Big Dada ist die Rettung der britischen HipHop Landschaft. Mit brillanten Platten von Roots Manuva u.a. beschreitet das Londoner Ninja Tune Sublabel neue Wege und weckt nicht bloß in England trendlose Begeisterung für seine elektronischeren und dublastigen Veröffentlichungen.
Text: Jan Kage aus De:Bug 66

Mitte der 90er rappten in England eine Unmenge MCs über die vier Elemente auf Beats, die auf jazzigen Loops basierten und möglichst nah ans New Yorker Original angelehnt wurden. Nur hatten die Briten ein Problem: Die Hörer und Konsumenten verstanden und kannten die amerikanischen Originale. Das Plagiat war offenbar. Die Post Britcore-Szene machte sich selbst obsolet. Aber dort, wo es stagniert, scheint auch schon immer irgendwo der Fortschritt zu lauern. Und in diesem Falle war der Katalysator des Fortschritts ein HipHop-Journalist, der gelangweilt war von Engländern mit fake amerikanischem Akzent und von den immer gleichen Loops. Dieser Schreiber ging zu dem Labelchef des damals aufsteigenden, sehr erfolgreichen TripHop-Labels Ninja Tune und bat ihn um Unterstützung im Aufbau eines HipHop-Labels, das sich progressiver, experimenteller Musik verschreiben sollte. Und so geschah es. Big Dada wurde aus der Taufe gehoben und Will Ashon hatte einen neuen Job. Fortan arbeitete der einstige Journalist als Labelmann und beförderte die Karrieren so illustrer Künstler wie die des dancehalligen Roots Manuva, Gamma, des HipHop-Storytellers Ty, des New Yorkers Mike Ladd oder der Franzosen TTC.

No fake american accent!

“Die Notwendigkeit einer eigenen Szene war in England auf Grund der Sprache, die wir mit den USA teilen, nicht so groß wie in Frankreich oder Deutschland”, sagt Will Ashon. “Ich war es leid, englische Kids mit New Yorker Akzent über amerikanische Probleme wie Waffen rappen zu hören”, erzählt ein entspannt ins Sofa geflätzter Ashon im Süd-Londoner Ninja Tune Headquarter. “Ich mag New Yorker HipHop auch. Aber über ein jazziges Loop passt ein New Yorker halt besser als ein Londoner. Eine stilistische Entwicklung tat not. Der britische Kram ist eher grobkantig und dreckig. Das Tempo ist schneller.”
Das war es bereits zu Zeiten von Hijack und Gunshot, zwei Gruppen, die Anfang der Neunziger an vorderster Front des so genannten Britcore standen. Der Big Dada-Sound ist aber weniger von der damaligen Zeit beeinflusst als vielmehr vom Dancehall-Reggae: “Die Dancehall-Einflüsse sind sehr wichtig. Die sind in den Beats, aber auch in den britisch-jamaikanischen Akzenten der MCs zu hören. Es ist sehr wichtig, neue Wege zu finden, die Leute zum Tanzen zu bringen. Früher standen die B-Boys in ihren dicken Daunenjacken auf den Parties und guckten böse in die Gegend und keiner wollte tanzen. Aber die Leute wollen auch tanzen! Es geht auch um die Attitüde in der Sprache. Die ganze Musik ist ein full body and mind workout! Es ist Zeit, die Musik zurück zu den Clubs zu bringen, wo sie auch herkommt. Wir haben uns da auch von der britischen Club-Szene, z.B. dem 2 Step, inspirieren lassen und der Art, wie die Geld verdienen. Die öffentliche Wahrnehmung drückt der HipHop-Szene eine recht einengende Definition auf, was sie zu sein habe. Man darf entweder nur über Waffen und Drogen rappen oder Consciousness ausdrücken. Das ist aber zu wenig. Ich will auch nicht definieren, was HipHop zu sein hat. HipHop ist zwar Teil meines Lebens, aber ich besitze ihn nicht. Aber man kann ihn auf keinen Fall von seinen sozialen Wurzeln trennen.”

Bisher größter kommerzieller Erfolg für Big Dada war Roots Manuvas Album “Run Come Save Me” mit etwa 70.000 verkauften Einheiten allein in England. Jüngstes Produkt aus dem Hause Big Dada ist die Label Compilation “Extra Yard”, die den Status Quo des britischen Labels zusammenfasst. “Wir sind aber kein englisches HipHop-Label”, stellt Will klar und spielt mit der Klett-Lasche seiner Lacoste Turnschuhe. “Wir sind ein internationales HipHop-Label mit Sitz in London.” Dieser Sitz ist übrigens eine Erwähnung wert, denn es fiel mir nicht leicht, die angegebene Süd-Londoner Adresse zu finden. Mitten in einer langweiligen Wohngegend steht da dieses schmale, dreistöckige Haus mit großer Toreinfahrt, aber es findet sich weder ein Türschild noch eine Hausnummer an der Fassade. In der Tür klebt ein Logo irgendeines Brandschützer-Departments und nur, weil ich den weiten Weg gemacht hatte, drückte ich schließlich die Klingel. “Hello?” “Yes, hello, is this the Ninja Tune Office?” “Yes, come up, please!” Summer. “Weißt du, man möchte in dieser Gegend nicht jeden wissen lassen, dass man hier ein Geschäft mit Plattenlager und vielen Computern führt.” Keep it on the low.

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Elektronische Lebensaspekte.