Mit seinen brillanten Lyrics gehört der New Yorker Aesop Rock längst in den MC-Olymp. Auch auf seiner zweiten LP bei DefJux treffen ungewohnte Wortkombinationen auf scharfsinnige Betrachtungen und rumpelig-dreckige Beats.
Text: Clara Völker aus De:Bug 75

Aesop Rock ist ein wenig erledigt. Gestern ist er von New York nach Berlin gekommen, hat auf dem Nachtflug nicht geschlafen und abends gab es dann als Krönung ein verdorbenes Essen im Hotel. Dementsprechend geplättet sitzt er mit Augenringen und weißen Tennissocken in seinem Hotelzimmer, hinter ihm ein zerwühltes Bett und auf dem Tisch ein paar Graskrümel. Seinem Redefluss tut das momentan eher passable Wohlbefinden allerdings keinen Abbruch, schließlich ist er ja MC, und da muss man das mit dem Erzählen unter allen Umständen schon irgendwie hinbiegen können. Bei DefJux erscheint gerade sein neues Album, Bazooka Tooth, und es ist mal wieder sehr gut geworden.

MUST NOT SLEEP
Aesop Rocks Platten sind essentiell. Sicherlich nicht, weil sie besonders leicht zugänglich sind und sich die Lyrics bereits nach dem ersten Hören erschließen. Es sind eher langlebige Platten, die nach und nach mehr Bedeutung bekommen. Das liegt vor allem an seiner Art, Wörter zu kombinieren und damit eine abseitig wirkende Perspektive in ein ausdrucksstarkes Gewand zu stecken. Bevor ihm ein Plattenvertrag in der Tasche lag, hat Aesop Rock seine Tracks auf CD gebrannt und unter anderem auf Konzerten verkauft. “Music For Earthworms” und “Appleseed” waren sehr beliebt und haben inzwischen Kultstatus. Auf Fragen nach Wiederveröffentlichung, die er bereits hinter dem Aussprechen der Plattentitel vermutet, reagiert er jedoch etwas gereizt, indem er sich eine imaginäre Knarre in den Mund steckt. Was heißen soll, dass er sie keinesfalls wieder rausbringen möchte, auch wenn er damit, wie Preise dieser Platten bei Ebay nahe legen, vermutlich ganz gut verdienen würde. Aber darum geht es nicht, man entwickelt sich ja weiter, weshalb also auf vergangene Zeiten zurückblicken und mit alten Kamellen Geld scheffeln. Zumal das ja eigentlich EPs waren, “Float” war sein erstes Album mit Plattenvertrag, das 2000 auf Anfrage bei Mush erschien. Gern denkt er nicht an diese Zeit, denn viel ist da nicht richtig gelaufen, die Vorstellungen divergierten und von Zusammenarbeit kann nicht die Rede gewesen sein. Bei seinem jetzigen Label, Def Jux, ist das alles ganz anders. Labelchef El-P und er sind gute Kumpel, Cannibal Ox schon lange gute Freunde, sie wohnen alle um die Ecke voneinander, und überhaupt ist der ganze Vibe gemeinschaftlich und produktiv, denn einem wird freie Hand gelassen, und selbst wenn El-P einen von Aesop Rocks Tracks mal nicht so brilliant finden sollte, ändert das nichts daran, dass der Track auf die Platte kommt. “Es gibt dort viel mehr sowas wie eine Atmosphäre, einen Vibe. Da es weniger Stress gibt, kann man sich viel mehr aufs Musik machen konzentrieren. Und das ist eh alles, was ich je wollte. Ich kann einfach mit Leuten abhängen, die meine Freunde sind und dann nachhause gehen und meine Platte machen.” 2001 kam bei Def Jux Aesop Rocks groß gefeiertes Album “Labor Days” raus, das ihm zu allerhand Magazinfeatures und einem positiven Pressekanon verhalf. Aufgrund seiner neuen Platte ist er gerade auf Pressetour und in Berlin.

MUST WARN OTHERS
Aufgefallen ist ihm, dass es hier etwas Graffiti gibt, ist er doch in der Nähe der Eastside Gallery untergebracht, einem alten Stück Mauer mit Farbe drauf. Die verschiedenen Styles findet er beim Rumfahren eh immer ganz interessant, zumal es in New York aufgrund extrem strikter Gesetze inzwischen kaum noch Graffiti gibt. Das findet Aesop Rock natürlich schade, denn er ist in New York und folglich mit besprühten Mauern und Zügen aufgewachsen und hat sich selbst auch mal darin versucht, es dann aber irgendwann aufgegeben, nachdem er einerseits eine Nacht in polizeilichem Gewahrsam bleiben musste, weil er einen Sticker auf eine Telefonzelle geklebt hat und er andererseits gemerkt hat, dass es Leute gibt, die eine krassere Einstellung zur Sache haben. Seitdem ist er großer Fan mit Fotoapparat.
Seit drei oder vier Jahren kann man auf seinen Unterarmen zwei eintätowierte Sätze lesen: “must not sleep” und “must warn others”. Glücklicherweise in ziemlich simpler Blockschrift, derselben wie auf dem Cover von “Labor Days”, und nicht, wie man, da er in Boston Kunst studiert hat, vermuten könnte, in einer ähnlich grotesken Gestaltung wie sein jetziger Plattenumschlag, den er etwas verrückt findet. “Bazooka Tooth heißt das Album wegen einer fixen Idee von mir von einem Typen, der lauter Stuff und eine Pistole in seinem Mund hat und damit schießen kann, ich dachte, das wäre eine lustige Art Superheld.” Momentan gefällt es ihm sehr gut, aber der Zufriedenheitsgrad wechselt immer, er ist da etwas unschlüssig und wie bei jeder Platte etwas verwundert über das Ergebnis, denn “das ist jetzt also das, wonach man mich und mein Leben im letzen Jahr beurteilen wird?” Auf Bazooka Tooth hat er, neben seinem langjährigen Produktionspartner und bestem Freund Blockhead, der bald eine Platte bei Ninja Tune herausbringt, fast die Hälfte der Beats selbst gemacht. Wieso verwendet er eigentlich neben den sehr suspekten Samples, eventuell ein Relikt seiner litauischen Wurzeln, so vergleichsweise seltsame Wortkombinationen? “Es ist einfach ein endloser Versuch, etwas Originelles zu machen. Ich lese keine Bücher, ich schreibe nur aufgrund von Rap-Musik. Wenn man mit einer Sache aufwächst ist es wichtig, zwar den Pionieren zu huldigen, aber mit etwas Originellem, jetzt Relevantem und für sich selber Ehrlichem zu kommen. Ich will, dass die Leute meinen Shit hören, und sich denken, dass sie sowas vorher noch nie gehört haben. Denn das ist der Grund, weshalb ich als ich jünger war Run DMC, Wu-Tang und Tribe Called Quest und diese ganzen Gruppen mochte. Bis die Leute mir das sagen, fällt mir aber meistens gar nicht auf, dass ich diesen weirden Shit schreibe. Ich mache halt das, was mir liegt, aber das ist meistens etwas ab vom Schuss.”

PLAY AND PAY
Spielen ist eine von Aesop Rocks Lieblingsfreizeitbeschäftigungen. Videospiele, versteht sich. Ein Glücksfall, dass man beim Zusammenstellen des Soundtracks für “Tony Hawk 4” an die Def Jux Crew gedacht, und u.a. seinen Track “Labor” verwendet hat. Irgendwelche moralischen Probleme damit, zumal die X-Box ein Microsoft Produkt ist? “Ich war sofort bereit, das zu tun. Wir sind alle große Videospieler. Ich habe momentan eine Playstation, einen Gamecube und eine X-Box zuhause. Wir haben auch auf einem anderen Game ein paar Songs. Es ist außerdem nicht nur für X-Box sondern für alle drei Konsolen. Und jede Firma ist doch böse. Ich hätte denen um Teil des Soundtracks zu sein auch einen Song geschrieben. Plus ich bin zehn Jahre lang Skateboard gefahren. Als wir das Game bekommen haben, war ich begeistert”. Ein Problem hat Aesop Rock eher mit Filesharing bzw. den Leuten, die seine Tracks downloaden. “Wenn ich eine Platte mache, möchte ich schon, dass die Leute sie kaufen.” Damit nicht wieder irgendwelche Journalistengurken ihre Vorabversionen der DefJux CDs ins Netz stellen, gibt es darauf mittlerweile einen so genannten Promo-Bot. Da der zu Anfang so nervtötend war, dass eigentlich niemand mehr Lust hatte, sich die DefJux Platten im Vorhinein anzuhören, plumpst der Promobot inzwischen in einer etwas dezenteren Variante in die Tracks. Der Grund dafür ist natürlich nicht Journalistenterror sondern Künstlerschutz: “Insbesondere für einen Independent Künstler wie mich macht es sehr viel aus, wenn ich so 40/50.000 Platten in Amerika verkaufe und sich dann 5000 Leute das Album aus dem Internet ziehen. Für einen Mainstream-Artist mag das nicht so schlimm sein, aber für uns ist das echt eine Plage, zumal wir ja unser Geld nur durch den Plattenverkauf verdienen.” Außerdem tötet es so den Hype, der vor dem Releasedate des Albums entsteht. Überhaupt kümmert Aesop Rock das Internet nur wenig, er nutzt es kaum, denn “einige Sachen sind wie Magie für mich, und ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht allzu sehr.”
Dass sein Video zu “No Jumper Cables”, das größtenteils aus übrig gebliebenem Material des Graffitifilms Style Wars besteht, auf der Def Jux Website zu sehen ist, findet Aesop Rock natürlich gut. Aber ansonsten ist er eher analog orientiert und schätzt direktere Kommunikationsweisen. Zum Beispiel beim Samples suchen: “Ich höre mir meistens Sachen an, die in den 70ern gemacht wurden und wo ein Keyboarder mit dabei war. Mitte der 70er scheint es bei den ganzen komischen Rockbands irgendwie cool geworden zu sein, ein Keyboarder in der Band zu haben. Ich bin kein Cratedigger oder so, ich gebe keine Umsummen für Platten aus, drei Dollar pro Platte sind meiner Meinung nach vollkommen ausreichend. Ich gucke mir die Band auf dem Cover an und wenn sie lustig aussehen, nehme ich die Platte mit. Oder wenn es interessante Instrumente auf der Platte gibt, kaufe ich sie und hoffe, dass sie auf keinem Majorlabel ist, so dass es keine Probleme gibt. Die Samples beruhen also eher auf Zufall.” Von seinem Sampler ist er sehr begeistert und schwärmt eine Weile: “Ich benutze einen ASR 10. Der ist etwas primitiv. Viele Leute mögen ihn nicht mehr, die meisten benutzen lieber eine MPC. Die MPC2000 mag ich gar nicht, der ASR 10 ist viel besser, denn er ist primitiver, viel größer, schwerer, etwas barscher, schmutziger und funktioniert im Grunde genommen die ganze Zeit nicht, wie er sollte. Es ist eine gute Maschine. Und wenn sie abfuckt, bin ich stolz drauf. Ich mag den Sound einfach. Die Firma gibt es zwar nicht mehr, aber wenn meiner kaputt geht, würde ich mir nochmal denselben holen.”

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Elektronische Lebensaspekte.