HipHop aus England. Zwischen einem Leben in Blackpool und einem Label un Manchester.
Text: Renko Heuer aus De:Bug 72

Bekennende Diebe

Im englischen Blackpool sind Vorbereitung und Timing alles, wenn man den perfekten Bruch plant und nicht auf die Nase fallen will. “Wir haben die Platte ‘Stealing’ genannt, weil HipHop natürlich immer was mit Stehlen zu tun hat. Sounds von Alben stehlen, neu zusammenstellen. Das war schon immer so.” Man könne sie daher eigentlich auch “Maintaining” nennen, so Damon Savage, Chef-Producer der Funky Fresh Few und B-Boy for life. Savage, sonst funky fresh unterwegs als D.S.C., trägt weder eine Armbanduhr, noch baumelt eine um seinen Hals, denn die Zeit in Blackpool geht anders: “Zum Glück war Zeit nie ein Problem. Grand Central ließ uns genügend Freiheiten, so dass wir nach und nach alles anschaffen konnten, um zu Hause produzieren zu können. Es reicht, wenn man zum Plattenkaufen nach Manchester oder Leeds fahren muss, dann will ich da nicht auch noch unter Zeitdruck ein Studio für ein paar Tage mieten müssen.” So gingen sieben Jahre ins Land zwischen erster 12″ und der LP. Länger noch die Zeit, die er und seine Kollegen Glen (aka OSC) und Time One mit dem Phänomen HipHop verbracht haben: Erste Mixtapes Anfang der Achtziger, Grandmaster Flash, Mantronix, später Run DMC, die eigene Imperial Arts Graffiti Crew, Breaken. “Es gab für mich auch nie wirklich etwas anderes – mal war Sprühen im Mittelpunkt, mal ein anderer Aspekt, aber es hatte halt immer was mit HipHop zu tun. Alle anderen, die früher Teil unserer Crew waren, sind jetzt verheiratet.” Das ist er natürlich auch, mit derselben “Frau”, die The Roots einst zur Liebe ihres Lebens erklärten. Die Resultate dieses Lebensstils sind einerseits natürlich Puristen-HipHop der alten Schule, andererseits ein zur Notwendigkeit gewordener Job in der Baufirma der eigenen Großmutter. Smalltown England statt Ghetto Fabulous also, was auch anderweitig zutrifft: “Es geht nicht um Blockparty oder so, es ist eher Musik, die man allein auf Kopfhörern genießt, bei einer Zigarette vielleicht.” Eine “Art Kopfnicker-Platte” sei es, nichts zum Rumhüpfen. Auch sollen keine Statements gemacht werden, so enthält einzig das Cover, auf dem eine Wand des Homestudios mit all ihren Tags zu sehen ist, eine Anti-Kriegs-Message im Klo-Spruch-Style. Aufgrund einiger namhafter Gäste aus Übersee (Craig G, Dirt Diggla, Strategy, Sinista) klingt “Stealing” dennoch nicht gerade britisch: “Klar finde ich es cool, mit amerikanischen MCs zu arbeiten, obwohl deren Einbeziehung alles auch noch ein wenig komplizierter gemacht hat. Teilweise war es sogar so, dass die Instrumentals für uns schon wieder überholt klangen, als wir sie mit den Rap-Parts zurückbekamen, was für uns bedeutete, dass alles noch einmal neu strukturiert werden musste.” Die Vorbereitungen für den ersten Coup waren ein konstantes Geduldspiel, denn selbst mit alten Freunden aus dem eigenen Land wie (Chali2Na Sound-Alike) Sage und Wig stellte sich die Zusammenarbeit als schwieriger heraus, als zuerst erwartet: “Sage wollte immer was mit uns aufnehmen, und ich wäre auch jederzeit dabei gewesen, weil er ein MC ist, bei dem man keine Bedenken bezüglich dessen haben muss, was er sagt. Er ist immer tiefsinnig unterwegs. Auf einmal wollte er aber für ein Jahr nach San Fran, so dass wir die Tracks noch schnell am letzten Wochenende vor seiner Abreise aufnehmen mussten.” Weiterhin verrät Damon, dass er noch zwei Tracks mit Sage in der Schublade hat, er denkt also schon jetzt über nächste Raubzüge nach. Logisch, wo’s doch bisher gut läuft. Mehr UK Acts sollen dabei sein, um alles zu erleichtern, mehr Leute will er ansprechen. Und treffen. Sein Netzwerk vergrößern. Vielleicht kauft er sich dafür ja doch noch eine Armbanduhr, dann aber von einem Hehler.

Funky Fresh Few, Stealing, ist auf Grand Central/Zomba erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.