Retro ist für mich sowas wie 80er Mitte Hipster und die Formel Eins Wiederholung (die Musiksendung). Reflektierte Auseinandersetzung mit Vorangegangenem, wie beispielsweise in HipHop Musik, ist nicht retro.
Text: clara völker | caynd@debug-digital.de aus De:Bug 50

‘Retro’ ist überflüssig

Bei ‘retro’ bezieht man sich auf die Vergangenheit. Dabei greift man Sachen, die früher mal stattgefunden haben, auf. Allerdings wendet man sie nicht wirklich an. Man adaptiert eine Vorstellung und trägt deren Symbole plakativ mit sich rum. Das Alte wird kopiert und höchstens in Passform gebracht. Meist kennt man diese einst populären Seifenblasen, die man wiederaufnimmt, bloß noch durch Medien oder Erzählungen, höchstenfalls durch verschwommene Erinnerungen. Folglich ist das schon vorstrukturiert, man muss kaum noch im relevanten Sinn selektieren. Retro ist einfach und kann Spaß machen.

Klar, wenn das Chaos um einen herum unüberschaubar groß aussieht und die Wahlmöglichkeiten ins Unendliche zu reichen scheinen, kann man etwas Halt gebrauchen. Da kommt ein Griff in die Vergangenheit gespickt mit einem Funken naiver Antihaltung gerade recht. Der benötigte Platz in der Welt ist wieder neu hergestellt. So gesehen ist Retro ein nettes Heilmittel. Und prinzipiell lässt sich nichts dagegen einwenden.

HipHopMusik greift zwar auch bereits Existierendes auf, sie wendet das Alte aber an und macht etwas Neues daraus. Die verwendeten Zitate verdeutlichen die Tradition, in der man sich bewegt. Man könnte zwar auch diversen HipHop Produktionen oder damit verbundener Ästhetik ein Retro-Etikett aufkleben, aber das würde keinen Sinn machen. Die Auseinandersetzung mit Existierendem ist immer Bedingung dafür, dass etwas Frisches entsteht. Die Art der Anwendung entscheidet darüber, ob etwas bloß mit der Vergangenheit spielt oder damit spielend Neues schafft. Retro ist ein austauschbares oberflächliches Phänomen, das Vergangenes reproduziert. Der Verweis auf bereits Existierendes und dessen kreative Kombination ist nicht ‘retro’, sondern notwendig.

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Elektronische Lebensaspekte.