Labelarbeit gegen Genre-Verkrustung
Text: Jan Kage aus De:Bug 116


Das UK-HipHop-Label Big Dada ist seit zehn Jahren auf der Suche nach den Einzelgängern, die gegen die Puristen und Dogmatiker das Genre am Verdorren hindern. Ihr Bastard aus Reggae, Soul, Alternative kriegt jetzt die nächste Innovationsspritze durch das geschundene Genre Grime – dank Wiley, der passend zum Jubiläum den Majors den Rücken kehrt und zu Big Dada stößt.

1997 hatte der damalige Endzwanziger Will Ashton, seines Zeichens Musikjournalist und HipHop-Aktivist, die Nase voll von “englischen Kids, die mit New Yorker Akzent über amerikanische Probleme wie Waffen rappen”, erzählte er mir vor fünf Jahren im Interview und fuhr fort: “Ich mag New Yorker HipHop auch. Aber über einen jazzigen Loop passt ein New Yorker halt besser als ein Londoner. Das ist die Chemie der Musik. Allein das Sample-Material kommt schon aus der Stadt. Das passt einfach. Für mich war es wichtig, eigene Wege zu gehen, und das hieß: No fake American accent! No same old Jazz-Sample NY-Beats! Eine stilistische Entwicklung tat Not. Der britische Kram ist eher grobkantig und dreckig. Das Tempo ist schneller.”

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Die Chemie der Musik

Wie in jedem Subgenre der Popkultur gibt es im HipHop auch – und manchmal insbesondere hier – diese Puristenfront, die die meist unkonventionellen Pioniere ablöst und ästhetische Gesetzmäßigkeiten postuliert. Das hilft bei der Definition des Stils, die Scheuklappen führen aber auch zu den üblichen Verkrustungen, die dann von Nonkonformisten und Querdenkern wieder aufgebrochen werden müssen; sonst verdorrt alles.

Und so zog der querdenkende Ashton damals los und suchte Verbündete. Er fand sie zum einen in dem Label Ninja Tune, das ihm als wohletabliertes und erfolgreiches TripHop-Label Geld und ein Zuhause in Form des Sublabels gab, und zum anderen in Künstlern wie eben Roots Manuva, dessen erstes Album “Run, Come, Save Me“ sensationelle 70.000 Kopien allein in England verkaufen konnte und der dieses Jahr sein sechstes Album auf BD veröffentlichen wird. Big Dada wurde folglich Heimat für Roots Manuva und TY, die mit ihrem Bastard aus Rap, Soul und Reggae neue Wege beschritten, für die amerikanischen Künstler Mike Ladd und cLOUDDEAD. Oder aber für die französischen Elektro-Rapper TTC und die amerikanischen Spank Rock, den instrumentalen DJ-Producer Diplo aus Florida, für den Geschwindigkeitswizzard und quasi Freejazz-Rapper Busdriver und seit neuestem auch für den Paten der Grimeszene Wiley.

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Will Ashton heute: In den 90ern hatte HipHop sich soweit in den Mainstream bewegt, dass er nicht mehr diese Kanten hatte, für die er von gewissen Leuten geliebt wurde. Da gab es natürlich viele Leute, die die Essenz festschreiben wollten. Ich denke, man sollte stattdessen lieber in Bewegung bleiben und der Verwässerung durch den Mainstream durch stetige Veränderung entgegentreten. Das Faszinierende an den Pionieren war ja dieses Innovative; dass es Kids waren, die cooler und fresher als der ganze Rest sein wollten. Und die Geschwindigkeit dieser musikalischen und lyrischen Innovation war unglaublich. Und ich glaube, das wollten wir fortsetzen. Am besten dafür eignet sich die Zusammenarbeit mit Einzelgängern. Leuten, die sehr genau wissen, was sie tun wollen und sich nicht darum kümmern, ob andere es verstehen oder mitkriegen, die einfach nur ihren eigenen musikalischen Visionen folgen wollen.

De:Bug: Als wir vor fünf Jahren sprachen, hast du über die britische Musikpresse geklagt, die immer wieder – alle zwei, drei Jahre – auf neue Trendzüge springt. Damals war es Miss Dynamite und irgendwer hatte geschrieben, dass erst seit ihrem Album Themen abseits von Drogen und Waffen im Rap behandelt werden könnten. Du regtest dich damals auf: “Als hätte es Roots Manuva und Ty nie gegeben!“ Was hat sich daran durch Grime geändert? Der Genrevater Wiley ist ja mittlerweile auch auf Big Dada. Was geht mit Grime in England? Ist das Ding auch schon wieder durch?

Will Ashton: Nein, es ist nicht vorbei. Es ist vielleicht gerade in einer Verteidigungsstellung. Die Mainstream-Medien sind wahrscheinlich bereit sich weiterzubewegen, weil sie Grime als das große Ding aufgebauscht haben, das jede zweite Woche Tophits hervorbringt, aber so hat sich das nie entwickelt. Niemandem ist das wirklich auf Dauer gelungen. Und wenn du dir tatsächlich anhörst, was diese Musik ausmacht, dann ist das auch keine große Überraschung! Es ist keine radiofreundliche Musik und war auch nie so gedacht. Wir sind meiner Meinung nach jetzt in einer Phase, in der die Künstler sich neu überlegen, was sie mit Grime machen wollen, ihre Prioritäten neu bestimmen. Ob es ihnen wichtiger ist, Hits zu machen, oder ob sie lieber eine rohe, raue Musik produzieren wollen, mit der sie aufgewachsen sind und die sie begeistert hat. Dass Wiley jetzt mit uns arbeitet, ist ein Beleg für Letzteres. Und er ist immer noch einflussreich in der Szene. Er hat jetzt bei einem kleinen Independent Label unterschrieben anstatt bei Sony, Island oder wem auch immer. Das ist ein Zeichen dafür, dass sich hier die Prioritäten verschoben haben.

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De:Bug: Wann seid ihr zusammengekommen?

Will Ashton: Er ist ein gutes Beispiel für den Einzelgänger. Es hat also durchaus eine Weile gedauert, bis es tatsächlich passierte. Ich hab Wiley schon seit 2002 auf dem Schirm, als sein Kram auf Whitelabels erschien. Ich lebe in Ost-London und habe eine Menge der Platten gekauft. Und um ehrlich zu sein, hätte ich schon damals gerne was mit ihm gemacht.

De:Bug: Warum hast du ihn und andere Grime-Künstler denn nicht damals schon gesignt? Weil es noch zu tief Underground war?

Will Ashton: Nein, nein, nein, genau das Gegenteil: weil es so schnell Mainstream ging. Viele der guten Leute wurden von Majorlabels gesignt und wir konnten mit deren Geldern nicht mithalten. Es war das klassische Beispiel einer Szene, die noch während ihrer eigentlichen Formierung bereits überall präsent war und somit nicht die Zeit hatte, sich zu entwickeln. Und nicht genug Output, um die verschiedenen Spielarten zu zeigen oder um genug Konkurrenz zwischen einzelnen Künstlern herzustellen.

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Der Grund ist HipHop

In den zehn Jahren seines Bestehens hat Big Dada 108 Platten veröffentlicht, also fast eine pro Monat. Und man kann sagen – so viel Lobhudelei sei zum Geburtstag erlaubt -, dass viele dieser Releases hörenswert sind. Big Dada gehört zu den Labels, dessen Logo auf einer Platte quasi zum Reinhören verpflichtet. Die richtige Philosophie und Grundhaltung hat schon immer die beste Musik hervorgebracht: auf Musiker-, wie auf Labelseite.

De:Bug: Wenn du auf die letzten zehn Jahre zurückschaust: Was ist von eurem Grundmotto, originellen HipHop zu veröffentlichen, geblieben, was hat sich geändert?

Will Ashton: Wir haben ja nicht als britisches HipHop-Label angefangen. Es war immer klar, dass wir als Label, das in Britannien angesiedelt ist, auch internationale Sachen rausbringen. Abstract Rude war unser drittes, Mike Ladd war unser fünftes Release … beide sind Amerikaner. Vielleicht kann man sagen, dass wir am Anfang schon so was wie die Underground-HipHop-Szene bedient haben, während wir heute eher als Label für einzelgängerische Musiker in der breitesten Definition von HipHop oder Rapmusik oder zeitgenössischer “Schwarzer Musik“ fungieren. Wir konzentrieren uns heute also auf Einzelgänger.

De:Bug: Ist HipHop tot, wie es Nas oder RQM vorgeschlagen haben, oder warum machst du die Klammer so weit auf?

Will Ashton: Nun ja, in gewisser Weise ist er das, auf andere Weise wird er aber für immer leben. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich gerade als einzelne, separierte Musikform stark entwickelt. Aber immer, wenn jemand so etwas behauptet, passiert einen Monat oder ein Jahr später wieder was Unglaubliches. Ich glaube, HipHop hat noch immer eine Menge Leben im Leib.

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Der Weg zur Weisheit

Will ist jetzt 38. Er ist zwar noch täglich bei Big Dada involviert, kommt aber nur noch einmal die Woche im Büro vorbei, um sich um A&R zu kümmern. Das Tagesgeschäft haben andere übernommen. “Ich sehe mich selber gerne als den noblen Idioten. Die machen die Kellertür auf und fragen mich, was zu tun ist, und ich antworte Sachen wie: ‘Hm, der Weg zur Weisheit ist lang und beschwerlich!’ oder so was.“ Ansonsten ist er mit dem Verfassen von Romanen beschäftigt und hat derer bereits zwei veröffentlicht.

De:Bug: Was ist der Plan für die nächsten zehn Jahre?

Will Ashton: Das werde ich im Moment natürlich öfters gefragt: ‘Wo siehst du Big Dada in zehn Jahren?’ Die volle Wahrheit ist: Wir planen nicht wirklich weiter als die nächsten sechs Monate. Wir suchen neue Künstler, warten auf die Platten und arbeiten mit den Künstlern zusammen, die wir bereits haben. Viel mehr Strategie gibt es nicht, außer weiterhin Zeug zu finden, das aufregend ist. Meine Strategie ist einfach im Geschäft zu bleiben, nicht zu viel Geld zu verlieren und großartige Platten zu veröffentlichen.“

De:Bug: Es geht also weiterhin um Geschmack und Haltung?

Will Ashton: Ganz genau. Irgendwie so was.
http://www.bigdada.com

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Elektronische Lebensaspekte.