Mit bitterem Ernst kommt man nicht weit, eine lässig scherzhafte Herangehensweise bewirkt da schon mehr. Auf seiner neuen Platte nimmt Prince Paul munter das ihm gut bekannte Business auf die Schippe und kanalisiert damit einmal mehr seine Unzufriedenheit mit dem Gang der HipHop-Dinge.
Text: Renko Heuer aus De:Bug 72

EIN GUTER WITZ

Jeder Job wird irgendwann einmal zum Problem, sei es nun durch Routine oder durch zu viele Hürden, die einem in den Weg gestellt werden. Man kann dann entweder aufhören, kämpfen oder sich anpassen. Prince Paul hat so gut wie alles gemacht, Sachen an der Tür verkauft, bei Mc Donald’s gejobbt, “alles, was einen degradiert, einem unangenehm ist”. Er hat sogar Toiletten geschrubbt, bis dann De La Souls “3 Feet High And Rising” wie eine Bombe einschlug, damals, vor fast fünfzehn Jahren. Von De La als “Plug 4” bezeichnet, produzierte der Dewdooman noch die beiden folgenden Alben, trennte sich dann aber 1994 endgültig von der Long Island Crew, doch die nächste Formation stand bereits: Gravediggaz. Zu viele Ideen waren abgelehnt worden, hatten den Wind aus den sonnigen Segeln der Native Tongues genommen, so dass sich der Himmel verdunkeln musste, wobei RZA, Poetic und Fruitkwan noch schnell ins halb untergegangene Boot gezogen wurden. Die Aggressionen schrieben sie im “Diary Of A Madman” nieder. Das Kind von Wut ging “6 Feet Deep”.

PAUL:
Der Split mit De La musste kommen. Wenn wir uns damals nicht getrennt hätten, wären wir heute wahrscheinlich Feinde. Und da war auch nichts Spektakuläres, nicht wie alle denken, dass ich Pos angeschossen hätte. (lacht) Mein Stuff war einfach zu locker, zu goofy und passte nicht mehr ganz zu den Attitüden von De La. Dazu kam, dass damals alle “De La Soul Is Dead” richtig schlecht fanden, es war da noch nicht so der Klassiker. Hat halt gedauert. Naja, da kamen die anderen drei gerade recht und wir konnten zusammen unsere Aggressionen rauslassen.

DEBUG:
Ist die neue Platte, “Politics of the Business”, ähnlich ausgelegt, ist sie auch aus einer solchen Wut entstanden?
PAUL:
Exakt. Sie ist, um genau zu sein, die dritte Platte meiner Karriere, die als Kritik gemeint ist und die aus irgendeiner Form von Unzufriedenheit entstanden ist. Wenn man sein ganzes Herz an eine Sache hängt und dann immer solche Tiefschläge bekommt, muss man doch irgendwas machen. Das erste Mal, als meine Gefühle derart verletzt waren, war bei den Gravediggaz, dann kam später “Psychoanalysis”, mein erstes Soloalbum, das rückblickend wohl eines der wichtigsten war, ein echter Turning Point. Naja, und “Politics Of The Business” ist wieder aus so einer Stimmung entstanden, wobei ich allerdings diesmal mit Humor rangegangen bin.

DEBUG:
Wie konnte denn “Psychoanalysis” zu so einer wichtigen Platte werden, sie war doch nur in einer Auflage von 1000 Stück geplant, als Seitenprojekt?
PAUL:
Ja, so war es ursprünglich geplant, und es ist auch eine Menge billig produziertes Zeug mit Freunden aus der Nachbarschaft drauf. Trotzdem hat sie so weite Kreise gemacht, dass ich z.B. mit Chris Rock oder Dan the Automator in Kontakt kam. Ich und Dan haben ja später die Handsome Boy Modelling School gegründet. Sogar Tommy Boy (sein Plattenlabel aus der Zeit mit De La Soul) kamen wieder auf mich zu, gaben mir auf einmal alle Freiheiten, so dass ich endlich “Prince Among Thieves” machen konnte.

DEBUG:
Du hattest also schon so früh die Idee, ein solches Gangster-Hörspiel wie “Prince Among Thieves“ zu machen, 1996?
PAUL:
Ja, ich hatte das schon länger vor. Da ich ja sonst eher der laid-back Long Island Typ bin, ist das meine einzige Chance, mal endlich von einem Gebäude zum nächsten zu springen, Leute zu erschießen, auf Dates zu gehen, all sowas eben. Dazu kommt, dass ich persönlich voll auf Kiddie-Records stehe, die sich so anhören, als würde man selber die Seiten umblättern, während man der Story folgt. Das war natürlich auch wieder schwierig am Anfang, weil man sowas natürlich nicht kürzen kann, kein Bootleg der Plattenfirma präsentieren kann, aber es ging dann ja. In dem Fall habe ich einfach alle Blaxploitation-Filme genommen, sie zusammengewürfelt und einen Witz daraus gemacht.

DEBUG:
Ein Witz – so klingt auch das neue Album. So ein Overload an Feature-Artists kann doch kaum ernst gemeint sein, oder?
PAUL:
Ist es auch nicht, right, ich wollte den Leuten einfach nur zeigen, wie redundant und cheesy die ganze Musik ist, die sich heute verkauft. Neben all den Features ist auch die ganze Produktion absichtlich so cheesy angelegt. Ich wollte biten und hab daher exakt die Technik benutzt, die alle benutzen. Mal sehen, ob die Leute das überhaupt bemerken, weil sie ja vielleicht nur sagen werden “Yo, das ist dope”, obwohl ich eigentlich eher will, dass sie sich darüber wundern und letztlich auch darüber lachen. Und mir dann erst zustimmen.

DEBUG:
Kritik durch übertriebene Anpassung also. Findest du dich denn überhaupt noch in dem Album wieder, wo du doch hauptsächlich imitierst?
PAUL:
Sagen wir es mal so: Ich mag es, weil es sicherlich eines meiner besseren Alben ist, und ein guter Witz dazu. Trotzdem ist es nicht gerade mein Favorite-Album, denn ich musste mich schon ganz schön einschränken, um diesen Effekt zu erzielen. Klar, dass ich nicht jeden Song absolut fühle.

DEBUG:
Und welches ist dann dein All-Time-Favorite, wenn man von Alben spricht?
PAUL:
Mein Favorit ist auf alle Fälle Gravediggaz, die erste. Word.

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Elektronische Lebensaspekte.