Im flächenmäßig größten Land der Welt, das ist Russland, herrschen teilweise sehr korrupte Verhältnisse. HipHop bleibt davon nicht ausgeschlossen, wie Kay Meseberg bei seiner Erkundungstour feststellen musste. Denn für russischen Rap gilt: Nicht nur die Straße ist die optimale Herkunft.
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 77

Weltweiter Sandkasten-Vibe
Russischer Rap

Vor einigen Wochen rotierte im russischen Musikfernsehen ein Song des neuen Stars Alcu schwer. Mit von der Partie: Detsl. Russlands wohl bekanntester HipHopper. Der Song ist halt Pop. Aber das kann man schnell vergessen. Wichtig an dem Duett ist die Herkunft der beiden Teenie-Tröten. Alcu ist die Tochter des Vize-Präsidenten von Lukoil, eines der wichtigsten Konzerne des Landes, der sein Geld hauptsächlich mit der Förderung und Verarbeitung von Öl und Erdgas macht. Detsl ist der Sohn eines Medien-Moguls, (ehemaliger) Chef von MediaStar, die mit MusTV (dem russischen Viva) eng verknüpft sind. Man stelle sich mal vor: In Deutschland singen die Sprösslinge von Daimler-Schremp und BMG-Stein ein Liedchen, dass die Charts erobert. In Russland ist der lakonische Kommentar dazu: Solange das Benzin nicht teurer wird …

KONSTRUIERTE KARRIERE: DETSL
Detsl, aka Kyril Tomaltsky, hat sowieso soetwas von Non-Credibility, dass sich um ihn niemand mehr kümmert. Seine Karriere verlief eh nach dem Sponsored-By-Papi-Prinzip. Als Dreikäsehoch ging er eines schönen Tages vor fünf Jahren zu seinem Papa Alexander Tomaltsky und bekniete ihn, er wolle unbedingt HipHop machen. So die Legende. Papa engagierte Lehrer, die ihm das Breaken beibringen sollten. Deren Urteil: Keine Chance, der Boy hat kein Talent zum B. Also zweiter Anlauf: Musik. Papa lässt ein dickes Studio einrichten und engagiert mit Bad B. Alliance eine der namhaftesten russischen HipHop-Crews. Und einszweidrei ist Detsl 1999 gleich mit dem ersten Track Pjatnitsa (Freitag) auf Rotation. 2000 schließlich gewinnt der Teenager bei den MTV-Awards den Preis für den besten russischen Song: Vetscherinka (Party). Detsl goes Superstar.

BERLIN – RUSSLAND
Der Berliner MC Steiner hat schon mehrmals in Russland gespielt, sogar einen Track für den Rap-Division-Sampler beigetragen: “Komisch, dass jetzt bei 10.000 russischen Kids mein Song im Regal steht.” Möglich auch, dass es inzwischen 100.000 oder mehr sind. Denn oft erscheinen die Songs auf gleich mehreren Samplern. Möglich auch, dass es noch mehr sind. Denn in Russland bootleggen die Labels manchmal die Songs ihrer eigenen Künstler. So spart man Gagen und Tantiemen!
Doch zurück zu Detsl, den man als so eine Art Kriss Kross in Personalunion sehen kann. Die Bad B. Alliance, die ihn produzier(t)en, haben Detsl inzwischen aus dem Studio geworfen, so Steiner. Zu Bad B. Alliance gehörte bis Mitte der 90er auch Foox, ein Petersburger HipHop-Produzent. Foox wollte von Big Business und Charts aber nichts wissen. Er stieg aus. Seine Musik klingt heute, als ob Run DMC auf Russisch rappen und auf einen sowjetischen Frauenchor treffen. Sehr hart, sehr krass. Für mitteleuropäische Ohren gewöhnungsbedürftig. Aber interessant. Foox wurde wie viele im Ostblock von Beatstreet angefixt. Film gesehen, und um ihn war es geschehen. Mit seinen Homies wurde Breakdance geübt, mit Farbe aus Schuhpflegedosen gemalt etc. Mittlerweile ist er in den auch hier bekannten Streetworker-Projekten mit HipHop-Kids engagiert. Wird mal nach Marseille oder Berlin eingeladen, staatlich gefördert. Wenn er in Petersburg Auftritte hat, sind die meistens schon um neun oder zehn Uhr beendet. Denn die Gigs finden oft in Jugendzentren statt, in denen noch ein Hauch Kommunismus hängt. Rauchen verboten, Alkohol nur unten vor der Tür und bloß keine Drogen. Es hat manchmal den Anschein, als würde man im Berliner Böcklerpark einem sozialpädagogischen HipHop-Event beiwohnen. Oder wie eine Schülerdisco, wie Jenz Steiner anmerkt.
Überhaupt ist russischer Hiphop nicht so weit von seinen Brüdern und Schwestern in Frankreich, England, Spanien, Deutschland entfernt. Mit Malchishnik gab es schon 1992 eine Art Fanta 4, deren Songs sogar allgemein akzeptiertes Liedgut wurden, wie Jenz Steiner berichtet. Auch in der Bandbreite und in seinen musikalischen Einflüssen ähnelt russischer HipHop seinen Vettern aus Dingsda. Deflin, der aus Malchishnik hervorging, macht es auf die East-Coast-Tour. VIA Chappa aus Ufa gehen eher Richtung R’n’B Rödelheim. STDK hingegen erinnert eher an Hamburg und Miky gar kommt ethno-beeinflusst daher.
Für Jenz Steiner unterscheidet sich eher die Community stark von denen anderer Länder. Die Writer lachen über HipHopper, meint er. Was wohl auch daran liegt, dass die HipHopper ziemlich gangstermäßig um die Ecken kurven. Doch Mafia oder legal kann man in Russland nie so recht auseinanderhalten. Das einzige, was dort zählt, sind Kontakte: in jede Richtung.

RUSSLAND – LONDON: DJ VADIM
DJ Vadim kam mit zwei Jahren nach London. Dennoch genießt er großes Ansehen in der russischen Szene. Sicherlich, weil er seine Wurzeln wie auf der Fahne vor sich her trägt. Aber auch, weil er gern dort spielt, auch wenn die Gage mal nicht so üppig ist. Für Vadim ist das Spezielle an russischem HipHop seine Rohheit und der unendliche Enthusiasmus. Den Entwicklungsstand vergleicht er mit New York 1984 oder Berlin in der 90ern. “HipHop ist in Russland noch sehr jung. Er ist dort sehr stark von den sprachlichen Besonderheiten geprägt. Viele Kids haben kein MTV. Darum kreieren sie eine eigene Vision von HipHop, statt zu kopieren oder zu imitieren. Darum macht manches auch den Anschein, sehr einfach oder primitiv zu klingen.”
Es sind zwei Strömungen, die das Gesicht des russischen HipHops prägen. Einmal die Charts mit ihren Produkten und die Jungs von der Straße, die ihren eigenen Sound im Kopf haben und daran feilen. Rein zufällig kann aber aus einer Sandkastenbekanntschaft ein Brüder-im-Geiste-Ding werden. Als Steiner einmal in Moskau spielte, fragte ihn DJ Ladjak, den er dort zum ersten Mal traf, ob er denn einen Malte kenne, der auch aus Deutschland kommt. Er hat mit ihm als Kind im Sandkasten gespielt. Der Junge ging auf die Botschaftsschule. Inzwischen hat sich Jenz eines Maltes erinnert. Malte ist einer der Deichkinder und buddelt jetzt am Nordseestrand.

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Elektronische Lebensaspekte.

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