Die Videokünstler Peter Becker und Andreas Bergen nehmen mit ihrem Club TV "High Flyer" in Münchens Ultraschall die Flüssigkeitskristall-TV-Tapeten der Zukunft vorweg. Dank selbst entwickelter Software interagieren sie perfekt mit dem DJ. Denn wer von Hawkwinds Liveauftritten lernt, kann nur Siegen lernen.
Text: felix denk aus De:Bug 45

Clubvisuals | München

Video Scratchen auf der Flüssigkeits-TV-Tapete
High-Flyer, Club TV im Ultraschall

Es ist noch gar nicht so lange her, da war der Einsatz multimedialer Mittel auf Parties noch recht überschaubar: Bei Technogewitter machte der Lichtmensch Strobogewitter, und wenn dann Losing Control kam, wurde die Tanzfläche mit Nebel vollgepumpt. So zumindest Augenzeugen. Mittlerweile sind Clubs längst nicht mehr nur Orte, wo es dunkel und die Musik laut ist. Analog zum Ausdifferenzierungsprozess der Musik wandelte sich der Rahmen, in der man diese erleben konnte. Die Tatsache, dass Musik allein nicht mehr für eine hinreichende Definition für Club reichte, dokumentiert die veränderte Funktion aber auch die neuen Erwartungen, die an Clubs gestellt werden.

Wie ein Club sich zu einer Plattform unterschiedlicher künstlerischer
Aktivitäten entwickeln kann, zeigt die Zusammenarbeit zwischen dem Münchner Ultraschall und den Videokünstlern Peter Becker und Andreas Bergen. Seit 1995 arbeitete Becker regelmäßig als VJ im Ultraschall und gründete 1996 zusammen mit Andreas Bergen und David Süß die “Slacker”-Reihe, ein “Festival für neue elektronische Bild- und Klangformen”. Mit der Neueröffnung des Ultraschall im Kunstpark Ost wurde das Konzept eines monatlich produzierten elektronischen Bildmagazins entwickelt, dass als Club_tV auf einer Grossbildleinwand im “Grünen Raum” und über Monitore auf der Main Area gezeigt wird: der High-Flyer.

Mittlerweile bringt es der High-Flyer auf über vierzig Ausgaben, aus denen sich für die Beteiligten die Vision eines neuen elektronischen Designs entwickelte: Die visuelle Sprache soll mit der rasanten musikalischen Entwicklung Schritt halten und als eine Art Testlabor für die Zukunft mit ihren kommenden Flüssigkeitskristall-TV-Tapeten und Monitor-Applikationen funktionieren.

De:Bug: Wie kamt ihr dazu, an einer visuellen Repräsentation elektronischer Musik im Club zu arbeiten?

Andreas Bergen: Ich möchte die Frage etwas präzisieren. Wir arbeiten nicht an einer visuellen Repräsentation von elektronischer Musik. Wir verstehen uns wie die elektronischen Musiker und DJs als Teil einer umfassenden elektronischen Kultur, die gerade von ganz unterschiedlichen Künstlern/Musikern & Medien getragen wird – nicht als visuelle Steigbügelhalter für Tonkünstler. Wir arbeiten seit Jahren mit elektronischen Medien wie Videokameras, Videorekorder, Computer, Lichtanlagen…..äußerst suspekte Medien in den Augen der damaligen (teilweise auch heute noch so) Kunstszene – sprich, wir bekamen (fast) keine Präsentationsmöglichkeiten oder Unterstützung. Bloß was soll schon eine Kunst, wenn sie nicht gesehen werden kann? Der Umgang mit den genannten Medien hatte neben dem visuellen immer auch einen akustischen, musikalischen Aspekt. Wir hatten alle unterschiedlichen Kontakt zu diversen Musikszenen. Und so entstanden die ersten Anknüpfungspunkte mit der – damals hieß es ja noch Techno-Szene – und insbesondere hier in München mit dem Ultraschall-Club.

De:Bug: Wie ortsgebunden ist eure Arbeit? Ist der High-Flyer an den Club als Plattform gebunden oder wäre es denkbar, dass er auch an anderen Orten, z. B einer Galerie, funktioniert?

Andreas Bergen: Natürlich lebt unsere Arbeit von und durch die elektronische Szene und Architektur des Clubs. Unsere Visuals sind im Zusammenhang mit den Besonderheiten des Clubs erarbeitet. Die spezifische Architektur, die die spezifische Atmosphäre des Clubs schafft, ist ja ebenfalls z. T. Gestaltungsanlass. Der Club ist Kneipe, Vergnügungspalast, Forum für avantgardistiche Experimente und Präsentationen, Stätte der Zerstreuung, des Vergnügens – ein Ort der Zuflucht. Er ist materieller und psychischer Ort gleichermaßen. Die Ästhetisierung des Raumes ist ein wesentliches Kennzeichen der Rave-Kultur. Techno erzählt keine Geschichte, sondern hat als ästhetische, auf den Sinnen beruhende Kulturpraxis mit vielfältigen Kommunikationsformen den Körper ins Zentrum gerückt. Das Tanzen ist wesentlicher Bestandteil der Clubculture. In den Clubs korrespondiert die Aufhebung einer begrenzten Tanzfläche mit einer Dezentralisierung des Raumes. Die Ausweitung der Tanzfläche verwischt die Grenzen zwischen Tanzenden und Zuschauern. Die musikalische Dramaturgie wird durch das Environment unterstützt. Licht, Stroboskope, Diaprojektoren und Videoinstallationen inszenieren gemeinsam ein rhythmisches, dynamisches Raumbild. Trotzdem sind unsere Visuals aber nicht – generell – ortsgebunden. Sie müssen für jeden neuen Ort neu erarbeitet werden. Den Club in eine Galerie setzen, eventuell gar nachstellen zu wollen, funktioniert aber natürlich nicht. Ich denke, jede lebendige Kultur lebt von ihrer Bereitschaft zu Neuem. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, unsere Visuals, den High-Flyer, an soviel unterschiedlichen Orten wie möglich zu zeigen, um möglichst viele unterschiedlich wahrnehmende Menschen zu erreichen.

De:Bug: Wie einfach oder schwierig ist es, im Live-Mix mit dem DJ zu
kooperieren? Gibt es da so eine Art Rückkopplung in der Zusammenarbeit?

Andreas Bergen: Die Zusammenarbeit mit DJs steht und fällt mit ihrer Bereitschaft zur Kommunikation. Die Live-Mixe sind mit den DJs am intensivsten und spannendsten, die sich durch unsere Videobilder ebenso anregen lassen wie wir von ihrer Musik. Nur so kommt es in der gemeinsamen Live-Aktion zu einer Steigerung sowohl der Bilder als auch der Musik. Unser Verständnis von Kunst & Kommunikation trifft es nicht, wenn sich DJs hermetisch von uns abschotten und “autistisch” vor sich hinmachen, oder wenn DJs unsere Visuals nur als Illustration ihrer Musik sehen und reduzieren – da rückkoppelt dann nichts mehr.

Peter Becker: Ja und nein. Aber wirklich interessant ist folgendes aus meiner Sicht. Die DJs sind zumeist sehr erstaunt, wie exakt wir unser Bildmaterial live auf ihre Musik bzw. Beats aufbauen und takten können. Wir verwenden dazu ein eigens konstruiertes analoges Gerät zum Regeln der Bildwechsel, die von einem einfachen Panasonic-Mixer in Realzeit absolut takt- und bildgenau ausgeführt werden. Unsere Zuspielungen sind natürlich zu einem Großteil digital produziert und abgemischt. Jedoch gerade in der Kombination von Digital und Analog arbeitet der Bildmischer phänomenal. Die Aufgabe beim Live-Mixen (VJ’ing) ist es, diese Energie (die direkt von der DJ-Musik zu uns und unseren Geräten geleitet wird) aufzuspüren, mit ihr mitzugehen und die Exaktheit der elektronischen Strukturmuster in Musik und Bild mit organischen “Lebensformen” verschiedenster Bildzuspielungen zu animieren und einen visuellen Atem in Performance zu bringen. Diese Technik würde ich als eine Art organisches Video-Scratching beschreiben.

De:Bug: Mir ist aufgefallen, dass Ihr sehr “figürliche” Motive verwendet. Man sieht oft Menschen, Verkehrsmittel, auch reale Orte. Soll das einen Kontrast zur in aller Regel sehr abstrakten elektronischen Musik bilden?

Andreas Bergen: Finde ich eine gute Beobachtung. Die Sequenzen, die du konkret ansprichst, charakterisieren die Arbeit von Maria Heinzlmann und mir sehr gut. Unsere Videos entstehen im Alltag und auf Reisen (New York, Paris, Wüsten….), Video als elektronisches Notizbuch, als Dokumentation oder Statement zum Gegenwärtigen. Es sind zufällig oder bewusst gewählte Einstellungen – wie Stilleben auf einem Frühstückstisch, auf dem Balkon, beim Abspülen, Wasser- und Unterwassereinstellungen, Fließendes wie Verkehr, Wolkenstrukturen, Menschenbewegungen, Portaitaufnahmen, Lichtbewegungen von Leuchtmitteln, Leuchtreklamen, Leuchtmaschinen, Kälte und Wärme… die für sich stehen und nicht filmerisch nachbearbeitet werden. Sie sind das Material für unsere Live-Auftritte. In der Tat sind die figürlichen Motive z. T. als Kontrast – zum einen zum Bildmaterial von Peter Becker mit seinem Schwerpunkt Computeranimation, TV- und Kinozitate – zum anderen zur Musik gedacht. Gleichzeitig sind sie aber nicht sehr viel weniger abstrakt als die Musik – wenn sie sich durch Bewegungsfolgen und Bildüberlagerungen verändern oder nur noch als kontrastreiches Farb- und Rhythmusmaterial eingesetzt und wahrgenommen werden.

Peter Becker: Mein Zuspielmaterial besteht aus einer Fülle, quasi einer Art Enzyklopädie von filmerischen Materialien: Computeranimationen (2-D, 3-D), digital abgemischte Abstracts, psychedelische Muster, freigestellte Personen aus Filmszenen für Genlock-Loops am Amiga, alte SF-Filme, ethnographische Filme, Found Footage von Bekannten und Freunden aus aller Welt, diverse Materialien aus meinem Video-Diary, welches täglich des nächtens abgemischt und remixt wird (Szenen aus Clubs, Menschen, Ausstellungen, Supermärkte, Gewitter, abstrakt gefilmte Hintergründe, Neon-Leuchtschriften… “Alles ist bildwürdig”, A.Warhol. Wir verwenden und testen diese Materialien wie in einem Labor.

De:Bug: Gibt es inhaltliche Kriterien für die Auswahl der Bilder, die ihr verwendet? Ich hatte den Eindruck, dass Bewegung/Fortbewegung so ein roter Faden ist. Die Tanzmotive hatten dann was Simulakrales.

Andreas Bergen: Ein roter Faden in unseren Visuals ist Bewegung. Die dynamische Veränderung von Bildmotiven zu Form- und Farbstrukturen, die in der Live-Arbeit ähnlich zusammengesetzt – komponiert – werden wie musikalische Elemente in einem Stück. Problematisch wäre es, wenn die Bilder die Aufgabe hätten, eine filmische Geschichte zu erzählen. Das würde den vielschichtigen abstrakten Rahmen sowohl der Videos insgesamt als auch der Musik sprengen. Die “Geschichten”, die unsere Bilder und Videos erzählen, entwickeln sich auf anderen – abstrakten bildnerischen und musikalischen Ebenen. Einschränkungen in der Auswahl der Bilder gibt es nicht.

Peter Becker: Der Club ist unser Labor. Ich unterrichte Multimedia an der Uni und von dort arbeiten wiederum eine Reihe interessierter Studenten z. B. am High-Flyer mit. Das ist für uns sehr wichtig, denn da sind junge Leute dabei, die der jeweils aktuellen “neuen” und bis dato “letzten” ästhetischen Generation angehören. Video ist für mich, und ich denke auch für Andreas, zunächst einmal projiziertes Licht. Deswegen verwenden wir sehr viel gefilmte Lichtspuren von Strobos aus Clubs, Neon-Leuchtschriften, Lichtreflexe von Tanzenden, Straßenszenen etc. Licht ist Bewegung!
Mein Traum war es schon immer, Bilder zur Musik zu machen. Deswegen stand ich bereits in den 70er Jahren auf Bands wie Hawkwind, zu deren Concerts ich heute noch nach London fliege und die für mich Vorgänger für Punk und Techno, Space und Multimedia sind. Das Live-Mixen ist für mich wie malen. Ich bin Maler mit einer elektronischen Palette, und viele meiner/unserer Visuals sind von der Malerei des 20.Jahrhunderts inspiriert. Für meine Arbeit in Video, Multimedia, vor allem in den Club-Visuals gilt für mich folgendes Statement: One mo river to cross….

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Elektronische Lebensaspekte.