Das New Yorker Label Def Jux ist die schlecht gelaunte Gallionsfigur des Noncorporate-Raps, das seine Rhetorik so unbezwingbar wie rauh vor den Ami-Latz knallt. Mit Ex-Company Flows El-P, Lif und RJD2 kam jetzt die geballte Def Jux-Crew nach Deutschland, um ihre Idee von guter Musik in schlechter Gesellschaft face to face zu unterbreiten.
Text: Uh Young Kim aus De:Bug 67

Sinnsprüche für Paranoiker
Def Jux

Anspannung überall. An den Grenzen zum Irak, an den Zäunen der Urlaubsparadiese, in den stets Anschluss findenden Nachrichten, den Sicherheit suchenden Köpfen der Menschen und auch auf den letzten Metern der ersten DefJux-Tour durch Kontinental-Europa. Mit oder ohne Bomben über Bagdad – der Krieg hat längst begonnen. Es ist wieder Januar, während der militärisch-industrielle Komplex erneut mit Tarnkappen-Jägern rasselt und die meisten so weiter machen, als ob nichts geschehen würde.

El-P ist gereizt. Der unfreiwillige Säulenheilige des Independent HipHop tigert im noch leeren Club herum und betet leicht pathologisch seinen Running Gag der Tour herunter: “I’m American. I don’t understand.“ Wenn etwas den Brooklyniter MC und Producer umgibt, ist es die physische Spannung und urbane Paranoia aus dem Rotten Apple, aus dessen WTC-Krater der Kampf zwischen Gut und Böse seine zerstörerische Inszenierung speist. Ein Jahr vor 9/11 brachte der Joe Pesci des Rap sein eigenes Label an den Start. Der Split von seiner damaligen Gruppe Company Flow war für die neuerstarkte Noncorporate-Rap-Bewegung ein Schock, für El-P eine ehrliche Provokation des erreichten Status als marktgerechter Indie-Held. Der Mann mit der Mützen-Aufschrift “Here Is The Center Of Attention“ ist in der zehnten Woche der Label-Tour mit Mr. Lif und RJD2 erschöpft und hat das Nomadenleben sichtlich satt. Definitve Jux, das ist das Label, das seit 2000 mit jedem Release die Unabdingbarkeit eines kompromisslosen Underground unter Beweis gestellt hat. Sei es mit dem bionischen Apokalypse-Rap von Cannibal Ox, dem Zungentwist des Arbeiterdichters Aesop Rock oder der enzyklopädischen Übersetzung von Hardcore-Idiomen in fundamentale Lehrstunden des Undergrounds vom Meister persönlich. Ihr HipHop-Entwurf positioniert sich am anderen Ende des dumpfen Sozialneids, wie er von Gangster-, Jiggy- und R’n’B-Rap suggeriert wird. Paranoid und komplex, in die Fresse und schwer verdaulich, abgefuckt und zeitgleich so erhaben wie die Sphären von “Blade Runner“.

So unabhängig wie sich El-P gegen Ende der Neunziger von der sinnentleerten Keep-It-Real-Flagge distanziert hat, so sicher kann er sich in Zeiten der kollabierenden Realitäten einer Sache sein: DefJux-Artists kennen sich auf der Schattenseite des Star Spangled Banner zu gut aus, um sich im Diskurs um 9/11 die Meinung diktieren zu lassen. Amerika, das ist für sie immer schon das wahr gewordene Dystopia gewesen, Synonym für den sozialen Verfall einer großmäuligen und sich mit selbsgerechtem Pomp darstellenden Nation, der mit noch größerem Maul und in Beats geballter Intensität begegnet werden muss. Gegen den gefälligen Gleichklang aus der Neptunes-Hitfabrik heulen verzerrte Gitarrenschleifen um kranke EPS-Synkopen und analoge Synthesizer-Crescendos vom Planet Rock, während Lif und El-P auf ihrer vorletzten Europa-Show in Köln pausenlos Reime ins Publikum feuern, die weniger auf Verschwörungstheorien als auf eine aufgeklärte Beobachtungsgabe schließen lassen.

Wie das rockt, daran können sich vielleicht noch die Gäste des 2000er Battery Park in Zürich erinnern, als Lif als Gast-MC des Bostoner Elektronik-Musiker Cosmopolis das Highlight des Festivals war. Mit ihm hat sich El-P sowohl seinen perfekt abgestimmten Live-Support als auch den kongenialen Polit-Knochen ins Team geholt, der die bisherige alltagspolitische Perspektive von DefJux mit steilen Thesen und harten Fakten aus dem Makro-Universum unterfüttert. Einer der tief in die Materie taucht, um die U.S.-Regierung genau dort zu packen, wo sie mit bepisster Hose dasteht: In der Verwicklung von ökonomischen und militärischen Interessen unter dem Deckmantel des “War On Terror“. Im Klartext heißt das: “Here is what the history books show / you’re a dead man for fucking with american dough“ (aus “Home Of The Brave“). Die Absurditäten, die sich im Afghanistan-Krieg ergeben haben, stellt Mr. Lif auf dem piktographischen Cover seiner EP “Emergency Rations“ bloß: Links werfen Flugzeuge Bomben auf Häuser, rechts fallen statt Bomben Care-Pakete auf brennende Häuser und Menschen. Die EP ist eine stichhaltige Abrechnung mit der Außenpolitik der U.S.-Regierung, das Album “I Phantom“ geht vom Konzept einen Schritt weiter, indem es anhand der Lebensabschnitte eines jungen Mannes den sozialen Verfall in den U.S.A. sichtbar macht. Lif checkt die Subtexte mit der Didaktik eines KRS-1, übersetzt sie in den hypnotischen Endlos-Flow eines Rakim und spuckt sie mit der Kampfeslust von Chuck D wieder aus.

DEBUG:
Das “Time”-Cover vom 25.11.02 zeigt Bin Laden als schemenhaften Geist, darunter die Headline: “Why Can’t We Catch Him?“ Was ist deine Antwort?

LIF:
Weil sie es nicht wollen. Er arbeitete für die CIA. Er ist ein Mann des Geldes. Jeder, der Geld hat, ist ein Freund der USA.

DEBUG:
In der Story ging es tatsächlich um die Suche nach Bin Laden wie beim Räuber-und-Gendarme-Spiel. Was er repräsentiert, wurde nicht behandelt. Pynchon würde dazu sagen: Wem es gelingt, dir falsche Fragen einzureden, dem braucht auch vor der Antwort nicht zu bangen.

LIF:
Es ist Teil der Propaganda. Die sind nicht fähig, sich selbst zu hinterfragen.

DEBUG:
Woher beziehst du deine Informationen?

LIF:
Erstmal ist es ein Gefühl aus dem Bauch heraus. Wenn du dir die Medien ansiehst, kommst du nicht um den Punkt herum, an dem die Propaganda einen fahlen Nachgeschmack hinterlässt. Dann gräbst du tiefer, in Büchern und Schriften, die ich teilweise aus einem Laden namens Revolution Books habe. Über die Nahost-Poltik der Regierung in den letzten 50 Jahren, ihre Öl-Interessen, Chomsky, Bin Laden und den CIA, die “Fast Food Nation“…

DEBUG:
Dein Wissen ist teilweise angelesen, dein Style definitiv street. Wie bringst du beides zusammen?

LIF:
Als schwarzer Mann in Amerika lebst du in einem Widerspruch zwischen all den Konnotationen und Stereotypen. Die Leute erwarten, dass ich nicht mal richtig reden kann, so wie sie etwa Michael Moore (Bowling for Columbine) als dicken, dummen Durchschnitts-Ami unterschätzen. Es geht darum, White America zu schocken, das immer Angst vor dem Fremden hatte, indem ich krass rüberkomme, und dabei eloquent genug bin, um Fälle klar und präzise zu präsentieren. Ich lese gerade das Buch “The Possessive Investment Of Whiteness“ von George Lipsitz. Da geht es genau darum, wie Weiße Identitätspolitik nutzen, um Rassismus und Hass, die Geldströme und Gesetze zu steuern – aber ich komme etwas vom Thema ab. Es genügt nicht, bloß redegewandt zu sein. Du musst raw und ruff dabei sein.

Abschließend erzählt Lif im Backstage noch von seinem Videospiel. “Devolution“ ist ein interaktives Webgame, das in Kürze online zur Verfügung steht, ein Labyrinth voller Infomationen, die Medien wie die “Time” verschweigen. Derweil bereitet sich RJD2 auf sein Set vor, bei dem er seine instrumentalen Downbeat-Exkursionen oktopusartig auf vier Plattenspielern zusammencuttet. Als DJ Shadow von DefJux war er mit genau diesem zuletzt auf Tour. Kurz bevor es los geht, betritt ein amerikanischer B-Boy names C3PO den Keller. Lif kennt den MC noch von seiner letzten Tour und stellt ihn vor. Zum ersten Mal am Abend entspannt sich El-P. Belustigt bemerkt er, dass sich gerade zwei Menschen in einem Raum befinden, die sich nach Star-Wars-Robotern benannt haben. Auf die Frage, was er in Deutschland mache, stellt sich heraus, dass C3 bei den Special Forces stationiert ist – ein amerikanischer Soldat als Fan von regierungsfeindlichen Hardcore-Rappern. Heute haben sie ihm gesagt, dass er am 1. Januar runter an den Golf müsse, zum “Saubermachen“. RJ redet auf ihn ein, den Scheiß nicht mitzumachen und abzuhauen. Von RJs Freunden, die 1991 zum “Saubermachen“ an den Golf geschickt wurden, sind einige nie zurückgekehrt. El-P aber meint: “Wenn du bei der Army bist, hast du keine Wahl.“ Als Amerikaner versteht er das nur allzu gut.

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Elektronische Lebensaspekte.