2003 war Authentizität eine sehr beliebte Wolke und HipHop das bodennahe Pendant dazu. Das Spektrum reichte von mau bis schlau und von nett bis fett, war also wie gewohnt sehr divers. Am hipsten und schicksten war Streetart.
Text: Clara Völker aus De:Bug 78

Wie authentisch.
Hauptsache HipHop

2003 gab es nicht nur eine Menge zu hören, sondern auch viel zu sehen. Was teilweise wesentlich amüsanter war als das, was sich einige offensichtlich gelangweilte und gealterte Elektronik-Musiker ausdachten, um gegen Stagnation anzutreten. Gerne besann man sich allerorts darauf, dass man früher, in den 80ern, ja eigentlich schon immer und ununterbrochen HipHop gehört hat, im Prinzip ein waschechter HipHopper sei, das bisher bloß nie so deutlich in seiner Musik hat raushängen lassen. Jetzt aber, wo z.B. Prefuse73 mit seinem zweiten Album bei Warp mal wieder sehr charmant HipHop und elektronischere Produktionsmethoden fusioniert hatte und landauf landab auch glaubhafte Label und hippe Clubs wieder HipHop laufen ließen, was zwar oft anders genannt oder nicht angekündigt wurde, war es wieder möglich, “HipHop” zu sagen, ohne dadurch den trendigen und bewussten Musikfan und Clubgänger abzuschrecken und sich als simpel gestrickten Proll zu entblößen. Im Gegenteil, 2003 wurde HipHop wieder einigermaßen salonfähig und man betonte, wie toll das doch sei, durch so einen Rapper und die vergleichsweise einfache Struktur der Beats eine unvermittelte und inhaltsvolle Ausdrucksart oder unbeschwerte Partyweise zur Verfügung zu haben. So mau wie das klingt, so belanglos erscheinen auch die meisten Versuche, sich den vermeintlichen HipHop-Roots zu öffnen. Fatness fiel vielmehr bei den Tracks ab, bei denen die Frage, ob HipHop oder nicht, völlig irrelevant war, wie z.B. bei Dabrye, der ja u.a. vom Tempo her HipHop macht, dabei aber von der Produktionsweise sämtlichen Genredefinitionen tatsächlich einen neuen und coolen Impuls gibt, das aber bereits 2002. Ebenso das Underground-Resistance-Unterlabel “Hipnotech”, das mit DJ Dez von Slum Village in diesem Jahr ihre erste LP, womit hier zehn technoide Instrumentals gemeint waren, herausbrachte und damit, wie die meisten, vom Sound her an das vorhergehende Jahr anschloss. Instrumentals waren auch bei Bling 47 der Shit, und dass Madlib und Jay Dee mal wieder absolut Hammer waren, ist eh klar. Der Trend zum Underground Rapper sorgte für Aufschwung und vergleichsweise breite Beliebtheit von MCs wie MF Doom, der in diesem Jahr direkt zwei Alben machte, eins davon bei Big Dada, die auch sowas wie Ty’s zweites Album rausbrachten und mal wieder offen für vieles waren. Überraschend waren Dizzee Rascal als britischer Garagehop-Wunderknabe und Biz Markie als legendärer Scherzkeks, langweilig war Anticons endgültiges Abdriften in Richtung Rock, nett waren noch immer Produzenten wie RJD2, ok war Lex Records, sweet waren Botanica Del Jibaro, Stones Throw und viele mehr, vor allem diverse Indielabel, aber auch Mainstream-Acts wie Outkast und insbesondere Missy. 2003 war HipHop also wieder hip, hop war’s auch und vielfältig sowieso, was sich 2004 wohl noch vermehren wird.

Der eigentliche Virus war jedoch optisch, schließlich ist HipHop ja nicht nur Musik, sondern eine ganze Lebensweise, die sich auch in sichtbaren Phänomenen ausdrückt. Streetart überflutete nicht nur Städte wie Berlin und Barcelona, auch andernorts tummelten sich Aktivisten, die den öffentlichen Raum mit Icons und Figuren beklebten und besprühten. Wobei auch da wieder galt: Shit is hip! Schließlich kann man Streetart politische Motivation unterstellen, was 2003 ja sehr populär war, man sah sie nicht nur als platte, unreflektierte und eindimensionale Aggro-Jugend-Kunst wie pures Graffiti, Streetart schien nahezu seriös und vor allem saucool. Fame! Kunst ist es irgendwie auch, Rebellion sowieso und außerdem eben wahnsinnig schick. Im Netz war das prima in so sympathischen Seiten wie woostercollective.com nachzugucken. Daneben gab es ein paar Ausstellungen zum Thema, ein paar poppige Musikvideos griffen HipHop-Ästhetik auf, und künftig werden sich Platten wohl hauptsächlich durch tolle Cover verkaufen. Die größten Glücksmomente auf der Straße bestanden 2003 dann auch im Erspähen neuer Streetart.

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Elektronische Lebensaspekte.