"I'm a Cork on the Ocean", sangen die Beach Boys in ihrer Sonnen-verfinstersten Phase. Thaddeus Hermann und Christian Kleine drucken ihr "Herrmann & Kleine" auf den Korken und tanzen Wolken-aufgeklart über die Flageolett-Wellen.
Text: rené margraff aus De:Bug 58

Ich will eine Band gründen

Geduld ist immer noch nicht meine Stärke… “Na endlich!” dachte ich mir vor ein paar Monaten, als ich eine CD von City Centre Offices in den Briefkasten bekam. Drin war Christian Kleines Debüt “Beyond Repair+-“. Genau das gleiche “Na endlich!” dachte ich mir vor kurzem dann wieder. Dieses Mal Post von Morr Music. Im Umschlag: “Our Noise” von Herrmann & Kleine. Feinster Plinkerpop-Nachschub, von dem ich nie genug zuhause haben kann.

To here knows when
Lange hat es gedauert, Thaddeus Herrmann weiß gar nicht mehr warum. Ich kann es allerdings ahnen. Während Christian Kleine zwei super Soloplatten veröffentlicht hat und nun die Audiosoftware-Entwickler von Ableton unterstützt, hat Thaddi neben seinem Job bei einer Zeitschrift für elektronische Lebensaspekte das Label City Centre Offices einen ganz großen Schritt weiter nach vorne gebracht. Die Platten von Ulrich Schnauss und Static seien nochmals ganz arg empfohlen.
Im letzten Herbst hörten Thaddi und Christian dann endlich mal an, was sie an zahlreichen Sonntagnachmittagen zuvor aufgenommen hatten. Gut, dass sie erkannten, dass es Zeit war, den ersten Herrmann & Kleine-Longplayer endlich fertig zu stellen.

Blown a wish
“Our Noise” geht vor allem so: verspielte Melodien, fusselige Flächen und Kopfnick-Rhythmen galore. Diese Musik rettet bestimmt nicht nur mir Tage und manchmal sogar Wochen. Was auf den EPs “Transalpin” und “Kickboardgirl” begann, wird auf dem erstem Album von Thaddeus Herrmann und Christian Kleine selbstverständlich erweitert und verfeinert. Angekündigt hatte sich das ja schon mit ihrem Remix für Lali Puna und Bomb the Bass.
Auf “Our Noise” gibt es Tracks wie “Her Tune” oder “Headlights”, die auch auf “Kickboardgirl” gepasst hätten: Stehende Akkorde und Panoramamelodien erzeugen das, was ich Deepness nenne. Dazu gibt es dann sich überschlagende Beats, die zwar vertrackt und teilweise knarzig gefiltert werden, aber nie vergessen, dass sie vor allem eines sollen: kicken.
“Her Tune” ist auch der Abschied vom Kickboardgirl. Wo sie hin ist? Keine Ahnung. Wahrscheinlich hat sie sich vom Trendsport verabschiedet und sitzt nun auf einer Bank am Ufer des Flusses, den die Rückseite des Covers abbildet. Dabei hat sie die neue Herrmann & Kleine im Kopfhörer und schreibt eine Postkarte nach Berlin.

Trotzdem kein Grund depressiv zu werden, finden sich auf “Our Noise” doch so viele schöne Momente, die zeigen, dass auch Thaddi und Christian schon wieder unterwegs sind und sich nicht auf ihrem eigentlich doch schon sehr perfekten Sound ausruhen. Das wäre zwar auch nicht weiter schlimm gewesen, doch mit den Neuerungen ist es logischerweise schon spannender. Einige Stücke auf “Our Noise” sind etwas ruhiger ausgefallen und auch die Gitarre kommt häufiger zum Einsatz. Gleich der Opener “Drop” hypnotisiert mit tiefen Bassakkorden und flirrenden Flageolett-Gitarrenklängen.
Im Elektronika-Wald wandern die beiden also eher die Indietronics-Pfade. Fein so. Bei Thaddi lagen in letzter Zeit die alten Platten von Slowdive oder Adorable wieder häufiger auf dem Plattenteller. So allein, wie er zunächst glaubte, ist er damit aber gar nicht. (Wo verdammt noch mal bleibt eigentlich das Shoegazer-Revival?!) Also passt es ganz gut, dass die zweite Seite des Albums mit “Blue Flower” von Slapp Happy beginnt, einem Stück, das neben den Anorakhelden Pale Saints auch schon Mazzy Star gecovert haben. Gesungen wird das Stück bei Herrmann & Kleine von Ariane Hensel. Ich dachte erst, ich hätte versehentlich eine Belle & Sebastian-LP aufgelegt, dann kam allerdings eine solide Gitarrenwand ums Eck und erst als ich mich auf die Beats konzentrierte, erkannte ich, dass das tatsächlich Herrmann & Kleine sind. Um das ganze Geschreibe über alte Gitarrenbands hier dann mal abzuschließen, sei noch erwähnt, dass es auch von Galaxy 500 eine Platte gibt, die “This is our Noise” heißt. Schon gut, genug Details für Nerds. Kommen wir zu aktuellen Dingen…

What you want
In einem Artikel für die Groove schrieb Thaddi: “Ich will eine Band gründen!” und schwärmte über Bands wie Hood oder Fridge. Nein, auf Ohrenpfeifen in engen Proberäumen mit nörgelnden Bassisten oder cholerischen Schlagzeugern hat niemand Lust, aber wenn eines in den letzten Monaten klar wurde, dann das: Egal wie viel Rechenleistung der Rechner hat und wie viele Plug-Ins das Audioprogramm schafft, charmanter, innovativer und liebenswerter sind oft die Platten, bei denen auch traditionelle Instrumente, Stimmen oder sonstige Anzeichen von menschlichem Leben hörbar werden. Bitte versteht das nicht als “Analog ist besser”-Plädoyer. Was neu ist bei den erwähnten Bands: Im Gegensatz zu den vielen Dudel-Postrockies brachten diese Platten und auch die von Dntel oder Múm die “echten” Elemente nicht schlimm supervirtuos ein (Stichwort: “Echt gut gespielt, ey…”), sondern rufen wirklich Lust auf mehr Klänge dieser Art hervor. Wie was dann aufgenommen worden ist, interessiert nicht wirklich, denn nichts ist langweiliger als Tech-Talk.

Loomer
Christian Kleines Soloplatten sind ruhiger als “Our Noise” und Thaddi meint, dass es wohl schon definitiv er sei, der für die verzerrten Sounds zuständig sei. Eine klare Rollenverteilung aber gibt es bei Herrmann & Kleine nicht. Beide basteln an Beats und Melodien gleichermaßen. Sicherlich haben aber beide dabei unterschiedliche Schwerpunkte. Christian Kleines Arsenal an hiphoppigen Beats und glasklaren Synthietröpfeleien scheint genauso unerschöpflich zu sein wie Thaddis Gespür für das korrekte Filtern und Zerknirschen von Breaks und Drones für die Unendlichkeit.

Die unterschiedlichen Charaktere von Herrmann & Kleine können sehr gut bei Liveauftritten beobachtet werden: Christian Kleine schaut meist konzentriert auf seinen Monitor oder begleitet auf der Gitarre, Thaddi steht zeitgleich in etwa einem Meter Abstand vor seinem Laptop und rockt und nickt, je nach Lautstärke der jeweiligen Beats, eifrig mit. Kann das bitte mal jemand als Comicstrip malen?

Das Wirken von Christian und Thaddi konzentriert sich auf Berlin. Hier wird gearbeitet und produziert. Hier sitzen auch die Freunde wie etwa Thomas Morr. Dennoch wurde mir versichert, dass Herrmann & Kleine genauso gut aus Kassel oder sonst wo her kommen könnten und vermutlich genau die gleiche Musik dabei herauskäme.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Tour der beiden zusammen mit Static im Frühjahr auch in eure Nähe kommt.

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Elektronische Lebensaspekte.