Berlins Turntablism-Legende DJ Hype bringt sein Debutalbum raus und versammelt darauf massig internationale MCs. Nicht, weil Hype inzwischen reich geworden ist und sein Geld gerne in Features steckt oder weil ihm ein Major mit Verkausprognosen im Nacken sitzt. Sondern weil sich HipHop hier noch hauptsächlich auf sowas wie Freundschaft gründet.
Text: Jan Kage aus De:Bug 71

Connections

Good old DIY! Berlins zweifacher nationaler ITF-Champion und Teilnehmer internationaler Contests DJ Hype macht es vor. Hype legt sein Debutalbum vor und das nicht nur als Doppelvinyl, sondern auch als CD und DVD, auf der sich für alle 14 Tracks Videos verschiedener Künstler finden. Wer viel rumkommt, lernt unweigerlich viele Leute kennen. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Hype, nicht zu verwechseln mit Londons Drum and Bass-Mann, eben diese Kontakte für sich nutzt. Auf seinem Debut-Album “1973 * Recon“ rappt die Crème des amerikanischen Underground-HipHop. Masta Ace, Mr. Lif, Souls of Mischief, Beat Junkies, Zion I und Freestyle, um nur einige zu nennen, geben sich das Mikro in die Hand. Das britische Beatbox-Wunder Killa Kela steuert seine Sounds bei und Mr. Thing (Ex Scratch Pervert) und Hypes eigene Crew Phaderheads demonstrieren, wo Turntablism zur Zeit steht.

Debug:
In den letzten drei Jahren, sind ja gerade in Deutschland eine Reihe an DJ/Produzenten-Alben rausgekommen, wobei deines da noch mal eine andere Rolle spielt, weil du fast ausschließlich amerikanische Gäste hast. Wie hast du die ganzen Leute kennen gelernt? Hast du so einen guten A&R wie DJ Tommek? (Lachen) Erzähl die Entstehungsgeschichte!
Hype:
Also, einen A&R brauch ich für so was nicht. Wenn du dich lang genug in irgendwelchen Gefilden rumtreibst, lernst du natürlich gewisse Leute kennen. Ich habe den Vorteil, dass meine Freundin Karin mit ihrer Firma Subotage die ganzen amerikanischen Underground-Acts bookt. Dadurch kommt man schon mal ganz leicht mit den Künstlern in Kontakt, weil die an ihren Day Offs bei dir zu Hause vorbeikommen. Wenn die bei mir ins Zimmer kommen (voll mit Platten und Star Wars-Devotionalien; JK), wissen die eigentlich direkt, was Sache ist. Die erste Frage der meisten ist dann: Machst du auch Beats? Und dann spiel ich denen was vor und die meisten sind dann direkt drauf eingestiegen, weil sie es gut fanden und da Parallelen zu sich sahen, anknüpfen konnten, ohne auf irgendwelche Majorstrukturen aufbauen zu müssen.

Debug:
Das Kapital der Produktion waren also deine langjährigen Kontakte zu den DJs, MCs, dem Studio bis hin zu den Videokünstlern.
Hype:
Genau, “1973 * Recon“ kommt in der CD-Version auch als DVD. Diese Video-Sache ist auf dem Mist von Katmandu (Juice-Gründer und Betreiber des Labels; JK) und mir gewachsen. Der hat ein riesiges Netzwerk von Künstlern. Wir haben ihnen die Message der Tracks erläutert und konnten dann machen, was sie wollten. Einige haben sich direkt für Real-Video entschieden, andere haben sich für Kunst-Videos entschieden. Ganz unterschiedliche Geschichten: Es gibt Kurzfilme, Footage-Montagen; insgesamt vierzehn Videos. Das ganze Album ist verfilmt! Jedes Video wurde von einem anderen Künstler gemacht. Es sind extrem viele unterschiedliche Leute daran beteiligt gewesen, insgesamt etwa 60, dadurch gibt es viel Abwechslung. Sie sind alle independent produziert, was einen gewissen Flair schafft. Einige sind trashig, andere wieder sehr professionell, andere sind sehr verrückt. Das Video mit Mr. Thing etwa haben wir Homeshopping-mäßig aufgenommen und haben im Takt die Küchengeräte bedient und sind darauf voll ausgekreist. Bei dem Track mit Beat Junkies spielen drei Schauspieler, die sich Jack-Ass-mäßig völlig wegschießen und am nächsten Tag als Piloten ins Flugzeug steigen.

Debug:
So ein Projekt hätte man, bei den vielen Leuten, die an der Entstehung beteiligt waren, ohne die Freundschaftsbasis ja gar nicht finanzieren können!
Hype:
Genau so sieht’s aus! Und das war auch der ganze Hintergedanke: den Majors zeigen, dass es auch anders geht.

Debug:
Kommen wir zum Thema Clubs und Partys: Wie wichtig sind die für Hip Hop im Moment?
Hype:
Clubkultur war allgemein immer wichtig für die schnelle Weiterentwicklung von Musik, einfach weil Leute da Sachen wagen. So ist zum Beispiel auch Drum and Bass entstanden. Ob es jetzt so wichtig für HipHop ist, ist ‘ne harte Frage. Was daran viel interessanter ist: Wenn man den HipHop-Leuten, die jetzt anfang 20 sind, Funk- oder Downbeat-Geschichten vor den Kopf haut, fahren die völlig drauf ab, weil es für sie eine Abwechslung ist und trotzdem ihre Roots beschreibt. Wenn ich Freestyle spiele, geht es zwar einerseits zurück in der Zeit, aber auf andere Weise weiter nach vorne. Andersrum steht das typische Downbeat-Publikum wieder voll auf Anfang-Neunziger-HipHop, obwohl die das früher nicht hören wollten. Durch diesen Querschnitt kommen die Sachen wieder zusammen, dadurch wird es auch im Club wieder universell – wenn man mal diese typischen Black-Music-Partys, wo nur MTV-Mucke läuft, weglässt. Im Gegensatz zu den USA sind in Deutschland Techno und House viel stärker Clubmusik als Hip Hop. Es ist einfach wichtig, Freestyle zu spielen und die Leute zu erziehen. Ein guter DJ guckt natürlich, dass die Party läuft, aber nutzt die Gelegenheit zu teachen, den Leuten andere Sachen vor Augen zu führen, zu zeigen, woher es kommt oder auch wohin es geht.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.