Sean Booth & Rob Brown haben eine neue Platte gemacht und verstehen nicht, warum man darüber reden sollte, wenn man sie doch hören kann. Patrick Bauer nimmt sie in den Arm.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 91

Hinter Mauern, auf dem Chip
Autechre

Diskurse stinken. Weit ausholen, Referenzen zerbröseln und Bedeutungen hervorkramen, das machen nur Übereifrige, die mit einer Sache besonders wenig klarkommen: mit der Gegenwart. Noch schlimmer ist, dass sie mit ihren ach so pointierten Überlegungen erst dann hervorkriechen, wenn das entscheidende Knarzen verhallt, der gewichtigste Bass gefallen ist. Dann schreien sie: Hier! Helden! Historisch! Oder im schlimmsten Falle: IDM! Das ist dann aber schon wirklich hart – und auch traurig. Scheißegal ohnehin, weil niemand mehr zuhört, die Protagonisten schon weiter sind, weil Acid unsterblich ist, unfassbar dazu, aber das ist eine andere Geschichte. ”Ach komm“, sagt Sean Booth, “fuck it.“ Er hat Recht.

Ja doch, Autechre bringen eine neue Platte raus und in der Tat sind bereits zwei Jahre vergangen, seitdem Booth und Rob Brown zuletzt daran erinnerten, dass der Schlusspunkt hinter das Warp-Imperium der absolut unnahbaren Klänge noch lange nicht gesetzt ist. Zwei lange Jahre, in denen das, was Elektronika genannt werden kann, wieder mal in etliche Sinnkrisen stürzte, fast am eigenen Erbrochenen erstickte. Zwei Jahre, in denen Brown ein Kind zur Welt kommen sah und Booth ein bisschen umherzog. Keine Ahnung, vielleicht auch um ein paar zünftig zugekotzte Sheffielder Häuser, kann schon sein. Zwei Jahre eben mit Autechre. Ohne Autechre. Aber was willst du nun tun? Ihnen danken, voller Ehrfurcht? Dich wieder einmal wundern, ob des Monuments? Am besten du sinnierst über Patterns, Patches und Sequences – herrjeh. “Hört halt einfach zu“, sagt Booth und hat schon wieder Recht.

Sonntag, Dämmerstimmung. Booth klingt zurückgelehnt. Es läuft was bei ihm im Hintergrund, ein paar Sphärensounds, zu schwach, um gegen den Mancunian-Akzent anzukommen. Eigentlich flüstert Booth, aber seine Worte wirken gewaltig.

Debug: Wo waren wir? Richtig, Computermusik …

“Ich arbeite nicht mehr viel mit Computern – sie sind … etwas out. Wenn, dann mache ich darauf nur meine Midi-Sequenzen, aber ich lasse mich von Computern definitiv nicht beeinflussen.“

Verarschen erst recht nicht. Hinfort mit euren Bugs. “Im Studio haben wir Berge von Hardware.“ Die harsche Verneinung des Maßstabs. Die Leugnung, Leuchtzeichen zu setzen in Sachen Software, Produktionsweise oder Mythenbildung. Werte Nachahmer, steckt eure Notizblöcke wieder ein! “Die Leute projizieren diesen Gedanken von verkopfter Computermusik in unsere Tracks – aber bitte verschont mich mit IDM.“ Liebend gerne, wir haben nichts gesagt, hätten es nicht gewagt. Aber die Veränderung, die Entwicklung, der Gottstatus, das alles wäre fast rausgerutscht, hätte nicht Booth vorher noch eingeworfen: “Ich enpfinde jede unserer Platten nicht als Weiterentwicklung – vor allem denke ich darüber nicht nach!“ Das ist der Punkt: Nicht darüber nachdenken, Mate.

Debug: Verdammt, Sean, was ist “Untilted“?

“Es ist nur das nächste Album. Und es ist, was es ist. Ich weiß nicht, was man von uns erwartet hat. Verstehen tun uns nur die wenigsten Hörer.“

Ein Versuch, spätnachts. “Untilted“ heißt das Werk, wirklich kein Schreibfehler. Hier steht nichts auf der Kippe, nein. Aber – es mag noch so überzitiert sein – “Untilted“ erschließt sich erst beim wiederholten Male, erschließt sich mit jedem Male anders. Das mag daran liegen, dass die Tracks so vielschichtig sind wie die musikalischen Ansätze der Autechre-Vergangenheit, und dass in jeder ereignisreichen Sekunde ein neues Element dieser feinfühlig, aber doch wenig gewollt kosntruierten Welt in den Vordergrund drängt. Mal die leicht verqueren Bässe, die zwischen verzwirbelt und hyperaktiv schwanken, mal die zart bis rau eingefügten Samples, mal die entzückend entstellten Melodien. Das alles ist merkwürdig fehlerhaft und wechselmütig. Zweifelsohne perfekt, aber dennoch Autechre-typisch zerfleddert – gleichzeitig aber entfalten sich manche Strukturen erst in voller Länge. Autechre laden zum Cold-Turkey-Tanz, steigern sich in größenwahnsinnige Hochgefühle, nur um dann die nächste Noise-Attacke zu fahren. Mit zutiefst Hässlichem machen sie oft anrührend Schönes. Erschreckend und so vertraut. Und dann wird klar, Booth mahnt schon wieder, warum die Schnauze zu halten ist. Weil dieser Sound zuerst da war, weil vollkommen gleich ist, wie er entstand. Was zählt ist, dass Autechre wieder komponiert haben, was das Fricklerhirn hergab. “Es ist auf jeden Fall eine gute Spannung in allen Tracks. Auch in den ruhigen Parts – wir haben wirklich eine besondere Stimmung eingefangen“, sagt Sean. Heraus kam eine zeitlose Unverschämtheit, in ihrer Lässigkeit verhöhnend, in ihrer Komplexheit irritierend. Es ist nicht, wie früher behauptet, so, dass Autechre eine Menge Sequences zerschreddern und damit dann dreist Geld machen, obwohl es doch nur Lärm ist. Sie basteln eher einen unverständlichen Batzen, der sich gut verkauft. Weil das Geheimnisvolle so reizvoll ist und träumen lässt. Und gleichzeitig doch nur Acid ist.

Debug: Sean, fast fünfzehn Jahre Autechre …

“Ja? Manchmal höre ich alte Tracks von mir und denke: Fuck, wie habe ich das bitte gemacht? Von daher sehe ich unsere Arbeit nicht als gradlinige Entwicklung, eher als ein sehr fragmentarisches Denken. Vor allem kann man anhand unserer Musik keine technische Entwicklung festmachen, ein Witz: Bis ich mich in neue Technologien reingearbeitet habe, sind die schon wieder alt.“

Diesmal ging es schnell. Das Album enstand in gerade mal neun Monaten. Nach der Pause gingen Booth und Brown anders ins Studio, zielgerichteter. Das hört man, Autechre wissen definitiv, was sie nicht wollen. Neun Monate in der Vergangenheit: “Eine wirklich intensive Zeit. Eine schöne Zeit.“ Was denken sich eigentlich Autechre, so ahnungslos zurückzukehren? So, als hätten sie nie für Aufregung gesorgt, als hätten nicht Kids, Nerds und Profs nach ihnen gegiert. Sie schweben meterweit über dem Boden oder über dem, was andere Klangteppiche nennen würden. Sie scheinen wie einst Stanley Kubrick in England hinter Mauern zu hausen, weil es ja größer nicht mehr werden kann. Sean lacht.

“Das, was ich mag, habe ich um mich herum. Wir leben zwar nicht abgeschottet, aber irgendwie sind die Leute oft merkwürdig verängstigt, wenn sie uns begegnen.“

Debug: Verwunderlich?

“Dunno.“

Im April kommen Autechre auf Tour, auch nach Deutschland. Hier buchen sie irgendwelche Schnösel immer wieder in kalte Kunstakademiehallen, sagt Sean, Bullshit: “Wir haben die Leute schon immer zum Tanzen gebracht, und nur darum geht es doch auch.“ Autechre werden missverstanden. Immer wieder. “Wir haben wohl einiges überstanden.“ An Technik, an Genres, an Fans. Da darf man dann sagen: “Wir sind eine Qualitätsgarantie.“

Debug: Kennst du den Bastard, der IDM erfand?

“Leider nicht. Irgendein Schlaukopf! IDM war schon immer mit den gleichen Tools und Maschinen produziert wie ganz normale Dance Musik … Was ich sagen wollte: Elektronische Musik war eine Zeit lang moderner Folk. Gerade dieser ganze IDM-Schwachsinn klang dabei so flach, weil jeder plötzlich frickelte wie der andere. Und keiner merkte, wie einfach und billig es geworden war, so zu klingen. Die Mehrheit ist einfach scheiße.“

Debug: Alles Mist also mit IDM …

“Hey, Progrock begann ja auch spannend. Dann kam YES!“

Debug: Und dann kam Punkrock …

“Punk war keine Reaktion gegen Prog, sondern gegen YES!“

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Elektronische Lebensaspekte.