Fünf Jahre nach dem Erfolg der deutsch-türkischen Rapper von Cartel rackert die türkische Hip Hop-Szene immer noch an der Foundation (Basis). Aber die erste Gemeinschafts-CD soll sie weit über ihre Istanbuler Hood Bakirköy hinaustragen.
Text: Jan Kage aus De:Bug 41

Güle güle in Istanbul
Hiphop in der Türkei

Wann HipHop in die Türkei gekommen ist, kann ich nicht sagen. Rap ist auf jeden Fall seit 1995 da. Und die Geschichte, wie sich der verbale Virus der internationalen Musikindustrie – Rap – seinen unaufhaltsamen Weg in das osmanische Reich bahnte, ist wahrscheinlich einzigartig.
HipHop und Rap-Musik amerikanischer Fabrikation waren aber auch schon vor 1995 in der Türkei bekannt und erfreuten sich wohl auch einer Anhängerschaft. Die Erkenntnis, in der eigenen Sprache Rappen zu können, wurde den Türken dann aber wohl durch die Deutschländer gebracht. Jenen Landsleuten, die zur Hälfte deutsche Landsleute sind. Der riesige Erfolg, den Cartel Mitte der Neunziger feiern konnten, machte türkischsprachigen Rap im gesamten Land bekannt.

Ungeschlagene Supergroup: Cartel
Cartel, das war die erste und bisher einzige Supergroup des türkischen HipHops. Ein Projekt, bestehend aus den Kielern von der Da Crime Possee, dem Berliner Erci-E [der jüngst auf Peter Maffays Welt-Projekt gefeateured wurde] und den mit Faschismus Vorwürfen bedachten Karakan [Schwarzes Blut]. “Cartel haben uns gezeigt, dass wir auf unserer eigenen Sprache Rappen können”, erzählt mir Dr. Fuchs von der Istanbuler Gruppe Nefret [Hass]. “Das gab es vorher nicht.” Cartel war ein Projekt der Sony und verkaufte gut 750.000 Copies ihres bisher einzigen Albums. Dieser Erfolg konnte bisher von niemandem wiederholt werden. Auch von den einzelnen, im Cartel vertretenen Acts nicht – Erci-E verkauft heute um die 100.000; Karakan 75.000. Originär türkische Acts mit eigenem Release lassen sich aber immer noch an einer Hand abzählen. Sie verkaufen selten mehr als 10.000. Man kann also sagen: es gibt professionellen Rap, dessen Personal sich vor allem aus dem ehemaligen Cartel rekrutiert, und einen HipHop-Underground, der seine erste Formierungsphase abgeschlossen hat. Wie groß der Einfluss Cartels auf die Szene tatsächlich ist, lässt sich auch an einigen Untergrund-Projektnamen erkennen: inspiriert durch Karakan etwa nennt sich ein Istanbuler MC “Kara Kalp”, eine weitere Gruppe “Kara Öfke” [Schwarzer Zorn]. Lass uns also einen genauen Blick hinwerfen und durch die Bazare Istanbuls schweifen.

Nach oben von ganz unten
Ich bin nur für vier Tage in Istanbul. Zu Gast bei Dr. Fuchs. Anlass ist ein Konzert, auf dem einige der türkischen Gruppen präsent sind. Was zuerst mal auffällt, ist die offenbare Deplaziertheit der HipHopper auf der Show. Wir befinden uns auf einer vom Whiskey-Label J&B inszenierten Großveranstaltung namens “3. Dance & Techno Festival”, deren Programm so gemischt wie eine Warenhandlung ist. Allein der Titel der Veranstaltung würde HipHops in anderen Gefilden abschrecken. Dass sich die türkischen Rapper die Ehre geben, erklärt viel über ihre Situation. Die tatsächliche Szene ist noch klein, das öffentliche Interesse muss noch geweckt werden. Deswegen ist es ratsam, auf Crossover-Events ein breites Publikum anzusprechen. Es hagelt House und Big Beats, Techno und HipHop auf drei Floors. Neben den Jungle Brothers [gewohnt routiniert und gute Laune verbreitend] und DJ Spooky gibt es auch eine Show des Hamburgers DJ Phono, der den Türken gut geschneiderte Herrenanzüge und freshe Cuts präsentiert. Aber das nur mal am Rande.
Die Veranstalter scheinen von HipHop nicht viel zu halten. Während Nefret spielen, wird auf der Bühne der nächste Act aufgebaut. Stagehands schrauben das Drumkit zusammen. Vor der Bühne steht eine wackere Schar von dreißig Heads etwas verloren rum. Die Halle ist riesengroß. Die Veranstaltung ist schlecht besucht und auch die Jungle Brothers können später die Zuschauerzahl gerade mal verdoppeln. Die Gruppen tragen es mit Fassung. Was bleibt ihnen auch übrig?
Auf der Bühne an diesem Abend Fresh B, der einen sehr poppigen HipHop macht und dafür nicht nur Props bekommt, da der Mann playback performt. Auch er scheint eine professionelle Bühnenroutine zu besitzen. Die Show ist aber eher wack. Fresh B ist aus Istanbul und hat ein Album veröffentlicht, das sich 10.000 mal verkaufte. Außerdem die sehr jungen und noch nicht so tighten Nekropsi. Und Nefret, ebenfalls mit Album [Meclis-i ala Istanbul; 10.000 verkaufte Stück]. Allesamt aus Istanbul. Aus Berlin Fuat, gebackt von Yener aus Izmir, dessen Hals ein goldenes Attatürk-Amulet schmückt, das er mir voller Stolz präsentiert. Ich frage Fuat, was der Unterschied zwischen türkisch-türkischem und deutsch-türkischem HipHop sei, und er sagt, die Deutschen seien dichter an der tatsächlichen Kultur dran. “Die Gruppen hier in der Türkei sind alle noch stark von Cartel beeinflusst. Die Styles sind alle von Cartel.”

Tricks & Moves
Vieles erinnert an die Tage der deutschen Oldschool von vielleicht 93. Nicht nur die Aufgabe, das Feld abzustecken und die unbekannte Kultur einem durchwachsenen Publikum nahezubringen. Ich befinde mich mit Borüs, einem Breaker, im Publikum, um ein paar Breakdance-Szenen zu filmen, und muss feststellen, dass sämtliche anwesende MCs und DJs auch ein paar Moves beherrschen und der Linse bereitwillig präsentieren. Pflege der Kultur wird großgeschrieben. Als ich zwei Tage später im Istanbuler Stadtteil Bakirköy [“Hier wohnen die meisten Rapper”; Dr. Fuchs] auf einem öffentlichen Hang-Out die lokale Breaker-Szene filme, entschuldigt sich Fuchs für das Niveau, auf dem getanzt wird. “Die besten Breaker sind im Moment alle beim Militär.” Auch Grafitti ist ein schwieriges Thema in der Türkei, da die Strafen drakonisch sind. Das Bemalen von Wänden war bisher Privileg linksradikaler oder satanistischer Gruppen, beide in Atatürks Republik nicht sonderlich hoch geschätzte Lager. “Aber HipHop muss immer schlau sein”, erklärt mir Dr. Fuchs. “Die Sprüher ziehen sich jetzt immer ein rotes T-Shirt mit Stern und Halbmond an und stecken sich den Koran in die Tasche, damit sie, wenn sie erwischt werden, beweisen können, dass sie weder PKK noch Teufelsanbeter sind.” Not macht erfinderisch. Und wer frisst Fliegen?
Das Konzert war für alle Beteiligten enttäuschend. Aber es gibt ja auch noch andere Tage. Nefret zumindest spielen im Moment so viele Gigs, dass Dr. Fuchs aus seinem Job gefeuert wurde. Zwangsprofessionalisierung. Wo Fuchs aber seine Prioritäten setzt, demonstriert er, als er einen Fernsehauftritt sausen lässt, um mich vom Flughafen abzuholen. Sein Partner in Rhyme, Ceza [Strafe], bestreitet die Performance allein.

Ausblick
Türkischer HipHop aus der Türkei. Türkischer HipHop aus Deutschland. Und dann gibt es noch türkischen HipHop aus New York. Ottoman Empire besingen nicht das osmanische Reich, sondern vor allem das weibliche Geschlecht, und Sultana, female MC, repräsentieren die Türkei auf dem amerikanische Kontinent. Die Amerikaner haben vor allem gut produzierte Beats. Sultana mit orientalischem Samplematerial. Ihr erstes Videoclip genießt die Ehre, in der Türkei zensiert zu sein, da es zu anzüglich ist. Der Titel bedeutet “Dein Vogel steigt nicht mehr” und bezieht sich auf das andere Geschlechtsteil. Soviel Skandal ist gut. Sultana verkauft so um die 15.000 CDs.
Der türkische Underground hat sich unlängst zusammengeschlossen und gemeinsam eine CD veröffentlicht. Der Fuchs heisst “Yeralti Operasyonu” und beinhaltet neben Nefret und Yener die Gruppen Statik (von Fuat gepropt), Silahsiz Kuvvet, Susturucu und Ses, Oldschooler aus Frankfurt a.M. “Das ist die erste CD, die von türkischen HipHop Gruppen gemeinsam veröffentlicht wurde”, sagt Dr. Fuchs. Der Aufbau hat begonnen.
Eigene Fanzines und Magazine hat der türkische HipHop noch nicht hervorgebracht. Allerdings gibt es drei regelmässige Seiten in der Jugendzeitschrift “Blue Jean”, die von Tunch, Rapper der Gruppe Statik und zentrale Figur der Istanbuler Szene, betreut werden.
Eins noch: als Oliver von Felbert 1995 in der Spex über Cartel berichtete, stellte er fest, dass es in Istanbul viel weniger Frauen mit Kopftuch als in Kreuzberg gibt. Ich kann das nur bestätigen.

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Elektronische Lebensaspekte.