Anticon wuseln sich durch ihre eigene Version von Amerika und geben dem Patriotismus ein neues Zuhause. Die Defnition ihres Labelnamens bleibt vage, aber gegen Klassifizierungsversuche zwischen Undie und Shrink Rap setzen sich die Oaklander Jungs zu Wehr.
Text: Renko Heuer aus De:Bug 74

HipHop

Bart statt Style
anticon.

Vor fünf Jahren sammelten sich die ersten Regentropfen in einer kleinen Pfütze. Schnell wurde sie tiefer und entwickelte ihre eigene Dynamik. Wuchs zur Größe eines Spiegels an und wurde schließlich zur Plattform. Die mit einem Ameisenlogo versehene Fahne, die auf ihr steht, hat eine Besonderheit: Sie weht seit jeher gegen den Wind. Ein Jahrestag. Man denkt zurück, macht sich Vergangenes bewusst. Reflektiert, bei Regen womöglich in Pfützen. Seit der Geburtstunde von anticon. sind fünf Jahre verstrichen. Und es hat sich vieles getan, seit jener legendären ersten Deep Puddle Dynamics-Session, bei der Jel seinen Job verlor und Doseone sein BWL-Studium an den Haken hing. Doch der 26. Juni 1998 mag zwar noch irgendwo in den Scatterbrains des Kollektivs rumschwirren, wurde aber keineswegs zelebriert: “Wir vergessen die Geburtstage unserer Freunde und glauben nicht an Gott. Wenn man erst mal die Achtzehn überschritten hat, ist man an jedem Geburtstag eigentlich nur noch deprimiert. Darum haben wir nicht gefeiert“, so Doseone.
Anticon. sind längst keine Unbekannten mehr. Sie haben ihren Ruf weg, sind Stammgäste bei John Peel. Allerorts haben Journalisten versucht, Listen ihres Umfelds (der so genannten Coworker Cousins) aufzustellen, neue Genre-Termini zu schaffen (Undie, Shrink Rap und Co.) und Schubladen zusammenzuschmeißen, um die nunmehr in Oakland ansässige Crew irgendwie greifbar zu machen. Der Jahrestag soll daher von uns genutzt werden, um noch bestehende Unklarheiten auszuräumen. Und neue zu schaffen.

BEDEUTSAM WORTBEFLISSEN
Anticon., von vielen als Anti-Conventional oder Anti-Conformity abgetan, steht für einiges mehr: Neben dem offensichtlichen Ant-Icon bekundigt Brillenträger Dose seinen Missmut bezüglich Kontaktlinsen: “It’s Anti-Contactlenses to me.“ Für Sage Francis ist es ein anderes Wortspiel: “We’d like to get our antic on.“ Letztlich behauptet Jel sogar, dass es unendlich viele Bedeutungen seien, es kämen täglich welche dazu. Das wiederum trifft auf mehreren Ebenen zu. Denn es verhält sich bei den Aktivitäten der young anticons ähnlich. Dose: “Ich korrigiere gerade ein Drehbuch für einen Animation-Movie, der in Vancouver produziert werden soll. Ich soll die Erzählerstimme machen, mache ich natürlich auch. Dazu wird wohl in fünf Jahren mal ein Buch rauskommen; Gedichte, alles aus meinem Scatterbrain, dabei bin ich wirklich kein Proust.“ Doseone, ganz der Ex-Legastheniker (“I had trouble with all those q’s and p’s and b’s and d’s.“) und Output-Junkie will damit endlich das Gefühl loswerden, bei Konzerten nicht genug rüberbringen zu können: “Perfekt wäre eine Installation in einem Raum, Bilder von mir, ein Film, die Musik, und vielleicht ein bisschen mehr Licht als bei normalen Konzerten.“ Auch Sage ist dabei, ein Buch zu schreiben: “Zwei, um genau zu sein. Leider ist es im Moment so, dass ich zuviel machen muss, um überhaupt leben zu können. Ich kann noch nicht so richtig zurücktreten von meiner eigentlichen Basis, der Musik.“

ENTROPIELOSE ETHIK
Trotzdem wollen sie nichts aus der Hand geben, und lieber klein bleiben, als das große Geld zu verdienen. Sole: “Wenn Sony zu uns kommt und sagt: Ihr könnt zehn Alben dieses Jahr veröffentlichen, uns ist es dabei ganz egal, ob die Hälfte davon nur weniger als 5000 Einheiten verkauft, und außerdem werden wir euch nicht dazu zwingen, zu MTV zu gehen – dann sind wir vielleicht dabei, aber so was passiert nun mal nicht, die Republikaner stellen schließlich auch keine Muslime für die Wahl.“ Das bedeutet trotzdem nicht, dass anticon. ein geschlossenes System ist. Die Gefahr der Entropie wäre zu hoch. So hat Sage (wie auch die Soundverwandten Sixtoo und Buck 65) gerade einen Neben-Deal bei einem anderen Label gesigned: “Bei Epitaph. Sie wollten mich, und dann sehe ich da auch Brücken. Und letztlich geht es natürlich ja auch darum, dass ich meine Kunst den Leuten präsentieren kann. Für mich ist das schon spannend, dass ich jetzt mehr Leute erreiche.“ Dose ergänzt ihn: “Der Frage ist doch, ob man wirklich willkommen ist. Oft sind Acts aus den falschen Gründen willkommen, oder gar nicht. Ich hab ja auch Platten bei Mush oder Ninja Tune veröffentlicht. Und das fühlt sich auch gut an.“

COLA MACHT SINN
Anticons sagenumwobene DIY-Ethik gibt es laut Sole und Dose nicht, höchstens bei Masturbation könne man davon sprechen. Von diesem Punkt driften die Jungs, eindeutig verwundert darüber, dass “das achte Element des HipHop in Deutschland Hacky Sack zu sein scheint“, in eine Grundsatzdiskussion über Freundschaft (Sole: “Freunde sind Leute, die man aus dem Gefängnis freikaufen würde.“), Spontaneität (Dose: “Nur Gedichte leben wirklich im Moment.“), Jels Mutter (Sheryl Logan) und HipHop (alle: “Rest in peace!“) bis wir bei Eminem landen, mit dem Dose 1997 in einem Battle zusammentraf: “Ich hab ihm ins Gesicht geschossen, wirklich. Weil er mich weiß genannt hat. Und ich bin nicht weiß. Ich bin zu 87% schwarz. (Sage lacht). Er sagte, ich wäre weiß, und ich hab ihn erschossen. Auf diese Weise hat ja auch Ja Rule 50 Cent gesigned. Und später hat dann die portugiesische Regierung Island überfallen. Obwohl ich es besser gemacht hätte, um Seven-Inches zu verkaufen. Daher hat Paul (Sage Francis) eine Seven-Inch raus, zusammen mit einem netten Typen, den wir in London getroffen haben, und dessen Name nicht Lars ist.“ Sage lenkt ein: “Ich bin auch Halb-Portugiese, aber ich trinke nur Cola, daher mache ich auch mehr Sinn.“ Sole, der CEO, bekommt das Schlusswort der Bestandsaufnahme: “Wenn man schon kein Geld macht, dann muss man wenigstens Sinn machen.“

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Elektronische Lebensaspekte.