HipHop braucht schon lange keine dicken Autos mehr. Rod Bailey aka Mcenroe beweißt als Künstler und Labelmacher von "Peanuts & Corn", dass man zum Hoppen fürher nicht mal gebreakt haben muss. Das kanadische Netzwerk rollt.
Text: Renko Heuer aus De:Bug 73

Fresst eure Egos

“Ich benutze niemals Großbuchstaben”, so Mcenroe, Quasi-CEO und Gründer von Peanuts and Corn, der kanadischen Version von “Untergrund-HipHop auf Freundschaftsbasis mit Plattform-Charakter”. Nun sind Erdnüsse und Mais nicht gerade fancy food. Sie sind schwer verdaulich, passen nur bedingt zusammen. Abgekürzt liegen ein p und ein c auf dem Teller. Dem Plattenteller natürlich. Neben ihm liegen aber nicht die Schlüssel für den dicken Bumperwagen oder Goldkettchen, denn hier wird nachgedacht und nicht geposed. Mcenroe, eigentlich Rod Bailey und früher auch Roddy Rod of Farm Fresh hat als “owner and main producer” eine ganze Reihe von kanadischen Veteranen unter der P&C-Flagge vereint, wobei Hunnicutt, Pip Skid, John Smith und Gruf den harten Kern darstellen. Und das schon seit zehn Jahren. Im Netzwerk mit anderen Freunden (Wicked Nut, Birdapres, aber auch anticon.-CEO Sole oder Canadian Major-Artists wie Sixtoo und Buck 65) ist über diesen Zeitraum eine lange Release-Liste entstanden. Man kennt sich (schon lange), macht was zusammen. Formt Gemeinschaftsprojekte wie Park-Like Setting, Farm Fresh oder Fermented Reptile. Nice, smooth and simple, das Ganze. So sind alte Freunde nunmal. Was wie bedachter Puristen-HipHop mit hohem Kopfnick-Faktor klingt, hat seine Roots aber doch woanders, so sagt Mcenroe: “Für mich war Punkrock super wichtig, aber auch Leute wie Elton John, Michael Jackson, Van Halen oder The Beatles haben mich beeinflusst. Absolut. In den letzten zwei Jahren waren auch eher Radiohead wichtig, es gab nicht wirklich viel spannenden HipHop, für meinen Geschmack.” Ein verwunderliches Statement, wo doch gerade in der letzten Zeit vermeintlich interessantere Projekte diesseits und jenseits des Atlantiks aus dem Boden sprießen. Trotz dieser unerwarteten Einflüsse ist alles, was Mcenroe und seine Crew anfassen, dennoch HipHop. Das von ihm produzierte Fermented Reptile (Wicked Nut mit Gruf) Album “Let’s just call you quits” aus dem Jahr 1999 ist eine beispielhafte Reise in die P&C-Speisekarte: Über langsamen, bedachten Beats durchleben die beiden “an adventure into politics, culture, and a little bit of anger”. Tragikomisch werden Statements wie “you see this watch? that watch costs more than your car. I made ninehundred-seventy thousand dollars last year. you see? that’s who I am, and you are nothing” (The Law) mit ihren Gegenentwürfen verschränkt. Mcenroe liefert dazu einen angenehm warmen Sound, voller Rhodes und Upright Bass. So schön kann Kritik klingen. Es versteht sich von selbst, dass die DIY-Ethik verbietet, irgendwas aus der Hand zu geben: “Ich treffe Entscheidungen, mache die Designs für die CDs, verschicke sie selbst. Ich sehe es als Herausforderung, und die beste Bezahlung dafür ist in der Regel die Reaktion des Publikums, auch wenn es noch so klein ist.” Trotz der geringen Größe ist P&C seit anderthalb Jahren zum Beruf geworden: “Ich hätte auch auf nichts anderes Lust, obwohl, ich könnte mir eigentlich auch vorstellen, als Basketballlehrer zu arbeiten.” Basketball mag zwar mit HipHop verbunden sein, doch generell hält Mcenroe nicht sonderlich viel von klassichen Genre-Werten: “Ich hab nie Graffiti gemacht oder gebreakt. Auch als DJ tauge ich nicht allzu viel.” Dazu kommt, dass er Vinyl zwar als wichtiges Element von HipHop bezeichnet, aber trotzdem lieber CDs hört und sich fürs Produzieren auf seine Instrumente und den geliebten Mac beschränkt. Es wirkt wie ein eigener Weg, gewählt, weil “zu viele Leute einfach keine neuen Ideen rüberbringen oder mal wagen, was anderes zu machen. Für mich ist es die Hauptsache, dass wir unsere Egos überwinden, sie sind hier nicht wichtig.” Genauso wenig wie Groß- und Kleinschreibung.

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Elektronische Lebensaspekte.