Sie brechen eine Lanze für Watermarks auf ihren CDs, Krieg als friedenssichernde Notlösung und das Recht auf Andersdenken. Die Dilated Peoples sind die Meister der Nonkonformität und der Beat-Produktion. Ihr drittes Album ist geölter denn je.
Text: Ekrem Aydin aus De:Bug 81

Marathon, nicht Sprint
Dilated Peoples

Es heißt, dass erste Album ist das wichtigste, da hierfür die bisher gelebte Spanne als Vorbereitung gilt. Der zweite Longplayer (sofern ein Erfolg des ersten einen solchen ermöglicht) soll der schwierigste sein, da die mit dem ersten Album gewachsenen Erwartungen und Fans befriedigt werden wollen sowie neue Hörerschaften erschlossen werden sollen. Die Dilated Peoples bestehend aus Rakaa Iriscience, Evidence und DJ Babu sind bereits beim dritten Album angekommen. Nicht leicht in Zeiten der beliebig austauschbaren Musikkonserve. Und wenn es dann doch jemand schafft, müssen die Resultate vor bösen Raubkopierern und eifrigen Download-Nerds wie Staatsgeheimnisse gehütet werden. Wer also wissen wollte, worum es der Crew aus L.A. auf ihrem neuen Album ”Neighborhood Watch” geht, musste eigens dafür in die EMI-Zentrale reisen, wo eine mit Wasserzeichen versehene CD beinahe wie der heilige Gral zum Anhören präsentiert wurde. Andererseits: Warum sollte der Aufwand für ein rappendes Trio aus der Stadt der Engel geringer sein als für die Labelkollegen Daft Punk und Robbie Williams? Knapp eine Woche später dann sind die drei Multitalente höchstpersönlich in der Hauptstadt und präsentieren sich als erfrischend unkomplizierte Interviewpartner mit reichlich Output. Dass die Maßnahmen zum Schutz ihres Albums so konsequent durchgezogen werden, erfreut die Gruppe, denn die Technik zur Vervielfältigung ist so schnell und einfach wie nie.

“Du kannst nicht kontrollieren, ob und wie dein Material gebootlegt wird”, erzählt Rakaa und fährt fort: “Schlimmer ist die Tatsache, dass vom eigentlichen Album nur teilweise Material durchsickert, das Gesamtwerk dadurch zerstört wird, die Stücke in beliebiger Reihenfolge sortiert und somit aus dem Kontext gerissen werden, die Qualität oftmals schlecht ist und plötzlich Besprechungen von diesen Fragmenten auftauchen, die der eigentlichen Sache nicht gerecht werden und uns als Künstler schaden, da viele sich dieser Meinungen bedienen.” Sie haben viel von sich in ihr Album hineingesteckt, das merken die Hörer sofort. “Unser drittes Album ist für mich das persönlichste. Da habe ich mein ganzes Leben drauf hin gearbeitet”, erzählt Rakaa Iriscience. ”The Platform”, das erste Album, war für das Trio eine Zusammenfassung der bereits veröffentlichten Singles. Album Nummer Zwei ”Expansion Team” führte einen Prozess innerhalb der Gruppe mit sich, der sie noch enger zusammenwachsen ließ. Nun, da sie bei “Neighborhood Watch” angekommen sind, arbeiten alle zusammen wie eine gut geölte Maschine. Als Texter sind sie laut eigener Aussage auf einem Level angelangt, das vorher unerreichbar schien. Evidence, selbst MC und Beatproduzent der Peoples dazu:”Diesmal gibt es keine Lückenfüller, die Stücke sind in sich stimmig und präsentieren uns als Ganzes.”

Wir geißeln das öffentliche Schulsystem!

Thematisch blicken Dilated Peoples stets über den genreüblichen Tellerrand hinaus. Bereits auf ihrem letzten Album beschäftigten sie sich unter anderem mit Amerikas Außenpolitik und nun kritisieren sie die innere, so z.B. das öffentliche Schulsystem oder die Verfolgung Andersdenkender. Ist es nicht schwierig, solche Stücke zu Zeiten von John Ashcrofts “Patriot Act” zu schreiben? Evidence ist davon überzeugt, dass so manches Kid mehr von “Global Dynamics”, einem ihrer ersten Stücke, lernen kann, als in 10 Jahren an einer amerikanischen Schule. Rakaa führt fort: “Wir sagen einfach, was uns beschäftigt. Versteht mich nicht falsch, ich liebe den Ort, an dem ich lebe, doch das sagt noch lange nicht, dass er perfekt ist. Es ist ja auch nicht so, dass wir sagen ’Amerika ist scheiße’, sondern einfach die Tatsachen auf den Punkt bringen. Wie kann es sein, dass eine friedensbefürwortende Einstellung in Kriegszeiten als antiamerikanisch gilt? Wenn es zum Krieg als letztem Mittel kommt, dann sollte er trotzdem dazu dienen, den Frieden wieder herzustellen und nicht des Profits wegen, wie ihn unsere Regierung führt.”

Jeder der drei betreibt erfolgreich noch eigene Projekte. So betreibt Babu sein eigenes Label Sequence Recordings und hat darauf gerade den zweiten Teil seiner ”Duck Season’”-Reihe veröffentlicht. Eine sehr ausgereifte Compilation, zum überwiegenden Teil auf Babus Beats basierend und mit Gästen aus allen Teilen des Landes garniert. Außerdem ist Babu als Mitglied der Beat Junkies, einer DJ-Crew gespickt mit lauter Superstars der Turntablism-Szene, noch als eine Hälfte der Likwit Junkies mit Partner Defari an einem neuen Album beschäftigt. Evidence war schon vor dem ersten Dilated-Album geschätzter Produzent und bringt im April die ”Yellow Tape Instrumentals” heraus. Rakaa Iriscience hingegen konzentriert sich außerhalb des Studios stark auf Gemeindearbeit mit jugendlichen Straftätern. Darin spiegelt sich erneut die Vielfältigkeit der drei wieder. Doch genau das macht sie aus und sorgt bereits zum dritten Mal für konstant gute Musik passend zu einer ihrer Zeilen: “We prepare for marathons and don’t sprint.”

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Elektronische Lebensaspekte.