Auf "Masterview" von Hexstatic geht es der Musik genauso wie dem Video. Klar, denn bei den Engländern sind beide Kunstformen seit jeher gleichermaßen mix- und formbar. Live noch holistischer als auf DVD.
Text: Benjamin Schoene aus De:Bug 88

Hexstatic – Masterview
Fusion von Bild und Ton

Zuerst war die Musik, dann das Musikvideo. Das kann man auf die Musikgeschichte beziehen, aber auch auf jeden einzelnen Track, zu dem jemals ein Video gedreht wurde. Zwar ist das Musikvideo im Laufe der Zeit von einer reinen Werbemaßnahme zu einer eigenen Kunstform herangereift, trotzdem spielt es immer die zweite Geige. Es wird auf Musik ausgerichtet, die bereits vor seiner Produktion existiert und gleichzeitig dessen Existenzberechtigung ist.

Auch die Clips auf Hexstatics “Audio Visuellem”-Album “Masterview” ergeben ohne Musik wenig Sinn. Was sie jedoch von “normalen” Musikvideos unterscheidet: Der Musik geht es genauso wie dem Video. Auf sich alleine gestellt funktioniert sie nur noch halb so gut, plötzlich fehlt ihr das letzte Quäntchen Eigenständigkeit. Dafür verantwortlich ist der Bruch in der oben beschriebenen Reihenfolge Musik – Video. Bild und Ton sind in der audiovisuellen Schmiede von Stuart Warren Hill und Robin Brunson gleichrangig, werden von Anfang an zusammengeschmolzen, im noch flüssigen Zustand in die Form gegossen, und erstarren anschließend zu einem fest verbundenen Gussstück. So bekommt jedes Geräusch seine visuelle Entsprechung oder umgekehrt jede visuelle Erscheinung ihr entsprechendes Geräusch.

Also dann, rein mit der DVD, mitgelieferte 3-D-Brille aufsetzen, aufs Sofa pflanzen, Pfeifchen stopfen, und los geht’s. Beim ersten Clip “Extra Life” werden Zocker älteren Jahrgangs in süße Nostalgie verfallen. Alte Ballerspiel-Klassiker scrollen pixelig über den Bildschirm, die Höhe der Landschaft steigt und fällt mit der Tonhöhe der japanisch angehauchten Melodie, das Raumschiff bewegt sich rhythmisch zum Beat. Drei Clips später dann “L-Virata”, das mit Abstand verspulteste Machwerk auf der sowieso schon recht strangen “Masterview”. Ein quadratschädeliger Fernseher rivalisiert mit einer Lautsprecherbox, mal tanzen sie, mal veranstalten sie ein Wettrennen mit handgetriebenen Schienenfahrzeugen oder verwandeln sich in torpedo-abfeuernde Zeppeline. Ein scratchender Disco-Affe und eine Stachel-scheißende Hornisse sind weitere Akteure. Natürlich alles synchron zur Musik, ein wahrer Genuss. Und der hält an, z. B. mit singenden Papageien in “Perfect Bird” oder dem Rapper Juice Aleem in “Distorted Minds”, aus dessen Mund Bild-Metaphern quellen, während sein Gesicht permanenten Mutationen unterworfen ist.

Wem das gefällt, der sollte Hexstatic live erleben. An den von ihnen mitentwickelten Pioneer DVJ-X1-Decks verwischen sie die Grenzen zwischen Hörbarem und Sichtbarem vollends. Zusätzlich zum DVD-Material werden Ausschnitte aus Filmen und Musikvideos ins Set eingesponnen und aus ihrem gewohnten Kontext herausgerissen. Das führt dann zu einer regelrechten Gehirnwäsche, am Ende tauchten bei mir Fragen auf wie: “Habe ich Queens ‘We will rock you’ gesehen oder doch nur Freddy Mercurys Bild gehört? Welche Sinneseindrücke haben sich über den Sehnerv, welche über den Gehörgang in mein Gehirn eingeschlichen?” Tanzbar ist das dann nicht mehr wirklich, da die Visuals sehr viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das macht aber nichts, dann wackelt man eben mit den Wimpern. Ob im Club oder auf DVD, Hexstatic schreiben zwar nicht die Geschichte des Musikvideos neu, sind aber eine der wenigen, die den Begriff “Musik-Video” tatsächlich als Einheit auffassen.

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Elektronische Lebensaspekte.