"Get on da Mic" will die Blockparty ins heimische Wohnzimmer bringen. HipHop-Karaoke mit viel Westküsten-Flavour und den größten Hits soll es sein. Gegen einen ordentlichen Ghettoblaster kommt das Spiel aber nicht an ...
Text: heiko gogolin aus De:Bug 89

GET ON DA MIC
Karaoke mit den Homies

Die Verquickung von HipHop-Kultur und Videogames hört sich zunächst nicht gerade wie eine prädestinierte Liaison an. In der omnipräsenten Abkehr von bonbonfarbenen Spielewelten hin zu vermeintlich irgendwie “erwachseneren“ Inhalten schreiben sich derzeit jedoch gleich drei Titel das Bling Bling ganz groß auf die Fahne. Während der unglaublich gute intertextuelle Cocktail “GTA: San Andreas” bereits in der letzten Ausgabe ausführlich gewürdigt wurde, geht es heuer mit einem Prügelspiel vom Def-Jam-Label sowie einer HipHop-Karaoke-Sause namens “Get on da Mic” heiter weiter.
So ganz neu ist das Tête-à-Tête von Reimerei und Joypad-Akrobatik indes nicht: Der Scherenschnitt-Dackel Pa Rappa The Rappa musste bereits vor einigen Jahren Sommer-Sonne-Sonnenschein-Reime Timing-genau auslösen. Im Gegensatz zu diesem Susi-Sorglos-Setting suhlt sich die erste Liga amerikanischer Mainstream-MCs wie Method Man, Snoop Dogg, Lil‘ Kim, Busta Rhymes, Fat Joe oder Xzibit in “Def Jam: Fight for New York” lustvoll in ihrem Dasein als toughe Straßenkämpfer. Der Spieler steckt im Nu mittendrin in diesem Stelldichein an Grimmigkeit. Damit dieser beim Streben nach Geld, Macht und Respekt überhaupt eine Silbe mitreden kann, investiert man seine in fast schon Wrestling-mäßigen Duellen gewonnene Kohle brav in XXXL-Rocawear-Outfits, ersteht funkelnde Klunker oder lässt seinen Körper von Weißbrot Henry Rollins persönlich trainieren. Stumpf ist Trumpf, lautet die Devise. Während die nonverbale Auseinandersetzung um die Diskurshoheit in Big Apple für die Rapper sicherlich eine gute Gelegenheit darstellt, die eigene Gangster-Selbstinszenierung auf ein neues Level zu hieven, wäre mir persönlich ein Puppetmastaz-Prügler mit etwas mehr comichafter Überzeichung und dickeren Beats wesentlich lieber gewesen.

Ghetto in der Konsole
Im brandneuen “Get on da Mic” von Eidos darf der Spieler dagegen selbst die Hand ans mitgelieferte Mikrophon legen, um sich vom Nachwuchs-Reimer vor dem heimischen Badezimmerspiegel bis zur eigenen Welttournee hochzutexten. Die Auswahl der 40 Karaoke-Tracks ist abwechslungsreich und reicht von Klassikern (“Rappers Delight”, “Rebel without a Pause”) bis hin zu aktuellen Smashern wie “Pass That Dutch” von Missy. Auffällig ist der hohe Anteil an Proleten-Kram (Ruff Ryders und Co.) sowie West-Coast-Gangsta-Shit (California Love, Dre Day), wobei gerade Darbietungen von letzterem nach einigen Sportzigaretten durchaus die Glocken rocken. Um aus dem freien Spiel Karaoke eine feste Form mit Gewinnern und Verlierern zu zimmern, braucht es verbindliche Regeln. Sonys diesbezügliches Flaggschiff “Singstar” ermittelt dazu, technisch innovativ, die Tonhöhe der getrillerten Passagen und vergibt entsprechende Punkte. Dass diese Bewertungsgrundlage im HipHop-Kontext, z.B. bei den nölig-nasalen Flows von Snoop Dogg oder Humpty Hump (!!!), eher wenig Sinn macht, erscheint nachvollziehbar. “Get on da Mic” beschränkt sich jedoch rein darauf, zu checken, ob an den designierten Textstellen ein Signal durchs Kabel kommt oder nicht. Sprich: Wenn man anstatt zu Flowen konstant einen durchgehenden Sound mit dem Mund produziert, spielt man den Tune mit Höchstnoten durch. Ein Faux Pas, der das Spiel als Spiel leider völlig unbrauchbar macht. Auch für die offiziellen Beats hat die Kohle der finanziell strauchelnden Softwareschmiede Eidos scheinbar nicht gereicht. Während Salt’n Pepa’s “Push It” im General-Midi-Gewand gerade noch kickt, geht z.B. bei Missys “Work It” jeglicher Bounce verloren. Zudem mag das klassische Karaoke-Textfenster mit zwei eingeblendeten Zeilen für entsprechende Klassiker wie Frank Sinatra ausreichend sein, bei so manchen Hochgeschwindigkeits-Raps hat man hier ohne Textfestigkeit nicht den Hauch einer Chance. Get on da Mic ist in dieser Form als Vollpreistitel eigentlich schon Sondermüll-verdächtig, für einen unverbindlichen Videotheken-Leih übers Wochenende ist es irgendwie trotzdem ein Spaß erster Kajüte.

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Elektronische Lebensaspekte.