Dreck geht nicht weg. Sublimierter Dreck erst recht nicht. Der Sound-Dreck von Jamal Moss’ Housetracks setzt sich nach 10 Jahren jetzt erst richtig fest. Die Lehrjahre in Chicago waren trotzdem spannend, wie er im Interview resümiert.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 92

Der Sonnengott der Hinterhöfe
Jamal Moss

Roh, dreckig und verzerrt sind Attribute, die die Tracks von Jamal Moss recht treffend beschreiben. Egal ob auf Spectral, Axis, seinem eigenen Label Mathematics oder jetzt auf Klang, seine sperrigen Tracks verweigern sich den zur Zeit gängigen, polierten Soundästhetiken in House und Techno und nehmen lieber den Geist alter Chicago-Rhythmus-Tracks und klassischer Detroiter Melodieführung als Ausgangspunkt. Was für den einen klingt, als wenn es von verstaubten Tape-Aufnahmen gemastert wurde, ist für den anderen die Charme-Erfüllung schlechthin.
Jamal Moss aka The Hieroglyphic Being aka The Sun God über seine Liebe zu Industrial, die Lehrzeit in Chicago und den langen Weg in die DJ-Plattenkoffer.

Es gibt kaum Informationen über dich im Netz. Nur dass du seit Ende der Achtziger mit Leuten wie Steve Pointdexter und Adonis zusammengearbeitet hast. Erzähl mal ein bisschen aus deinem Leben …

In den Achtzigern hat man in Chicago viel im Kollektiv gemacht, damit man Dinge realisieren konnte. In diesen Kollektiven wurden Geld, Ressourcen und alles andere geteilt. Du hattest Leute, die Musik machten, Leute, die ein Studio besaßen, und andere, die Promotion gemacht haben. Steve Pointedexter und Armando hatten so ein Kollektiv: die Chicago Bad Boys. Innerhalb dieses Kollektivs gab es dann verschiedene Label: Warehouse, das allein Armandos Label war, Muzique, das von Armando und Steve Pointdexter zusammen gemacht wurde und Steve Pointdexters Label Chicago Bad Boys Recordings und Chicago Underground. Gleichzeitig veranstalteten die beiden auch Partys. Um die kümmerte sich meist Steve. Armando kümmerte sich derweil um die internationalen Kontakte, Distribution und den ganzen Kram, weil Steve ungern flog. Die Partys promoteten nicht nur die Musik ihrer Label, sondern auch die anderen Künstler des Kollektivs: Felix da Housecat, Roy Davis Jr., Mike Dunn. Und durch diese Partys lernte ich Steve und den Rest dann Ende der Achtziger kennen. Ich war zu der Zeit selber Veranstalter zusammen mit einem Freund und hatte gerade von meinem Onkel einen ganzen Haufen Equipment bekommen. Ein klassisches Geschenk, um einen Jungen wie mich von der Straße und von Ärger fernzuhalten. Ich wusste nicht so recht, was ich mit dem ganzen Zeug anfangen sollte, und experimentierte wild drauflos. Damals ging ich zwar auf House-Partys, fasziniert hat mich aber eher Industrial. Throbbing Gristle, Suicide. Krasses Zeug. Auf jeden Fall bekam Steve eines Tages Wind von den Partys, die ich schmiss, und fragte mich, ob ich Teil seines Kollektivs werden und mit ihm Promotion machen wollte. Auf meine Tracks stand er nicht sonderlich. Waren ihm zu strange und durchgeknallt. Von da an war ich aber Teil der Chicago Bad Boys, kümmerte mich um Promotion und hing mit den Jungs im Studio ab. Damals machte ich immer Tapes von unseren Studio-Sessions und verteilte sie in Chicago unter den DJs. Es dauerte aber bis 1996, dass zum ersten Mal mein Name auf einer Platte erwähnt wurde. Das war auf Djax-Up. Gleichzeitig veranstaltete ich weiter meine “Liquid Sex”-Partys. Als die Szene in Chicago dann immer raviger und unerträglicher wurde, gründete ich Mathematics Records und verkaufte Tapes und CDs – auf Raves. Mein Sound passte eigentlich so gar nicht ins damalige Bild, aber am Ende dieser Raves, wenn die Kids verstrahlt auf dem Weg nach Hause waren, wurde ich immer eine ganze Menge Kram los. Ich konnte ganz gut davon leben. Und so machten meine Tracks nach und nach die Runde.

Und Adonis?

Adonis nahm mich etwa 1993 unter seine Fittiche. Er ist mein Mentor.
Ich wollte damals von ihm wissen, was man mit Synthies alles so anstellen kann – ich hatte bis dahin ja größtenteils Noise produziert. Aber er gab mir eine Drummachine und sagte, ich solle erst mal lernen, Beats zu basteln. Damals kamen gerade die ersten Prescription-Tracks raus und ich wollte auch unbedingt so deepe House-Tracks machen. Ich wollte wisssen, wie das geht. Aber er schickte mich mit der Drummachine nach Hause. Fast ein Jahr lang ließ er mich nur Beats machen. Bis sie mir zu den Ohren rauskamen. Beats, Beats und noch mehr Beats. Während er im Studio war mit seinen Keyboards, am Singen und Feixen. Ich bin fast verrückt geworden. (lacht)

Wie ging es dann weiter?

Ein Freund erzählte mir von Ghostly und darauf schickte ich Sam Valenti, dem Chef von Ghostly und Spectral, einige Tracks von mir. Er fand sie gut, aber ich bin mir sicher, dass er nicht wusste, ob man sie auch tatsächlich verkaufen könnte. Mein Kram war damals noch wirklich schwierig. Deswegen zögerte er. Ein Jahr später, 2003, traf ich ihn auf dem Detroit Electronic Music Festival und drückte ihm eine neue CD von mir mit den Worten “Wenn du dieses Album nicht magst und nicht veröffentlichen willst, dann will ich mit Dance-Music nichts mehr zu tun haben“ in die Hand. Ich war damals echt frustriert, weil den meisten Leuten mein Sound zu krass war. Wir saßen also mit Tadd Mulinix (James Cotton) in Sams Auto und hörten die CD. Tadd drehte total durch, als er die Tracks hörte, während Sam wohl immer noch innerlich am Knabbern war, ob man meinen Scheiß an den Mann bringen könnte.

Dein Sound ist teilweise sehr rough, sehr verzerrt. Ich denke da z.B. an die EPs auf deinem eigenen Label Mathematics. Du setzt dich mit dieser Sound-Ästhetik schon bewusst zwischen die Stühle, oder?

Wir leben in einer Zeit, in der das Mastering wahnsinnig wichtig ist. Die neueste Software ist wahnsinnig wichtig. Und alles muss immer schön perfekt klingen. Das hat aber in meinen Augen nichts mit dem Leben zu tun, das wir leben. Deswegen war ich auch immer Industrial-Fan. Diese Antihaltung gegen die vorgetäuschte Perfektion und Normalität der Gesellschaft, der Musik. Wir leben nicht im Himmel. Musik, die das in aller Abgefucktheit widerspiegelt, kann trotzdem dem Geist schmeicheln und als schön empfunden werden. Auch wenn sie extrem ist. Wenn ich produziere, mache ich das in dem Wissen, dass die Welt da draußen eben nicht immer so clean und aufgeräumt ist wie eine Masters-at-Work-Platte. Nicht so perfekt wie eine Perlon- oder Minus-Platte. Sondern rough, dreckig und verstörend.
In letzter Zeit habe ich allerdings einige Tracks produziert, die, wie ich finde, sehr schön sind. Ich habe mich gefragt, wie ich das Gefühl, das ich beim Sex mit einer Frau habe, in Musik übersetzen könnte. Herausgekommen sind viel zugänglichere Tracks als sonst. Ich würde nicht sagen, dass es Liebeslieder sind, aber wenn ich mit einer Frau nur durch Sound Sex haben würde, dann würde sich das in etwa so anhören. Ich meine z.B. die “Liquid Sex“ EP auf Spectral.

Wie sieht die Zukunft von Hieroglyphic Being aus?

In ein, zwei Jahren werde ich vielleicht eine längere Pause machen und keine Musik mehr veröffentlichen. Bis dahin gibt es wahrscheinlich knapp dreißig Platten von mir, von denen vielleicht sechs wirklich bekannt sind. Ich werde mich dann darum kümmern, dass auch die anderen vierundzwanzig ihre Hörer finden. Das bedeutet Promotion, Rereleasen etc. Zur Zeit gibt es einfach zu viele Label, die zu viele Platten veröffentlichen. Der Markt ist total übersättigt. Vieles wird beliebig oder gar nicht mehr gehört, obwohl es ein größeres Publikum verdient hätte. Auf meinem Label Mathematics wird es nur dreizehn Releases geben, danach ist Schluss. Und auch Hieroglyphic Being wird Ende diesen Jahres begraben. Nach 2005 wird es keine neuen Hieroglyphic-Being-Platten mehr geben. Ich werde mich dann mehr um mein neues Projekt The Sun God kümmern. Das wird wieder dreckiger sein. Wirklich dreckig. Und auf Interdimensional Transmissions wird ein Album von mir unter dem Namen “The land of rape and honey” herauskommen, auf dem ich mich ganz meinen Industrial- und Noise-Wurzeln gewidmet habe. Mad stuff! (lacht) Insanely crazy!

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Elektronische Lebensaspekte.