Die Mainstream-Tauglichkeit von R&B, wie man ihn täglich auf MTV sehen kann, ist unbestritten. Und eine Parodie im Indie-Bereich längst überfällig. Aber das ist nicht die Motivation für den musikalischen Wandel von Will Schwartzs Projekt Hey Willpower. Er hat einfach Bock auf sexy Lyrics und dicke Beats. Ironisch klingt das aber trotzdem.
Text: Timo Feldhaus & Nina Franz aus De:Bug 107

Weißbrot-R&B

Das große Jucken
Hey Willpower

Eine der ganz großen Fragen des Pop ist noch immer ungeklärt: Mit wie viel Selbstironie blicken die genuinen Formen des R&B auf sich selbst. Was ist noch authentisch und wo fängt die Parodie an?
Was wäre, wenn Acts wie R. Kelly, Usher oder Justin Timberlake den ganzen Unsinn, den sie nun mal singen, überhaupt nicht ernst nehmen und alle Hörer mit Heiße-Schlitten-Skills und Frauenfeindlichkeit nur verscheißern? Ist das postmoderne und geil klingende Projekt Snoop generelle Praxis oder geniale Ausnahme?
R. Kellys wahnsinniger 14-teiliger Videozyklus Trapped in the Closet, zum Beispiel, spottet in seinem Irrwitz jeder Beschreibung und steigt gerade dadurch zu absoluter Komik auf, dass das ja unmöglich ernst gemeint sein kann.
Die Frage ist gut von der anderen Seite anzugehen: Von da, wo Hey Willpower her sind. Die machen auch R&B, aber anders.

Auf der guten Seite

R&B-Musiker sind in der Regel nicht weiß, nicht schwul und haben auch früher nicht Sonic Youth gehört. Im musikalischen Ouevre des R&B gilt es ebenso wenig als gängige Praxis, abgewetzte Röhrenjeans zu tragen. Man schaut einfach nicht aus wie ein Gossenbohemien oder Art-School-Student. Es wird auch nicht mit Le Tigre getourt, nein, schon gar nicht tritt man als gemischte Combo auf.
Und trotzdem macht Sänger Will Schwartz mit seinem Projekt R&B, der Beats hechelt, und mit Schlafzimmerstimme singt er Oktaven darüber, die für die MTV-Generation schlüssige Metaphern für Spitzenunterwäsche und Satinbettlacken ergeben. R&B eben, der manchmal nach Boygroup klingt, manchmal nach Casiopop und immer nach D.I.Y. Bootyshake.
Eine Audienz bei Timbaland verschafft Hey Willpower das allerdings nicht. Also was wollen sie? Den Mainstream veralbern? Oder dem aufgeklärten Tomlab-Publikum was zum Lockermachen geben?

Es ist nichts großartig Neues, dass Musiker die ihnen zugewiesenen Pfade verlassen, sich selbst auf das Glatteis unbekannter Mainstream-Orte bewegen (kein Ort etwa, der so weit weg und exotisch anmutet wie das MTV-Nachmittagsprogramm) und mit Charttauglichkeiten rumspielen. Ist ja auch einfach: Man schaut Musikfernsehen, denkt: Gibt’s doch nicht. Ist ja alles vollkommen krank, aber die Beats sind eigentlich geil. Das ganze Ding, in meine eigenen Indiestyles gedreht, müsste doch eine augenzwinkernde und rockende Nummer abgeben. Spaß könnte es machen. Und das wäre doch mal was, Indie und Spaß.

Auch Hey Willpower sind Indie-sozialisiert, das kann man in Will Schwartz anderer Band Imperial Teen nachhören. Dann hat er aber Tomo kennen gelernt, der wiederum eigentlich lieber Elektronika mag. Wie daraus R&B und Popperlen wurden, ist nicht weiter zu erklären. Das so etwas überhaupt geschieht, ist ja viel interessanter. Denn die moderne Aneignungs- und Umformungsattitüde funktioniert, ohne dass Authentizität eingebüßt würde. Muss man sich mal vorstellen, früher wäre ein Rocker auf die Idee gekommen, zwischendurch mal bisschen zu rappen.
Gerade Sounds und Haltungen, die ehemals ausschließlich dem Mainstream zugeordnet wurden, werden sich mal schonungsloser, mal zärtlicher einverleibt. Und nie ist ganz klar, wie ernst das gemeint ist.

Auf verschiedensten obskuren Labels findet sich plötzlich eine Inflation bisher dort ungehörter HipHop-, Elektronik- und Popeinflüsse. Viele Musiker setzen sich ab vom zum Cliché erstarrten Emo, vom immer dogmatischeren Indiefolk und von den auf Dauer angestrengten Noise-Improvisationen. Das geschieht auf K-Records oder Winzig-Labels wie Marriage Records und Westernvinyls. Allen voran das in Portland ansässige Label States Rights Records gab mit seiner “BroZone“-Compilation vom letzten Sommer sein Debüt in Sachen Mainstream-Hommage. Hier kann man hören, wie Casiotone for the Painfully Alone Missy Elliot covern, wie die Dirty Projectors Black Music mit Klassik verbinden oder Jibb Kidder ein Lied aus Deep New Orleans HipHop Samples von Dyme Girl Drell zusammenwebt.
Überall trieft es nur so vor HipHop-Referenzen und konkreten Beats. Die wohl hinreißendste Verbindung von Indie mit R&B gelingt dem Duo The Blow, das inzwischen, genau wie Hey Willpower, auch auf Tomlab und damit in Europa angekommen ist. Hier hüpft eine zierliche Khaela Maricich in Jeans und T-Shirt zu den Beats des sonst eher experimentell orientierten Laptop-Fricklers Jona Bechtolt, der sich sonst Y.A.C.H.T. nennt und schon mit, natürlich, Devendra Banhart auf Tour war.

Nun könnten diese Ansätze als Versuch ausgelegt werden, per Zitat den Mainstream ironisch auf die Schippe zu nehmen. Nicht weniger kann man es aber als ernst gemeinte Liebeserklärung verstehen.

Selbstironie im R&B

Allen, die bei Hey Willpower eine Spur von Ironie erwarten, erteilt Will Schwartz eine klare Absage. Ohne einen Hauch von doppeltem Boden, in ehrlichster amerikanischer Weltverbesserermanier erklärt er:
“Ich glaube, dass unser Publikum irgendwie ‘befreit’ ist, nicht eingeschränkt von den Parametern, die ihnen vorschreiben, was sie hören sollen. Wir machen etwas, das sich nicht so einfach konsumieren lässt. Nicht, dass ich irgendwas dagegen hätte, was Ciara, Cassie, Kelis oder 50 Cent machen – ich liebe diese Leute. Aber diese Art von Image für mich zu präsentieren, wäre nicht echt.“

Musik mit ironischer Brechung und Reflexionsmoment ist uns lieber. Klar, erst mal muss es gut klingen, aber möglichst wollen wir die auch schlau finden, oder wenigstens witzig. Gerade dann, wenn Kategorien wie Authentizität wegbröckeln und eins ins andere pendelt. Zwar können die smarten Indietypen wie Hey Willpower nur selten mit den schicken Produktionstechniken und originellen Klangwelten eines Pharrell mithalten. Ihr Privileg aber ist die Schlauheit.
Zuletzt bleibt beim straight strahlglitzernden R&B ein unangenehmes Jucken in der Magengegend, was daherrührt, das bei aller Undurchsichtigkeit und Hang zu Unwahrscheinlichkeit doch durchscheint: Was die da oben machen, ist eben kein Witz. Durch R. Kelly spricht schonungslos und strunzdumm völlig einfacher Chauvinismus und der pathologische Wahnsinn der Musikindustrie.
Wohingegen die anderen Seite eben auch die sichere ist: Die verschmitzte chartuntaugliche Form mit der Indiewurzel denkt die ironische Selbstbeobachtung gleich mit und hat doppelt Spaß an dicken minimalen Beats mit sexy Lyrics. Ganz ohne Jucken.

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Elektronische Lebensaspekte.