien. Mir war bewusst, dass Antony eine große Fanbase hat und dass DFA ein Hype-Label ist, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass alle Leute “Blind” mitsingen würden. Gossip spielen in den Staaten zwar auch in großen Venues, doch sie haben keine Radiohits wie hier. Wir sind aber wohl doch ein bisschen schwuler und clubbiger, noch tiefer in der Szene.

Debug: Welche Art von Popularität würdest du dir denn wünschen?

Andy: Ich hoffe, dass die Leute bei uns dieses andere Verständnis von Popmusik erkennen. Pop muss nicht völlig hohl und überproduziert sein, man muss gar nicht dieses Eurotrance-Ding aufkochen oder ständig Songs über Handys machen. Davon habe ich echt genug. Wir sind zwar ein Haufen seltsamer Gestalten mit komplett verschiedenen Hintergründen und Identitäten, aber das ist der neue Look, eine neue Idee von Pop auf eine gewisse Art. Pop kann eben doch ein bestimmtes Maß an Tiefe und Substanz haben und trotzdem Spaß machen!

Debug: Für dein eigenes Label Mr. Intl hast du die Devise aufgestellt, dass alle Releases klingen sollen wie aus der Zeit zwischen ’85 und ’94. Wie ist das bei HALA?

Andy: Viel offener, ich möchte mir da gar keine Grenzen setzen. Ich will die Möglichkeit haben, einen Folk-orientierten Ambient-Song schreiben zu können, der irgendwo zwischen Ultramarine und Brian Eno liegt. Wie eine Mischung aus einer Ambient-Techno-Band und einer Psychedelic-Folk-Band von 1972, wenn du dir das vorstellen kannst.

Debug: Solche Stilmixe findet man auf “Blue Songs”, wenn auch nicht ganz so extrem. Das ganze Album hast du interessanterweise mit Patrick Pulsinger in Wien produziert. Wie kam das denn?

Andy: Ich habe in New York diesen durchgeknallten Typen Wolfram alias Diskokaine getroffen, der mir unbedingt einen Gig in Wien klarmachen wollte. Er ließ nicht locker und schrieb irgendwann: “OK, jetzt musst du kommen, denn ich will, dass du Patrick Pulsinger triffst. Er hat ein unglaublich gutes Studio und ich weiß, dass du einen Ort suchst, wo du dein Album perfektionieren und fertig machen kannst.” Also tat ich es und begann mit Patrick an einem Techno-Track als erstes Release für mein neues Label zu arbeiten. Ich dachte: eigentlich perfekt, Patrick ist einer aus der klassischen Techno-Schule, mal sehen, was passiert. Und er hatte jedes Teil an Equipment, von dem ich hätte träumen können, außerdem ein unglaublich gutes Ohr. Der Mann ist ein Genie und obendrein ein total lieber Mensch. Deswegen habe ich ihn nach zwei Tagen Arbeit an dem Track einfach gefragt, ob er mein ganzes Album produzieren möchte. Ich war daraufhin monatelang in Wien.

Hercules & Love Affair 2

Debug: Von Colorado nach Österreich, das passt. Wieso hast du New York verlassen und bist zurück in deine Heimat Denver gezogen?

Andy: Ich bin seit einem Jahr wieder dort, nachdem ich zwölf Jahre in New York gelebt hatte. Nach dem letzten Album hatten wir eine Tour nach der anderen, und als ich irgendwann zum x-ten Mal wieder in JFK ankam, hatte ich die Schnauze voll. Ich wollte so nicht mehr leben und musste weg. Meine ganze Familie lebt auch noch in Denver, was mir sehr geholfen hat beim Erholen.Trotzdem habe ich sofort wieder angefangen zu arbeiten. “Meine” Künstler kommen jetzt immer zu mir nach Denver. Kim Ann Foxman kam aus Barcelona und blieb eine Woche lang, in der wir ihre Single “Creature” gemacht haben. Allen gefällt es da, weil es für sie so fremd wirkt. In Denver gibt es Berge, jeder auf der Straße grüßt dich und die Luft riecht gut.

Debug: War der Stress auf Tour auch ein Grund, wieso sich euer Line-Up geändert hat?

Andy: Es hatte viel damit zu tun. Denn so erfolgreich die Platte auch war, sie war unsere erste. Und das heißt, dass man auf Tour nicht so behandelt wird wie die Rolling Stones. Der Transport von acht Musikern und drei Technikern ist nicht billig, aber wir bekamen Angebote, die finanziell einfach nicht ausreichten. Es war ein Horrortrip, weil wir viel gespielt haben und trotzdem nur gerade so über die Runden gekommen sind. Wir haben noch den letzten Cent unseres Budgets aufgebraucht und ich wurde nie bezahlt, keine müde Mark für über 60 Shows. Doch ich habe das Line-Up nicht geändert, um Geld zu verdienen, sondern weil ich die Musiker dieser Situation nicht länger aussetzen konnte. Es gibt aber auch einen musikalischen Grund: Ich wollte die Ästhetik clubbiger haben und dass sich alles wie eine richtige, verdammte Techno-Show anfühlt, wo dir der Bass in die Brust fährt und dich die Claps im Gesicht treffen. Schluss mit dem wonky Funkding! Natürlich lag das auch an mir und meiner Faszination für Disco-Romantik. Aber das hat sich ein bisschen geändert und ich hoffe, dass die neue Platte das zeigt. Ich glaube, dass ich es geschafft habe, einerseits ein paar wundervolle Songs mit starker Atmosphäre zu schreiben, andererseits einige krachige, jackin’ Tracks.

Attitüde, Aggression, Entblößung
Schon die ersten Takte der Platte lassen alle Zweifel verfliegen, dass in dieser Hinsicht etwas schiefgehen könnte. Die Bassdrum in “Painted Eyes” pocht analog und warm mit 125 BPM los, ein melodiöser Bass-Groove kommt dazu und wird umrankt von verhaltenem Flötenspiel. Herkules, ick hör dir trapsen. Dann setzt die erste Engelsstimme ein und alle Gefühlswallungen, in die einen “Blind” je versetzte, sind sofort reaktiviert. Am auffälligsten ist das Fehlen von Antonys Überpräsenz. Seine Stimmgewalt war zwar die endgültige Veredelung der alten Tracks, doch wie man erst jetzt merkt, hat sie den Songs auch Platz zum Atmen genommen. Und so wirkt “Blue Songs” entschlackt und frisch, kleinteiliger, offener und weniger pompös.

Debug: Willst du mit der neuen Platte auch andere Gefühle oder Emotionen beim Hörer ansteuern?

Andy: Oh ja. Auf der ersten Platte ist für mich “You Belong” der einzige Track, der … wir haben in den Staaten da ein Wort: to feel cunn, was so viel heißt, wie sich verdammt gut oder heiß zu fühlen. Ich wollte mehr Songs dieser Sorte auf der Platte haben. Ungefähr so: Du bist zu Hause, machst dich fertig für die Nacht, schaust in den Spiegel und denkst dir einfach: “I fucking look cunn!” Davon wollte ich mehr: Attitüde, Aggression, Entblößung. Aber daneben auch introspektive Momente, die sich tief und persönlich anfühlen. Das war die erste Platte natürlich irgendwie auch, aber einige Texte auf dieser Platte handeln von traurigen Episoden aus meinem Leben, schweren und zornigen Momenten.

Debug: Du schreibst also alles selbst. Wie weit sind deine SängerInnen dann in den kreativen Prozess involviert?

Andy: Das ist bei jedem unterschiedlich, je nachdem, wie viel jemand geben will. So war es von Anfang an mit Antony und Nomi, jeder hatte ein anderes Arbeitsverhältnis zu mir. Kele zum Beispiel habe ich eine einfach Gesangsidee gegeben, die er sofort zu einer kompletten Melodie ausgebaut hat. Kim Ann mag es dagegen lieber, wenn ich ihr klare Anweisungen gebe. Das Arbeitsverhältnis zu den Künstlern richtet sich ganz nach der Tiefe unserer Freundschaft. Wenn ich mich nicht gerne in ihrer Nähe aufhalten würde, dann würden wir wohl nicht allzu viele Songs zusammen machen.

Zuletzt plaudern wir noch über Songs in Autowerbungen, und kommen auf Diplo. Andy bricht ab: “Ich möchte unbedingt mit Diplo Sex haben. Schreib bitte: Das letzte, was Andy gesagt hat, war, dass er un-be-dingt zumindest mit Diplo rumknutschen, aber im besten Fall Sex mit ihm haben will.” Wir wollen dem Glück nicht im Wege stehen.

Hercules & Love Affair, Blue Songs, ist bei Moshi Moshi/Universal erschienen.

http://www.moshimoshimusic.com

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