Text: Hi-Logen aus De:Bug 19

Hi-Logen Grow und Central, Tin und Duke,Suchen und Warten ”Im Moment sind wir sehr daran interessiert, Techno zu machen, obwohl wenige gute Technopartys laufen, oder gerade deshalb.” Das “gerade deshalb” unterstreichen Tin (Martin Retschitzegger) und Duke (Michael Peter) nicht mit dem Brotmesser fuchtelnd, sondern droppen es gelassen zwischen zwei hausgemachten Wiener Kipferln. “Ich glaube, man erlebt nur einmal im Leben einen echten Begeisterungsschub. Das war bei uns Techno.” Die geteilte Liebe zur Musik ist immun gegen Konjunkturschwankungen, da braucht man keine Sendungsbesessenheit zu entwickeln. Das Produzentenduo Hi-Lo wohnt, kocht und produziert zusammen. Eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, die so wohlig polstert, daß man sich nicht immer gleich nach außen recken muß. Ihre Musik soll ihren Platz finden – Tin hat immerhin drei Jahre in Wien den Space Jungle-Club veranstaltet – , aber das muß nicht erzwungen werden. Trägt man seine Begeisterung in die Welt, melden sich aus der Welt die Begeisterten. Die Wien-Detroit-Connection Der erste Begeisterte war Rob Hood. Weil bis zu seinem DJ-Termin, zu dem ihn Tin 1995 nach Wien eingeladen hatte, noch Zeit zu vertreiben war, spielten Hi-Lo ihm eigene Tracks vor. Was sie selbst für unvollkommen hielten, veröffentlichte Rob Hood augenblicklich als Memory Foundation auf seinem Label M-Plant. Dan Bell zog mit der zweiten Hi-Lo-Veröffentlichung als Ratio auf seinem 7th city-Label nach. Die Rückenstärkung behebt die letzten Bedenken gegen eine eigene Labelgründung. Noch im gleichen Jahr melden sie Central als Exklusivoutlet für ihre eigenen Produktionen an. Zwei Entitäten, vier Identitäten Als Memory Foundation, Skinless Brothers, Ratio, Die Rhythmiker spannen Hi-Lo das traditionelle Detroit-Band sehr weit zu sich herüber, ohne es abreißen zu lassen. Künstlerische Antiravereservate wie Intelligent- oder Minimal-Techno wären für sie (nicht generell für andere) ein illegitimes Abweichen von ihrem Ausgangspunkt. Sie pflanzen unermüdlich auf der kontaminierten Erde weiter, die die Großraveoffensive zurückgelassen hat. “Es wird zum Problem, wenn man sich durch andere Möglichkeiten ablenken läßt. Man soll auch bei einer Sache bleiben und versuchen da weiterzukommen.” “Wir müssen uns öfter Vorwürfe anhören, was man macht, sei nicht mehr so innovativ. Aber für uns ist eine Weiterentwicklung dessen, was wir begonnen haben, schon wichtig.” Weiterentwickelt werden soll vor allem der Sound. “Sound” ist ein zentraler Begriff in ihrer Selbstdarstellung. Ihr Techno rollt als PS-starker Tieflader heran, der mit scharfkantigem Analogmüll beladen ist. Der Analogmüllsound wird so chirurgisch exakt definiert, daß er sich einem einzuschneiden scheint. “Kühle Stimmungen, das klassische futuristische Feeling ist zu häufig verlorengegangen.” Die Sounds erinnern den Tänzer unweigerlich daran, daß Techno mal mehr war als der vierviertel Rhythmusgeber in der Stroboskop-/ Nebeldimensionsauflösung, ohne Tresor-inkompatibel werden zu müssen. Das Ergebnis beharrlichen, “passionierten” Verfolgens eines Weges. Hi-Lo arbeiten nicht in die Breite sondern in die Tiefe. “Der erste kreative Schub ist irgendwann weg. Da muß man dann durch” und wird belohnt. “Central ist unsere Visitenkarte”. Die fünfte Identität Das heißt nicht, daß ihre Houseveröffentlichungen als Hi-Lo auf ihrem zweiten, zeitgleich gestarteten Label Grow! Feierabendfingerübungen wären, Ausgleichssport oder so. Das heißt aber, daß die Housestücke immer nur one step away from the Techno lagern. Im Entstehungsprozeß wechseln die Stücke denn auch oftmals zwischen dem Grow!- und dem Central-Claim. “Ich bin gerne genau dazwischen”, setzt Tin sowohl für seine DJ- wie für seine Produzentenarbeit fest. Wenn Hi-Lo bei Central (mit allen Abstufungen von Projekt zu Projekt) den hochfrequentigen Mittelgrund scharfstellen, halten sie bei Grow! das Stethoskop an die Bassbox. “Man nimmt zurück, läßt Elemente weg, schaut, wie gut bekommt man die Basis hin.” “Wie funktioniert das da unten.” “Mit Basiselementen arbeiten”, nicht Samples oder Melodiehooks ausstellen, nicht mit Konfetti werfen. “Wir wollen nichts schreierisch in den Vordergrund setzen.” Diese Non-Frivolität ist das stimmungsverbindende Element zwischen den sounddifferenten Labelprogrammen. Techno und House sind zwei Spalten des gleichen Blattes, nicht zwei verschiedene Blätter. Entgegen den aufmerksamkeitsfordernden Klanganrufungen ihrer Central-Tracks verstecken sich die Grow!-Release hinter einer Attraktionslosigkeit, deren Eigenart einem nicht entgegenkommt. Ein mattschwarzer Wagen ohne Beleuchtung. Erst wenn man sich fast überfahren lassen hat, sieht man, daß es eine custommade Limousine ist. Von ihrer ersten Glory B.-Maxi, die mit leicht linkischen Rhythmen das Herz jedes Selfmade-Sentimentalisten erweichte, bis zu ihren letzten Hi-Lo-Stücken sind sie im Abtragen immer trittfester geworden. Selbst die Dubtechnik des Weglassens wird nicht (wie bei Rhythm & Sound) als Fremdgenreaneignung thematisiert. Gerade in dieser Graue Maus-Haftigkeit entwickeln die Hi-Lo-Tracks Charakter. Sie sind deep wie in: stille Wasser sind tief. Zwischen Grow! und Central liegt genug Brachland, das Tin und Duke von beiden Seiten erforschen können, als nächstes wieder als Skinless Brothers. “Wir sehen uns generell in einem Lernprozeß stehend” “Vieles wird wieder verworfen.” “Deshalb gibt es auch erst wenige Central-Release.” Suchen und Warten, Teetrinken und sich spalten. Die sechste Identität Last Discosuperstars – aus Spaß wird Ernst Nie sind Hi-Lo in der Presse so massiv rezepiert worden wie als Last Discosuperstars. Das Projekt, das sie mit ihrem Wiener Weggefährten und Grow!-Mitverantwortlichen Jeremiah auf die Party bringen, drischt so satt in den Discohousesahneberg, daß man es ohne Schwierigkeiten abjubeln kann. Daß die aktuelle CD wie die Maxi des letzten Jahres die Sahne sauer werden lassen wollte, muß dabei gar nicht wahrgenommen werden. “Schon die erste Doppelmaxi als Last Discosuperstars war als Endpunkt für das Genre gedacht.” “Das sollte ein satirischer Kommentar sein.” Jetzt müssen sie plötzlich aufpassen, daß die Last Discosuperstars nicht als Dr. Jeckyl gelten und Hi-Lo als Mr.Hyde statt umgekehrt. Wirklich beunruhigen tut sie das nicht. “Vom Produzieren macht das zwar schon Spaß, aber es wird auch nie etwas anderes als ein Spaßprojekt werden.” “Grow! soll nicht zum Discohouse-Label umgestaltet werden.” Übertönen wird der Discostars-Knallfrosch ihre anderen Projekte schon nicht, sie glauben an das Glück der Gerechten. “Wir sind mit viel Emotion in unsere Produzententätigkeit eingestiegen.” Diese Leidenschaft für ihre anderen fünf Identitäten wird sich weiterhin und wieder gegen die lapidare Flapsigkeit des Discoschrebergartens behaupten. Im Glücksfall nicht nur ihrer Schreberparzelle, sondern der gesamten Kleingartenanlage. Claude Young als scratchender Ratio-Remixer ist da willkommene Unterstützung, nötig hätten sie ihn aber nicht. Hi-Lo werden auch ohne prominente Hilfestellung aus der Stadt der Technooriginatoren ihre soundbestimmten Dazwischen-Stücke, die fernab von “Happiness-Zwängen” eine Reanimierung des experimentellen Dancefloors verfolgen, durchsetzen können. Sich in einem Lernprozeß stehend zu begreifen, kann da weitaus produktiver sein, als nur noch seine Meistermedaille zu polieren. Zitat: Mit Basiselementen arbeiten, nicht mit Konfetti werfen

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Elektronische Lebensaspekte.